Laufen und Reisen - Christian Stolovitz
Es ist kurz vor Mitternacht, bläulich schimmert das Meer - vom zunehmenden Mond beleuchtet - zum Himmel. Fasziniert betrachte ich das stimmungsvolle Naturschauspiel durch das Bullauge des Flugzeuges, ehe wir zur Landung aufsetzen. In freudiger Erwartung betreten meine drei Reisegefährten und ich die portugiesische Insel Madeira. Das grüne Eiland liegt etwa 1000 Kilometer süd-westlich von Lissabon und 650 Kilometer westlich der marokkanischen Küste Afrikas. Vulkanischen Ursprungs erhebt sich die Insel aus 4000 Meter Tiefe, mehr als 1800 Meter über dem Meeresspiegel des Atlantiks. Madeira erstreckt sich auf eine Länge von 54 Kilometer und geht 22 Kilometer in die Breite.
CANICO DE BAIXO
Im Südosten, in Canico de Baixo, auf einer Steilklippe bewohnen wir Appartements mit traumhaftem Ausblick auf das Meer. Am Fuße unserer Wohnklippe liegt geschützt vor Wind und Wellen eine Tauchbasis, das Manta Diving Center.
Das Hausriff davor erstreckt sich direkt in den Unterwasser- Naturschutzpark Madeiras. Eine äußerst interessante topografische Erscheinung beeindruckt mich beim Abtauchen an diesem Ort - der Lavafinger. Dabei handelt es sich um einen vor tausenden Jahren erstarrten Lavastrom, welcher sich von der Wasseroberfläche bis in 30 Meter Tiefe erstreckt. Eine Höhle, unzählige Spalten und Nischen schaffen Lebensraum für viele Meeresbewohner.
Daneben durchwühlen Scharen von Barben den Sandboden nach Freßbarem.
Eine Flunder flüchtet eilig vor meiner Kameralinse. Tausende Sandaale stecken neugierig die Köpfe aus ihren Wohnlöchern. Etwas später, beim Tauchplatz Arena, beherrscht ein erbitterter Revierkampf zweier Papageienfische unsere Aufmerksamkeit. Eifrig hakt einer seinen Schnabel in den des Anderen.
Zappelnd, sich gegeseitig rüttelnd, messen die Kontrahenten ihre Kräfte. Drehen sich dabei im Kreis und schieben sich wie Ringer hin und her.
Der Golfstrom und das Bestehen des Unterwasser-Naturschutzparks ermöglichen hier eine große Artenvielfalt. Gewerblichen Fischfang gibt es in diesem Bereich nicht. Dementsprechend scheulos ist das Verhalten der Meeresbewohner uns Tauchern gegenüber.
Heidi verfüttert - eingehüllt in einem Schwarm von Ringelbrassen und Mönchsfischen - mitgebrachtes Brot. Barrakudas und Sardinenschwärme ziehen über unsere Köpfe hinweg. Neugierig schwimmen große Zackenbarsche bis auf Körperreichweite heran.
Einfach traumhaft.
TRAIL
Madeiras Topographie ist bergig und zerklüftet, ein Paradies für Trailläufer. Es gibt dermaßen wenig ebene Fläche, dass man sogar die Start und Landebahn des Flughafens auf Stelzen in das Meer bauen mußte. An vielen Stellen endet das Festland abrupt mit einer steilen Klippe am Meer. Eine dieser Klippen ist mit 580 Metern Höhe (das Cabo Girao) sogar das zweithöchste Kap unseres wundervollen Planeten.
Morgens, beim ersten Schrei der "Gallos" (Hähne), trabe ich die wellige Uferstraße Canixos entlang. Nur das Rauschen der Meeresbrandung untermalt das Morgenkonzert der Grillen, ansonsten herrscht Stille. Das Klima hier an der Südküste ist mild, subtropisch, mit angenehmer Morgentemperatur (+20°C), aber hoher Luftfeuchtigkeit - schweißtreibend. Hügel rauf, Hügel runter. Die Uferstraße lässt weit über das Meer blicken und fordert läuferisch einiges ab.
Nach einem heftigen langgezogenem Anstieg erreiche ich, über eine kurvenreiche Straße, das Kap Garajau. Eine dem Wahrzeichen Rio de Janeiros nachempfundene Christus-Statue schmückt den Klippenwipfel hoch über dem Meer. In die angrenzende Bucht nach Westen hin, bettet sich von der Meeresküste bis auf 550 Meter Seehöhe die Inselhauptstadt Funchal in den Berg. Oberhalb dieser monumentalen Arena, trohnt der malerische Vorort Funchals namens Monte.
Darüber, auf einem Bergsockel erhebt sich die Kirche "Igreja Nossa Senhora do Monte", welche der Schutzpatronin Madeiras gewidmet ist. Es ist der Ort, den sich der im Jahre 1921 nach Madeira verbannte Kaiser Karl I für seine letzte Ruhestätte ausgesucht hat. So werden hier meine Morgenläufe zu Erkundungstouren, und ich benutze meine Laufschuhe auch um irgendwohin zu laufen und laufe nicht nur irgendwohin um meine Laufschuhe zu benutzen. Die perfekte Symbiose zweier Leidenschaften.
Levadas-Wanderungen
Ein feiner weißer Schleier überzieht innerhalb kurzer Zeit den Himmel und verwischt den Glanz des Sonnenlichtes. Mühsam plagt sich unser kleiner untermotorisierter Leihwagen über den 1400 Meter hohen Pass Richtung Ribeiro Frio. Es beginnt zu regnen. Nichts Außergewöhnliches hier, schließlich befinden wir uns im regenreichsten Gebiet der Insel.
Dementsprechend darauf vorbereitet starten wir die Levada-Wanderung in den nebelverhangenen Lorbeerwald Ribeiro Frios.
Die Levadas, ein über die gesamte Insel verzweigtes Bewässerungs- system, wurden bereits kurz nach der Besiedelung Madeiras im 15. Jahrhundert angelegt. Damit werden die reichen Wasservorkommen vom Inselinneren zu den Wein, Zuckerrohr und Bananenterassen geleitet. Für uns bedeuten die Levadas eine einzigartige Möglichkeit abseits des Straßennetzes in die Natur vorzudringen. Und davon kann uns auch der Regen nicht abbringen. Wir marschieren. Langsam schälen sich bemooste Lorbeerbäume beim Näherkommen aus den Nebelschleiern. Mystik pur. Bartflechten und Farne wuchern von den Ästen, mir scheint wir sind in der Urzeit gelandet.
Zeitsprung. An einem anderen Tag, bei strahlendem Sonnenschein, erkunden wir die gegenüberliegende, die östliche Seite Ribeiro Frios. Wieder führt uns ein Levada-Kanal in einen zunehmend dichter werdenden Wald.
Die Artenvielfalt der Pflanzen scheint hier unerschöpflich zu sein. Kräftige Blütenfarben leuchten in saftigem Grün gebettet von allen Seiten. Im milden Klima dieser schwimmenden Garteninsel gedeiht subtropische Vegetation in erhabener natürlicher Schönheit, ganzjährig.
Nach einiger Zeit verjüngt sich unser Wanderweg zu einem in einen steilen Berghang gehauenen Steig. Wie aus einem Schwamm dringt aus allen Poren des Berges Wasser, sammelt sich in Rinnsalen, zu kleinen Wasserfällen und in den Levadas. Auf einer auslagernden felsigen Passage genieße ich den weiten Blick zu dem bizarr verwitterten Gebirgskamm mit den höchsten Erhebungen der Insel.
Vor mir erstreckt sich eine tiefe bewaldete Schlucht, gesäumt von Bergketten, dahinter zeigt sich das weite Meer.
Doch bei aller Faszination über diese naturbelassene Gebiet ist nicht zu übersehen, dass die Moderne auch vor Madeira keineswegs halt gemacht hat. Der Spagat zwischen Umweltschutz und Fortschritt ist hier allerdings ganz gut gelungen. Fast zwei Drittel der Insel wurden unter Naturschutz gestellt und die Infrastruktur fast ausschließlich am Küstengürtel entwickelt. Der Nationalpark nimmt praktisch das gesammte Inselinnere ein und bleibt somit vom urbanen Bauwahn verschont. Es bleibt zu hoffen, dass diese schöne Insel (port. Madeira =Holz) noch lange zurecht ihren Namen trägt. Denn dann würde ich gerne irgendwann wieder hierher kommen, und dabei das Leben in seiner ursprünglichsten Form - beim Laufen und Wandern - in intakter Natur genießen.
Christian Stolovitz 2013
"Bleibe nicht am Boden heften,
frisch gewagt und frisch hinaus!
Kopf und Arm mit heitern Kräften,
überall sind sie zu Haus;
Wo wir uns der Sonne freuen,
sind wir jede Sorge los;
Daß wir uns in ihr zerstreuen,
darum ist die Welt so groß.
(Goethe)
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