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Laufen und Reisen - Christian Stolovitz

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Burgenland Extrem Tour 2014

 Die Umrundung des Neusiedler Sees

 

Vor einigen Jahren setzten sich 3 Wanderer das Ziel den Neusiedler See, zur unwirtlichsten Jahreszeit, in weniger als 24 Stunden zu umrunden. Es gelang, und weil es so schön war, fasste das Trio den Entschluss die Wanderung auf der 120 Kilometer langen Strecke im darauf folgenden Jahr zu wiederholen. Die Sache bekam Medienpräsenz und es wurde kundgetan, dass nichts dagegen einzuwenden wäre, wenn sich andere bei ihrer Leibesübung anschließen würden. So kam es dann auch. Eine ansehliche Anzahl Abenteuerhungriger folgte dem Ruf. Spektakuläre Medienberichte folgten und............

Mittlerweile hat sich daraus eine Veranstaltung mit 600 Teilnehmern entwickelt und wäre nicht 1 Monat vor dem Start Anmeldeschluß gewesen, so wären es diesmal noch wesentlich mehr geworden. 

 

OGGAU   31.01.2014 - Freitag - 4:30 Uhr 

Wetter: Eisregen  bei -1°C

 

Staunend stehe ich am Start, vor dem Gemeindeamt in Oggau, inmitten einer Schar Ultraläufer. Ich bin überrascht welch weite Anreise viele auf sich genommen haben um hier zu laufen. Wo es sich doch hier um keinen Wettkampf handelt, da es weder offizielle Zeitnehmung noch Ergebnisliste geben wird. Es geht um nichts. Außer um ein schönes Lauferlebnis in freier Natur, aber das sollte reichen. Also zumindest mir, denn darum bin ich hier.

Ein ohrenbetäubender Startschuß setzt die Horde in Bewegung. Die Straßen und Wege sind spiegelglatt, manchmal schneebedeckt, manchmal beides. An der Seite meines Ultralauf-Kollegen Franz Sack trabe ich über die Staatsgrenze nach Fertörakos. Franz erzählt mir, wie fremd es ihm noch immer ist, den ehemaligen eisernen Vorhang nach Ungarn zu passieren, ohne von schwerbewaffneten Grenzsoldaten gefilzt zu werden. Ja, da geht es mir ähnlich, damit sind wir aufgewachsen.  

Vieles hat sich seit damals verändert, vieles wurde erneuert. Nicht aber die gefährlich bombierte Straße vor Balf. Darauf bei Glätte zu laufen bedeutet der Möglichkeit nahe zu stehen sich mit einer ungewollten Pirouette in die Unfall-Ambulanz zu befördern.

Vorbei an grellen Kamerascheinwerfern eines Fernsehteams erreiche ich sturzfrei und gut gelaunt den ungarischen Kurort Balf. Zaghaft beginnt das Tageslicht durch die dichte Wolkendecke wie Mehl durch ein Sieb zu rieseln. Mit lautem Geschrei fliegen unzählige Wildgänse in geringer Höhe über unsere Köpfe hinweg. Es geht mir gut, das Leben ist schön. Die besten Stunden verfliegen wie so oft am schnellsten.

Am Ortsende der 1300 Seelen-Gemeinde Hegykö erwartet mich mein Kumpel Walter, wie geplant mit einer Thermoskanne Maltodextrintee. Alles verläuft gut, und auch ich verlaufe mich beinahe, finde aber nach kurzer Desorientierung den richtigen Pfad, fort vom asphaltierten Radweg, abseits in den naturbelassenen Nationalpark Fertö. Entlang eines kleinen lieblichen Sees geht es durch ein nettes Wäldchen zu einer Koppel mit Steppenrindern. Eine herrliche Gegend. Wie schön muß es hier erst im Frühjahr sein, wenn die Natur erwacht und alles blüht. Ich verspreche mir wiederzukommen um dieses Paradies in voller Pracht zu erleben. 

Schnurgerade führt mich ein ruppiger Feldweg durch eine Weide, ehe er in die Asphaltstraße in Richtung Fertöujlak mündet. Na ja, Asphaltstraße ist derzeit nicht die korrekte Bezeichnung, es ist viel eher eine Natureisbahn. Vergeblich suche ich nach griffigen Stellen auf dem glatten Untergrund. Tänzle mal auf der linken Straßenseite, dann wiederauf der rechten, immer mit einem Bein im Spital. Aber mir passiert nichts. Mein Schutzengel ist heute in Höchstform.

Eine Schar Graugänse hockt wie angefroren auf der Eisfläche des Neusiedler Sees. Über die Brücke des Einser Kanals laufe ich durch das scheinbar vom Rest der Welt vergessene Fertöujlak. Schön mir gefällt es hier. Und das tut es sichtlich auch den Pferden , so wie sie ausgelassen durch ihre Koppel hetzen. Danach breitet sich endlose Weite. Das Blickfeld reicht viele Kilometer über die Staatsgrenze hinaus. Wie Miniaturen wirken von hier die Windräder des Windparks vom Seewinkel. Eisig bläst mir der Wind ins Gesicht. Endlos zieht sich der schmale Asphaltstreifen des Radweges.

Vom Eiswind durchgeblasen passiere ich die unscheinbare Hinweistafel mit der Aufschrift Staatsgrenze. Weiter geht es auf einer der Verkehrsadern des Seewinkels in Richtung Apetlon. Entgegenkommende Autofahrer hupen, zeigen mir den Finger. Nein nicht den Mittleren, sondern den Daumen nach oben. Heute verzeiht man uns Fußvolk kleine Verkehrsbehinderungen, heute ist unser Tag, man weiß Bescheid. Die Medien haben ausführlich über diese Tour berichtet. Schön ausnahmsweise auf etwas Toleranz zu stoßen.

Eine lange Gerade löst die andere ab. Auf diesem Streckenabschnitt sind mentale Muskeln gefragt. Etwas Abwechslung bringen die Orte Apetlon und Illmitz. Danach gesellt sich mir ein etwa gleichaltriger Läufer an meine Seite. Gemeinsam traben wir plauschend durch die Hölle. Ja richtig gelesen, dieser Teil des Nationalparks heißt Hölle. Warum, das weiß niemand ganz genau. Wer aber diesen Ort (einen der Hitzepole Österreichs) schon einmal im Sommer besucht hat, muß keiner mit lebhafter Fantasie sein um zu erraten aus welchem Grund eines der schützenswertesten Vogelparadiese Europas diesen wenig einladenden Namen erhalten haben könnte. 

 

12:20 Uhr - Podersdorf    Ich bin wieder solo unterwegs, mein Begleiter pausiert. 78 Kilometer liegen hinter mir. Werner, mein Schwager, erwartet mich wie vereinbart im Zentrum der Seepromenade, schießt Fotos und reicht mir Cola. Der hohe Zucker und Koffeingehalt dieses von mir selten konsumierten Gebräus tunt mich sofort. Weiter entlang des malerischen Schilfgürtels zieht sich der Radweg nach Weiden. Ich beobachte eine rustikale Schilfschneidemaschine, wie sie langsam über die Eisfläche im Randbereich gleitet - es ist Erntezeit. Ein gutes Stück vor mir erspähe ich einen Läufer, welcher immer wieder in kurze Gehpausen wechselt. Gelegentlich blickt er zurück, so als fühle er sich verfolgt. Mein Abstand verringert sich. Immer häufiger wendet er seinen Kopf um Ausschau zu halten, bis er schließlich zum Stillstand kommt. Ich rücke auf, blicke in ein erschöpftes Gesicht und laufe grüßend an ihm vorbei. Im Bereich des Stadtgebietes Neusiedl überhole ich weitere Läufer, welche offensichtlich zu ehrgeizig gestartet sind und nun die Rechnung dafür bekommen.

Winterlich trüb bleibt auch der Nachmittag. Die Sonne zeigt sich nicht einmal andeutungsweise durch die dichte Wolkendecke. Kurz quält sich die Temperatur minimal über den Gefrierpunkt, fällt aber bald wieder in den Frostbereich. Der Boden bleibt glatt.  

Extrem Tour-Kopie-1 

Macht nichts, mir geht es gut. Ich genieße es tempomäßig diesmal nicht an meine Grenze zu gehen und bleibe somit auch noch nach 100 zurückgelegten Kilometern im grünen Leistungsbereich.

Meine Gedanken schweifen um die historische Bedeutung des letzten Teilstückes der Seeumrundung. Dieser Streckenabschnitt, der Radweg von Purbach nach Oggau, verläuft direkt auf der Bernsteinstraße, einer alten Handelsroute. Die Römer nutzten diese Route zur Umgehung der Alpen, als winterfeste Verbindung der Adria zur Ostsee. Und ich nutze diesen Weg heute um zum Ausgangspunkt der Seeumrundung, nach Oggau, zurückzukommen. Der Kreis schließt sich. 

Die Abenddämmerung und ich treffen gemeinsam in Oggau ein. Von motivierenden Anfeuerungsrufen, hinkender - sich schmerzvoll dahinschleppender Wanderer begleitet, laufe ich den letzten der 120 Kilometer durch den Ort. Viele Teilnehmer haben verletzungsbedingt oder wegen Überlastung aufgegeben und wurden vom Shuttle-Dienst unterwegs aufgelesen und hierher zurückgebracht. Oggau gleicht zu diesem Zeitpunkt einem orthopädischen Genesungsort. Nach 12 Stunden 56 Minuten erreiche ich in guter Verfassung das Rathaus, wo ich von meinem Betreuer Werner und einer applaudierenden Menschenansammlung empfangen werde. Eine hübsche junge Dame spielt ein Trompetensolo, während man mir eine Anstecknadel mit dem Logo der Veranstaltung überreicht. Die Organisatoren haben hier wirklich eine ordentliche Menge an Herzblut einfließen lassen.

Noch einen kleinen Imbiss im Rathaus, nebenbei ein unterhaltsames Schwätzchen mit künftigen Aspiranten - gemütlich beende ich einen schönen, bewegungsintensiven Tag, der weder von Wettkampfgedanken noch von einer Stoppuhr beherrscht wurde. So schön kann Sport sein.

 

 Christian Stolovitz 2014  

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