NEPAL - 2o14
Nepal ist flächenmäßig etwas größer als die Schweiz und Österreich zusammen. Die etwa 29 Millionen Einwohner unterteilen sich in 60 Völker mit ebenso vielen Sprachen und verschiedenen Religionen. Nepal gehört zu den ärmsten Ländern der Welt. 70 Prozent seiner Einwohner leben in Armut, viele finden ein karges Auskommen in der Landwirtschaft. Noch immer sind ein großer Teil der Menschen dieses Landes Analphabeten. Nepal ist aber auch faszinierend gegensätzlich und das beginnt schon bei der Topografie. Im südlichen Teil erhebt sich tropischer Dschungel nur wenige Meter über dem Meeresspiegel, während im Norden einige der höchsten Berge unseres Planeten im Himalaya-Gebirge tronen. Unser Abenteuer aber, das beginnt in Kathmandu.
Kathmandu
Endlich verlassen wir nach mehrmaliger, nebelbedingter Flugverzögerung New Delhi. Tosend, vibrierend hebt sich der Air Bus durch die Wolkendecke. Darüber strahlender Sonnenschein. Ehrfurchtsvoll, mit einem Klos im Hals blicke ich durch das Bullauge. Wir befinden uns in 9800 Meter Höhe. Parallel zu uns erstreckt sich, beinahe auf Augenhöhe die Himalaya-Gebirgskette in prachtvoller Schönheit. Ein atemberaubender Anblick. Atemberaubend (diesmal im wahrsten Sinne des Wortes) ist auch die Ankunft in Kathmandu. Smog, Staub und Lärm dominieren die einzige Metropole Nepals. Wiens Südost-Tangente zur Hauptverkehrszeit ist ein Luftkurort dagegen. Wir befinden uns südlich der 3000 Kilometer langen Himalaya-Gebrigskette in einem Tal mit mildem Klima auf etwa 1300 Meter über dem Meeresspiegel.

Mit geschulterten Rucksäcken wandern Heidi und ich in Richtung Altstadt. Enge Gassen, mittelalterliche - renovierungsbedürftige Gebäude, unebene steinige Straßen, unzählige Mopeds, klapprige Kleinlastwagen und Rikschas bahnen sich im Schneckentempo ihren Weg durch das Menschengewusel. Eine für uns ungewohnte surreale Kulisse, die Eindrücke überwältigen uns. Skurril wie hier Armut und Rückständigkeit auf neuzeitliche,
motorisierte Fortbewegung treffen. Wir marschieren durch eine völlig fremde Welt und haben den Eindruck daß hier die Zeit irgendwie stehen geblieben zu sein scheint. Uns begegnen viele freundliche, ausgeglichene Menschen. Und so etwas sind wir als Europäer gar nicht mehr gewohnt. Irgendwie scheint die Nepalesen nichts aus der Ruhe bringen zu können. Der Geist des Buddhismus und des Hinduismus ist allerorts zu spüren. Kühe trotten ihrem freien Willen überlassen, ziellos durch die Straßen, plündern ungehindert Müllsäcke und die Lebensmittelopfergaben der Gebetsstätten. Gelegentlich nehmen sie am Straßenverkehr teil - verursachen erhebliche Verkehrsbehinderungen - doch auch solche Situationen bringen Nepalesen nicht in Rage. Somit haben die Kühe quasi ihre heilige Ruhe. Mensch und Tier leben hier Seite an Seite, in Harmonie.
Doch wie so oft gibt es auch hierbei eine Ausnahme. Dafür sorgen des Homo sapiens nächste Verwandte, die Affen. Genauer gesagt die Rhesusaffen, welche die glaubensbedingte Schonung der Tiere schamlos ausnützen. Wie Unschuldslämmer hocken diese hinterlistigen Wegelagerer auf den Bäumen der Tempelanlage Swayambhunath, am Westrand Kathmandus. Ahnungslos besteigen wir den Hügel zur ältesten Stupa
(Reliquienschrein - ca. 2500 Jahre alt) Nepals, bewundern die zahlreichen Heiligtümer, gesäumt von buddhistischen Klöstern und Tempeln.
Plötzlich springt aus dem Hinterhalt ein großgewachsener Rhesusaffe, zerrt an Heidis Jackenärmel, um ihr frech den Schokoriegel, welchen sie gerade nascht zu entreißen. Während sich meine Tierliebe situationsbedingt in den Hintergrund drängt, hole ich aus, um den unverschämten Angreifer mit einem Fußtritt abzuwehren. Blitzschnell springt das wendige Tier zurück, im nächsten Augenblick steht es mir mit gefletschten Zähnen gegenüber. Es gibt Momente im Leben, die laufen wie in Zeitlupe ab. Dieser war so einer. Ich ziehe meinen Pfefferspray, richte die Mündung direkt in das zur Fratze werdende Affengesicht, während sich mein Zeitgefühl in den Stand-by-Modus begibt. Wie lange wir uns so gegenüber gestanden sind kann ich beim besten Willen nicht beurteilen. Erst nachdem der erfolglose Dieb sich ohne weiteren Angriff laut protestierend davon macht, geht meine Wahrnehmung wieder in den Normalbetrieb.
Ansonsten ist Swayambhunath ein sehr friedlicher Ort, wo der religiöse Glaube auch noch die Poesie des Lebens zu sein scheint. Ich fühle mich hier sehr wohl und dennoch freue ich mich, nach einigen Tagen in dieser großen Stadt, hinaus in die Natur, hinauf in die Berge zu kommen.
Pokhara
Abenteuerlich, aufgrund der Beschaffenheit der Straße, gestaltet sich auch unsere 200 Kilometer lange, siebenstündige Busfahrt von Kathmandu nach Pokhara. Pokhara liegt etwa in der Mitte Nepals, 70 Kilometer südlich von Tibet und 80 Kilometer nördlich der Indischen Grenze.

Aufgrund dieser Lage, war die Stadt früher ein wichtiger Handelsort zwischen Indien und Tibet. Nun bereitet man sich auf den Massentourismus vor. Hotels werden aus dem Boden gestampft, Restaurants eröffnet, Geschäftslokale sind im entstehen, die Globalisierung hält Einzug. Im Südwesten, an der Uferpromenade des idyllischen Phewa-Sees lassen wir einige Tage unsere Seelen baumeln. Unser Hotelzimmer ist spartanisch eingerichtet und abgewohnt. Dauerhafte Stromausfälle sind an der Tagesordnung. Mancher abendliche Toilettengang endet mit hygieneakrobatischen Übungen bei fahlem Kerzenschein. In Europa würde man meinen in einer veralteten minus 3 Sterne Pilgerherberge gelandet zu sein. Doch hier, im Herzen Nepals, genießt dieses Hotel den Ruf eine gute Adresse zu sein. Wir sind diesbezüglich ja schon einiges gewohnt, haben uns gemütlich eingerichtet, fühlen uns wohl. Ja und das Panorama welches sich vor unserem Balkon breitet, steuert einiges dazu bei. Annapurna I (8091M), Annapurna South (7219M) und das Matterhorn des Himalaya der Machhapuchhre (6993M). Was will man mehr.
Annapurna 100 Ultra Trail Race
Freitag 28.Februar
Am frühen Morgen werden wir telefonisch benachrichtigt, dass zu Hause ein uns sehr nahestehender Mensch überraschend in ein Krankenhaus eingeliefert wurde und mit dem Tod ringt. Wir fallen aus allen Wolken. Sofort werden Pläne geschmiedet wie wir am schnellsten nach Hause kommen. In weiteren Telefonaten erfahren wir, dass man außer zu beten ohnehin nicht helfen könne, da nicht einmal ein Besuch in der Intensivstation möglich sei. Nach eingehender Abwägung der Situation entschließen wir uns zu bleiben. Denn beten können wir schließlich auch hier und wo wäre man dabei dem Himmel näher als am Dach der Welt.
Zur Mittagszeit sitzen wir gemeinsam mit etwa 80 Ultraläufern aller Kontinente im Garten unseres Hotels und lauschen dem Briefing des Race-Directors Ramesh. Er erklärt uns den Streckenverlauf (+4030/-3871 Höhenmeter), wo Check-Points zu finden sind und dass wir den wahrscheinlich schönsten Trail der Welt vor uns haben. Das Wetter prognostiziert er uns für den morgigen Wettkampftag als sommerlich warm und rät uns Läufern nur nicht zu viel Kleidung mitzuschleppen. Ich nehme mir Rameshs Ratschlag zu Herzen, sehe in ihm als Einheimischen einen kompetenten Berater, entschließe mich mit leichtem Gepäck und luftiger Kleidung zu laufen. Ein Fehler, wie sich später herausstellen sollte.
Samstag 1.März
Lange lag ich wach in dieser Nacht. Habe über das Leben, über Schicksale nachgedacht, simuliert. Endlich am frühen Morgen aufstehen zu dürfen ist eine Erlösung. Neuer Tag, neue Hoffnung. Nun fiebere ich dem Lauf entgegen, und wieder denke ich. Heidi wird sich Sorgen machen, während sie hier auf mich wartet. Trotzdem, das Verlangen nach Abenteuer läßt sich nicht durch schlechtes Gewissen wegdenken. Noch ein gemeinsames Frühstück und schon stehe ich mit einem bunten Haufen extremer Typen am Start.
Ramesh zählt den Countdown. 6:00 Uhr, es geht los. Endlich unterwegs zu sein ist wie ein Befreiungs-schlag. Es ist noch dunkel. Wie Glüh-würmchen schweben die etwa 80 Lichtpunkte der Läuferstirnlampen durch das unbeleuchtete Stadtgebiet. Nun fühle ich mich gut, sauge die Stimmung der Umgebung in mich ein, rieche den Duft der Räucherstäbchen morgendlicher Gebetsrituale. Noch hält sich der Straßenverkehr in Grenzen. Der Lebensrythmus richtet sich hier noch hauptsächlich nach dem Tageslicht. Für energieverschwendende Beleuchtungsorgien nach dem Muster der Industrienationen fehlt es Nepal an Geld. Doch trotz der Armut scheint hier mehr Lebensfreude zu sein als in reicheren Ländern. Viele Gesichter der Einheimischen die mir begegnen sind von natürlicher Schönheit gezeichnet, welche nur jene haben die im Einklang mit der Natur leben. Ich denke, dass wir in den Wohlstandsländern die Anschauung über materielle Werte kalibrieren sollten. Nachgrübelnd laufe ich in konstantem Tempo einige Meter hinter der kleinen Spitzengruppe.
Langsam zieht der Tag heran. Das gewaltige Annapurna-Massiv fesselt meinen Blick. Durch das subtropische Klima am Südhang des Himalaya reicht der Bewuchs bis hoch auf die Berge. Die Baumgrenze verläuft an mancher Stelle erst in Gletschernähe. Es ist wunderschön anzusehen. Ich kann mein Glück kaum fassen hier zu sein. Lange habe ich davon geträumt. Nach einem Dutzend Kilometer verlassen wir den Annapurna Highway. Vorbei an den letzten Häusern Hejma-Melbots erreiche ich den ersten Check Point. An der Labestelle werden die Wasserreserven ergänzt, dann geht es ab ins Gelände.
Steil zieht sich ein steiniger Weg Richtung Wolken. Nach einigen hundert Höhenmetern passiere ich eine ausgelagerte, unbewaldete Stelle mit herrlichem Ausblick auf das Pokhara Tal. Reisterassen stufen sich wie Treppen für Riesen in die Berghänge. Angeschwemmte Felsen liegen am Talboden verstreut in einem Flussbett das jetzt in der Vormonsunzeit nur von Rinnsalen durchzogen ist. Vereinzelt stehen Hütten, da und dort, im Dickicht oder zwischen Bäumen - Traumhaft. Weniger Begeisterung kann ich für die Schlechtwetterwolken, die sich wie Atompilze über dem Gebirgskamm türmen, aufbringen.
Kurze Zeit später fallen auch schon die ersten Regentropfen. Wind frischt aus nordöstlicher Richtung auf. Fernes Donnergrollen läßt Vermutungen aufkommen, dass die Wettervorhersage so ernst zu nehmen ist wie die Wahlversprechen eines Politikers. Nebelfetzen ziehen durch die Baumwipfel. Da, eine Weggabelung und keine Anzeichen einer Streckenmarkierung. Ich laufe hin und her, bin orientierungslos, fluche. Nach einiger Zeit finde ich an verdeckter Stelle den gesuchten Wegweiser. Was denkt sich jemand dabei die kleine Tafel hier so anzubringen, frage ich mich. Es geht weiter aufwärts. Mittlerweile hat der Himmel seine Schleusen geöffnet, es schüttet wie aus Kübeln. Mir ist kalt.
Völlig durchnäßt erreiche ich den 2. Check Point - Damphus. Zitternd schlürfe ich eine Tasse heiße Suppe. Herzlich vom Betreuerteam bewirtet tanke ich Wärme für Leib und Seele. Leider nur für wenige Minuten, denn kurz nachdem ich hinter den wenigen Häuschen wieder im Wald verschwinde, kriecht mir die Kälte auch schon wieder unter die Haut. Blitze entladen sich mit grellem Licht. Donner rollen in akustischen Lawinen heran. Der nächste Check Point ist fern, umkehren kommt nicht in Frage. Nun bin ich der Natur voll ausgesetzt. Worauf habe ich mich da wieder eingelassen. Egal, da muß ich durch. Das Leben kann nur gelingen wenn man Mut zum Abenteuer hat. Und wenn es denn sein muß, ja dann auf nach Walhalla.
Zwischen glitschigen Steinplatten am Pfad fließen kleine Bäche. An flacheren Stellen stapfe ich durch morastige Lacken. Meine Gore Tex Trail Schuhe sind dicht. Eigentlich mehr von innen nach außen. Wasser welches einmal drinnen ist, geht auch nicht mehr hinaus, auch egal. Nun steht das Gewitter direkt über mir, auf ohrenbetäubende Donner folgen unmittelbar grelle Blitze. Wieder erreiche ich eine kleine Siedlung. Unter einer parapluieartigen Bambuskonstruktion drängt sich eine Ansammlung Einheimischer zur Menschentraube. Mit staunenden Blicken werde ich gemustert. Namaste - begrüße ich die Schar. Namaste - kommt es von einigen erhellten Mienen zurück. Ein älterer Mann, mit vom Wind, Wetter und Sonne gezeichnetetem Gesicht deutet mir den Weg. Ich bedanke mich mit einem Wink, laufe weiter.
Regenschutz gibt es hier leider keinen zu kaufen. Also vorwärts, weiter hinauf den Berg. Ich friere. Meine Hände sind dick geschwollen, gefühllos. Eisiger Regen prasselt nieder, Weltuntergangsstimmung. Meine Aufmerksamkeit wird in kleine Teile zerhackt. Die reale Wahrnehmung bei einem Ultralauf mit solchen Bedingungen unterliegt anderen Maßstäben. Das Zeitempfinden verläuft in Intervallen unterschiedlich. Schmerzhafte Stunden vertröpfeln im Zeitraffer. Wäre da nicht eine Uhr am Handgelenk, würde ich meinen schon den ganzen Tag unterwegs zu sein. 10:30 Uhr. Durchgefroren, dem realen Diesseits beinahe entflohen, komme ich zu einer kleinen Berghütte. Hastig winkt mir eine unter dem Vordach stehende Frau zu, in die Lodge zu kommen. Endlich.....
Im Zentrum der Hütte verbreitet ein primitiver Ofen wohlige Wärme. Ein guter Ort um sich wieder zu beleben. Etwa 10 Augenpaare starren auf den halb erfrorenen Ankömmling. Plötzlich - eine weibliche Stimme aus dem Hintergrund - "You need tea!". Etwas überrascht nehme ich die heiße Schale, mit unkontrolliert zitternden Händen, von einer brünetten Dame mittleren Alters entgegen.
"Woher kommst Du?" - fährt sie fort, diesmal in dezentem Bayerisch. Ich glaube schon mich verhört zu haben, denn dass mein Name auf der Startnummer am Laufshirt wie eine Herkunftsbekenntnis steht, daran denke ich in diesem Augenblick nicht. Sichtlich erfreut einen Sprachverwandten gefunden zu haben erzählt die nette Person von ihrer münchener Herkunft, dass sie gerade auf Trekking-Tour ist und hier das Unwetter (sprich: Sauwetter) abwartet. Genußvoll schlürfe ich den wundervoll duftenden Tee, beantworte ihre Fragen, erkläre meine Situation. Während dessen schneidert eine Einheimische - nach meiner Anfrage bezüglich Regenschutz - aus einem gelben Müllsack, einen einfachen aber zweckmäßigen Poncho. Die heimelige Athmosphäre lädt ein zu verweilen. Um vor solchen Gedanken zu fliehen, streife ich schnell das Nylon über, zahle 100 Rupies (ca. 80 Cent) und verabschiede mich. Ziehe weiter über Steintreppen und auf Lehmboden durch den Wald.
Regentropfen fallen immer spärlicher, schließlich endet die Gießerei gänzlich. Farben der Landschaft werden wieder lebhafter, Vögel zwitschern. Langsam erhöht sich meine Körperwärme in den Wohlfühlbereich, laufen macht wieder Freude.
Ohne wesentliche Steigungen, relativ flach zieht sich der Trail nun dahin. Gleichmäßig, im Jive-Takt trabe ich den Pfad entlang. Zeit um herrliche Eindrücke aufzusaugen. An alten, teils bemoosten Bäumen hängen lange Flechten herab. Zaghaft reißt die Wolkendecke auf, die Umgebung wirkt dadurch sogleich wieder freundlicher.
Plötzlich endet der harmlose Steig an einem steilen Hang. Bedenkenlos hüpfe ich abwärts, rutsche weg und bezahle den Leichtsinn mit einer harten Landung auf der rechten Gesäßhälfte. Mühsam stemme ich mich hoch. Stechender Schmerz zieht bei Belastung des rechten Beines durch die Hüfte. Schreck kriecht durch die Glieder. Zum Glück dürfte nichts gebrochen sein. Nachdem ich die Schwerkraft wieder einigermaßen unter Kontrolle habe, quäle ich mich peinvoll die Böschung herab. Erst vorsichtig, um nicht ein weiteres Mal ungewollt die Backenbremse einzusetzen, dann schon etwas flotter, bald wieder in gewohntem Laufrhythmus. Die visuelle Kraft der Landschaft läßt mich meine Blessuren ertragen.
Buddhistische Gebetsfahnen wehen an Pässen, Hütten und anderen exponierten Stellen im Wind. Fünf verschiedene Farben, welche sich aneinandergereiht immer wiederholen, symbolisieren die Elemente. Dabei steht die Farbe Blau für den Himmel, Weiß für die Wolken, Rot für das Feuer, Grün für das Wasser und Gelb für die Erde. "Rlung rta" werden die Fahnen in der tibetischen Sprache genannt, das heißt übersetzt Wildpferd. Das Symbol des Wildpferdes befindet sich in der Mitte der mit Mantras bedruckten Stoffstücke. Es soll die Gebete, Wünsche, Hoffnungen direkt zum Himmel tragen und für einen guten Äther sorgen. Daher werden die Fahnen erst in stark verwittertem Zustand erneuert. Das gefällt mir und obwohl ich bekennender Christ bin, spiele ich schon mit dem Gedanken wo ich zu Hause solche Fahnenketten anbringen werde. Das eine sollte das andere nicht ausschließen wenn es um eine gute, friedliche Sache geht, denke ich.
Mulis und Büffel streifen durch die Gegend, grasen oder liegen einfach herum.
Ein kleines Hirtenmädchen befragt mich nach "sweets". Ich schenke ihr meine restlichen Kekse und sehe als Belohnung dafür in ein glückliches Gesicht. Über eine Hängebrücke quere ich den Fluß nach Gandruk. Der Ort Gandruk liegt malerisch in einen Berghang gebaut, entlang einer alten Handelsroute. Vorbei an den ersten Hütten führt der Steig über 500 Höhenmeter auf nur 2 Kilometer Distanz zum nächsten Check-Point Gandruk-Gate. In den Hang gehauene Terrassen auf denen die hier lebenden Menschen ihr karges Auskommen durch landwirtschaftliche Nutzung des Bodens finden, säumen den Weg. Eine der mich am meisten beeindruckenden Zierden der Bergbewohner jedoch ist ihre Leichtfüßigkeit im unwegsam, steilen Gelände. Wie Bergziegen im Menschenkostüm huschen sie dahin. Selbst in fortgeschrittenem Alter wirken sie noch beweglicher und leistungsfähiger als viele Jugendliche in modernen Großstädten. Sogar als Läufer muß man ständig darauf achten, dass man an schwierigen Passagen nicht von einem Stock schwingenden Senior überholt wird.
Hinter dem Check-Point, auf der Terrasse des urigen kleinen Sherpa-Hotels, reicht mir ein Betreuer heißen Tee. Ich genieße, nehme mir dafür aber wenig Zeit, muß weiter. Das heißt eigentlich ein Stück wieder zurück. Denn Gandruk-Gate ist die Sackgasse unserer Laufstrecke. Hier gilt es die 500 Höhenmeter wieder talwärts zu laufen, um den Berg auf der anderen Seite des Sattels noch wesentlich höher zu erklimmen. Noch dazu ist das Ganze von hier aus übersehbar. Beeindruckend, eine mentale Prüfung.
Flott, aber trotzdem mit kalkuliertem Risiko trabe ich über schmierige Felsen abwärts. Eine Konzentrationslücke, Augenblicke der Unachtsamkeit und schon befinde ich mich auf dem falschen Pfad. Es folgt eine unfreiwillige Sightseeing-Tour am Südhang Gandruks. Na ja, man gönnt sich halt sonst nichts.
Nach lustwandeln ist mir jedoch nicht zumute. Nochmals lege ich einen Zahn zu, um nicht zu viel Zeit zu verlieren und erreiche früher als erwartet den Trail. Der Vorsprung zu meinen Verfolgern ist respektabel. Einige begegnen mir am Fuße des Hanges, andere erst nach der Hängebrücke. Nicht alle werden das Ziel erreichen. Abermals treibe ich mich über einen heftigen Anstieg, diesmal Gandruk gegenüberliegend. Lange und mühsam. Nun bin ich wieder alleine. Kein Mensch weit und breit. Alleine zu sein heißt sich selbst ertragen zu müssen. Damit komme ich zurecht.
Ja, gut komme ich damit zurecht. Solo zu laufen ist für mich ein Waschgang für den Geist. Endlich oben. Am Paß - mit herrlichem Blick zum Annapurna Gipfel - angelangt, belohne ich mich mit einem Schokoriegel. Weiter, die Zeit verrinnt. Grauschattig zieht die Abenddämmrung heran. Alles ist gut. Nur die Zweifel, vor Einbruch der Nacht den Check-Point Hejma nicht mehr zu erreichen, stimmen mich bedenklich. In Hejma erst in der Dunkelheit anzukommen wäre ja eigentlich kein Problem, hätte ich die Stirnlampe bei mir und nicht dort deponiert. Es ist ein riskantes Spiel mit der Gesundheit im Finstern in unwegsamen Gelände zu laufen. Unausweichlich zieht eine Wolkendecke heran, die bevorstehende Neumondnacht verspricht stockdunkel zu werden.
Neumond
Rabenschwarz bricht die Nacht herein. Das Gefühl für die Zeit ist verschwunden. Endlich funkeln mir, etliche Höhenmeter tiefer gelegen, Lichter entgegen. Wie eine Motte werde ich von der Beleuchtung angezogen, stolpere den steinigen Hang talwärts und erreiche mit einer ordentlichen Portion Glück sturzfrei den Kontrollpunkt Hejma. Hier ist auch gleich die Verpflegungsstelle, wo ich meine Dropbox mit Stirnlampe, Powergels und Magnesiumpulver, wie geplant vorfinde. Passt. Hosoi aus Japan ist kurz vor mir angekommen. Er wirkt etwas verstört. Sein Begleiter aus England steigt soeben aus dem Rennen, nun muß er alleine weiter. Wir kommen ins Gespäch. Hosoi spricht perfekt Englisch. Etwas entmutigt erklärt er mir mit der Orientierung am Trail nicht ganz zurecht zu kommen. Im Nu herrscht Einigkeit unter uns den Lauf gemeinsam fortzusetzen. Gut so denke ich mir, vier Augen sehen mehr als zwei. Schnell die Getränkeflaschen befüllt und los.
Zügig folgen wir einem, für hiesige Verhältnisse breiten, befahrbaren Straßenband. Die motorisierte Zivilistion hat uns wieder. Zum Glück gibt es hier nur wenige Kraftfahrzeuge und in der Nacht fährt in Nepal ohnehin kaum jemand. Die Dörfer sind um diese Zeit wie ausgestorben. Das bringt aber auch den Nachteil mit sich, niemanden um Auskunft nach dem Weg zum nächsten Dorf, welches auf unserer Route liegt, befragen zu können. Allerdings dürfte sich zu verlaufen hier sowieso nicht leicht möglich sein, denke ich. Arglos traben wir einige Kilometer dahin. Die Straße wird schmäler und endet plötzlich direkt an einem Flußufer, gemeinsam mit der Hoffnung problemlos ins Ziel zu kommen. Sackgasse. Für einen Moment schiebe ich meine beim Langstreckenlauf erworbene Tugend der Zurückhaltung beiseite und lasse einen Fluch los. Vor uns Wasser, an der Seite dichtes Gebüsch. Den Fluß in der Dunkelheit zu durchqueren ist zu riskant, unerkennbar ist seine Tiefe, zu stark die Strömung. Hosoi wirkt ebenfalls ratlos. Mit unseren Stirnlampen suchen wir nach einer Markierung. Nichts.
Mit etwas gezügelter Begeisterung beschließen der Japaner und ich ein Stück zurück zu laufen, in der Hoffnung doch noch einen Wegweiser zu finden. Da fallen während des Wendens, im Schein der Stirnlampe, gebrochene Zweige in mein Blickfeld. Bein näherem Ausleuchten der Stelle, wird ersichtlich, dass ein schmaler Steig in das Dickicht führt. Also hinein ins Blätterwerk. Einige Minuten später gelangen mein Begleiter und ich zu einer steinernen Fußgeherbrücke. Hoffnung. Schnell hinüber an das andere Ufer, danach eine langgezogene Steigung hoch. Endlich finden wir den ersehnten Wegweiser vor dem Ortsbeginn Ghachoks. Leider regiert auch hier nicht die Eindeutigkeit. Der Richtungspfeil zeigt zwar zweifellos in den Ort, überläßt einem jedoch die Entscheidung, welcher der beiden Wege an der Kreuzung vor Ortsbeginn zu unserem Ziel führt. Wieder irren wir eine Weile umher. Plötzlich kramt Hosoi genervt sein Handy aus dem Rucksack. Aus einigen Metern Entfernung vernehme ich ein impulsives Gespräch, welches er mit Race Director Ramesh führt.
Während dessen steuern grelle Autoscheinwerfer direkt auf uns zu. Ein bulliger Geländewagen hält an unserer Seite. Die Insassen, junge Männer vom Organisationsteam, befragen uns nach unserem Befinden. Hosoi läßt japanische Gelassenheit vermissen, beendet schroff das Telefongespräch. Unbeeindruckt davon behalten die Jungs im Wagen gute Mine, worauf sich unser Wege-Rätsel nach kurzem Gespräch löst. Es geht weiter.
Ghachok ist ein langgezogener Ort. Aus manchen Häusern scheint Licht aus den Fenstern. Hier gibt es elektrischen Strom. Einige Bewohner Ghachoks dürften es, demnach zu urteilen, zu bescheidenem Wohlstand gebracht haben. Was wahrscheinlich auf die Erträge des Trekking-Tourismus zurückzuführen ist. Wortlos laufen wir dahin. Langsam wechselt Hosoi, ohne Kommentar, zu einem schnelleren Laufschritt. Der Abstand zwischen uns vergrößert sich. Nein, da schließe ich mich nicht an, zu groß ist das Risiko bei zu hohem Lauftempo Streckenmarkierungen zu übersehen. Plötzlich biegt Hosoi, ohne ersichtlichen Grund in eine unscheinbare Seitengasse. Ich halte an der Stelle und sehe..........nichts. Kein Wegweiser, nichts dergleichen. Der Japaner ist aus meinem Blickfeld verschwunden. Keine Ahnung was das soll.
Ich folge meinem Gefühl, welches mir schon oft ein guter Ratgeber war und laufe geradeaus weiter. Gut so, denn schon wenig später erleuchtet elektrisches Licht aus einem netten einfachen Haus die Nacht, aber noch mehr mein Gemüt. Vor dem Haus steht eine Tafel, worauf die wundervoll belebenden Worte "Check-Point" stehen. Mit Beifall und gut gesalzener Suppe werde ich von einer herzlichen Schar hier wohnender Menschen gestärkt. Zum Abschluß meines Kurzbesuches gibt es eine wort- und gestenreiche Wegbeschreibung des Streckenpostens. Leider ist ihm die englische Sprache nur wenig mehr vertraut als mir seine Muttersprache, so entnehme ich seiner Beschreibung, außer die zu laufende Richtung, nur den Namen des nächsten Ortes der am Trail liegt. Das muß ausreichen.
Die Leichtfüßigkeit ist wieder zurückgekehrt. Mit neuer Kraft und dem Ziel vor meinem geistigen Auge laufe ich durch das letzte Stück des Ortes. Hosoi bekomme ich nicht mehr zu Gesicht. Statt dessen wankt ein junger Mann des Weges. Bei näherem Hinsehen wirkt sein Zustand tranceartig. Nachdem er spät aber doch meine Anwesenheit zur Kenntnis nimmt, fühlt sich der Junge sogleich berufen mit mir zu laufen. Er labert unverständliches, wirkt verwirrt, ist mir nicht ganz geheuer. Gerne möchte ich ihn schnell wieder loswerden. Also mehr Tempo. Unerwartet hartnäckig hetzt der Bursche seinen Körper, die Marionette seines benebelten Geistes, hinter mir her. Schneller, raus aus dem Ort. Endlich von der Dunkelheit verschluckt, in die Anonymität der Nacht entschwunden. Das lästige gelalle hinter meinem Rücken verklingt. Die Macht der Stille hat mich wieder. Schön.
Nun führt die Straße ohne irreführende Abzweigungen durchgehend leicht bergab. Müdigkeit schleicht heran, da und dort schmerzt es, Folgen meines Sturzes machen sich bemerkbar. Ich liebe den Langstreckenlauf trotzdem, auch in dieser Situation. Er gibt mir das Gefühl unabhängig zu sein. Schließlich komme ich dadurch an entlegene, abenteuerliche Orte, welche man als normaler Tourist nur schwer oder gar nicht erreicht. Bewegungslust und Fitness steigern meine Lebensqualität aber auch im Alltag. Denn zu Hause, in unserer kleinen Stadt, erledige ich meine Wege entspannt zu Fuß. Lasse mir gerne den Stress, zwischen genervten Dränglern im Autostau zu stehen, am Allerwertesten vorbeigehen, bleibe entschleunigt dem Mainstream fern. Alleine dafür zahlt es sich jedenfalls aus manche Mühe auf sich zu nehmen.
("Als Läufer sind wir meiner Meinung nach direkt mit dem Ursprung unserer Geschichte verbunden. Wir spüren, was wir erlebt hätten, wenn wir vor zehntausend Jahren gelebt, Früchte, Nüsse und Gemüse gegessen und unsere Herzen, Lungen und Muskeln durch dauernde Bewegung trainiert hätten. Beim Laufen stellen wir fest, was der moderne Mensch vergessen hat: unsere Verwandtschaft mit den wilden Tieren und den Urmenschen. In dieser Rückkehr zum Ursprung des Menschen liegt, das besondere Geheimnis, an dem wir jedesmal teilhaben, wenn wir laufen." - James F. Fixx - "The Complete Book of Running")
Straßensperre
Kurze Zeit später, ein Stück weiter, blockieren zwei Geländewagen die Straße. Drei Männer stehen davor. Einer davon ist Race Director Ramesh. Aufgeregt vermittelt er mir seine Freude darüber mich gesund anzutreffen. Warum das? Ja darum, erklärt er mir weil hier vor kurzem zwei umherstreifende Tiger gesehen wurden und die Straße deshalb des weiteren gesperrt sei. Im ersten Augenblick vermute ich, dass es sich dabei um einen von Rameshs trockenen Scherzen handelt. Jedoch im folgenden Gespräch, wird mir die Ernsthaftigkeit der Situation eindringlich bewußt gemacht. Wir bewegen uns nämlich gerade in einem der letzten Gebiete unserer Erde, wo Tiger tatsächlich noch in freier Natur leben. Nur war das für mich bis jetzt absolut kein Thema, wer rechnet schon mit so einem Treffen. Verdutzt lauschen Tini und ich den Worten des Race Directors. Tini, ein Läufer aus Thailand, ist kurz vor mir hier eingetroffen und befürchtet ebenso wie ich, dass das Rennen aus Sicherheitsgründen damit für uns zu Ende sein könnte.
Zu unserer Erleichterung erfreulicherweise unbegründet, schließlich befinden wir uns in Nepal, wo es im Schadensfalle selbst für die gewieftesten westlichen Rechtsverdreher nichts zu holen gäbe. Dieses wohlwissend erklärt uns Ramesh den Verlauf einer Alternativroute, um der Gefahrenquelle auszuweichen. Im Zuge dessen bittet er uns aber, doch ein wenig mit Bedenken - wie mir scheint - gemeinsam weiter zu laufen. Kein Problem. Schnell herrscht Einigkeit, zwischen Tini und mir, uns zusammen durch die Nacht zu stehlen. Einem ungewissen Schicksal entgegen, voran - Richtung Ziel.
In Nepal, Indien und Buthan ist der Königstiger, auch Bengal-Tiger genannt, heimisch. Nach einer Erhebung aus dem Jahr 2013 soll die Zahl der freilebenden Tiger in Nepal bei 198 liegen. Diese Großkatzen sind nach den Bären die größten landbewohnenden Raubtiere unseres Planeten. Männliche Bengal-Tiger wiegen bis zu 240 Kilogramm. Zugegeben, es ist mir schon etwas unheimlich, ungeschützt durch die Gegend zu laufen, mit dem Bewußtsein möglicherweise gerade im Blickfeld einer solchen freilaufenden Raubkatze auf Beutesuche zu sein.
Jedes rascheln im Gebüsch wird wahrgenommen, jeder Augenschein erfasst. Ruhelos ziehen die Lichtkegel unserer Stirnlampen die Straße entlang. Die reale Gefahr bringt den süßen Abenteuerbeigeschmack mit sich, den ich auf meine Art irgendwie mit gespitzten Sinnen genieße. Bilder dieser intensiv erlebten Zeitspanne werde ich noch lange Zeit später aus meinem Erinnerungsvermögen lebendig abrufen können.
Meine lädierte rechte Hüfte schmerzt bei jedem Schritt. Tini hinkt ebenfalls. Wie zwei gepeinigte, überlebende eines geschlagenen Einsatzkommandos ziehen wir dahin. Unheimliche Gestalten, vor denen offenbar sogar Tiger zurückschrecken,denn die zeigen sich nicht. Im verbauten Gebiet, einem Vorort Pokharas, fühlen wir uns wieder sicher. Zeit uns näher kennen zu lernen. Tini beginnt aus seinem Leben zu erzählen. Während wir dahintraben, entwickelt sich ein interessantes Gespräch, bei dem mein seelenverwandter Begleiter und ich, außer dem Langstreckenlauf noch weitere gemeinsame Interessen entdecken. Thematisches Highlight des Austausches - der Tauchsport. Tini ist ebenso passionierter Taucher wie ich und noch dazu Betreiber eines Dive-Centers in Bangkok. Das gibt natürlich Gesprächsstoff.
Als langes schwarzes Band ziehen sich die letzten Kilometer des Annapurna-Highways unserem Ziel entgegen. Unsentimentale, harte Wettkampfatmosphäre hat beim Ultralauf wenig Platz und so überschreiten wir die Ziellinie nach 17 Stunden und 45 Minuten, kurz vor Mitternacht, gemeinsam. Für mich bedeutet das als zweitschnellster Europäer angekommen zu sein. In der Altersklassenwertung belege ich ebenso den 2. Rang. Darüber freue ich mich natürlich, wäre aber mit einem weniger guten Ergebnis auch zufrieden. Die Bedingungen waren hart, die Ausfallquote der Wettkampfteilnehmer hoch. Durchzukommen hatte einzig Priorität. Ramesh dekoriert Tini und mich mit einer schönen Finisher-Medaille, während wir uns gegenseitig gratulieren. Bedächtig betrachte ich die von Sternen zart beschienene Silhouette des gewaltigen Annapurna-Bergmassivs und denke mir wie klein wir Menschen doch sind, auch wenn unsere Wünsche, Hoffnungen und Erfüllungen manchmal sehr groß erscheinen.
TREKKING
Es fällt mir nicht leicht den Wunsch nach Nichtstun zu unterdrücken, noch weniger leicht fällt es mir allerdings tatenlos herumzuliegen. Also packen Heidi und ich unsere Rucksäcke, um tags darauf gemeinsam mit Ram (unserem Bergführer) und Christian (einem jungen deutschen Bergfex), zu einer mehrtägigen Trekking-Tour aufzubrechen.
Unser Reisegepäck bleibt im Mustang-Hotel in Pokhara deponiert, da wir auf Lastenträger verzichten, um die Personenzahl der Gruppe gering zu halten. Bei strahlendem Sonnenschein, zwischen fruchtbaren Obst, Gemüse, Getreide und Reisterassen, vorbei an Ziegenherden, marschiert es sich angenehm, bei vorerst noch sanftem Anstieg, den Berg hoch.
Abends erreichen wir die kleine Siedlung Tikhedhunga, unser Tagesziel. Ein paradiesisches Fleckchen Erde, ich bin hellauf begeistert, hier würde ich es auch länger aushalten. Über eine Hängebrücke gelangen wir zu unserem Nachtlager.
Nach einem gemütlichen Abend werden am folgenden Morgen guter Dinge die Schuhe geschnürt.
Steil zieht sich der Pfad, bei herrlicher Weitsicht, über Steinplatten den Berggrat hoch. Auf einer Höhe (über dem Meeresspiegel) wo man in den Alpen längst die Baumgrenze hinter sich gelassen hat, beginnt hier der zauberhafte Rhododendron-forest. Ein atemberaubender Urwald, saftig grün, bemoost, mit großen Farnen, der sich nahe dem Bergdorf Ghorepani zur prähistorisch anmutenden, versteinerten Kulisse wandelt.
Das Tageswerk ist vollbracht, in Ghorepani wird genächtigt. Ausgiebig genießen wir abends das herrliche Panorama, bewundern wie sich Himmel und Erde berühren. Vor uns der 8167 Meter hohe Dhaulagiri, der 1960 vom Österreicher Kurt Diemberger erstbestiegen wurde.
Ein neuer Morgen. 4:45 Uhr - wir krabbeln aus unseren Schlafsäcken. Es friert. Unsere Lodge ist nicht beheizt. Also rein in die kalten Schuhe und los gehts. Im Schein unserer Stirnlampen steigen wir unter klarem Sternenhimmel den Poon Hill hoch. Bald tauchen die ersten Sonnenstrahlen die Gipfel der Achttausender (scheinbar der Kälte zum Trotz) in warmes Morgenlicht.
Weiter geht es abwärts, dann entlang des langgezogenen, noch immer 3000 Meter über dem Meeresspiegel liegenden Thapla Danda Bergkammes. Beschneite Bambuswälder, Yaks, traumhafte Fernsicht, schöner kann Trekking nicht sein. Später, etwas tiefer gelegen, in einem mystischen Urwald, beobachten wir eine Schar lebhafter Rhesusaffen. Ein erlebnisreicher, mit unvergesslichen Eindrücken gespickter Tag.
"Wenn du in Nepal warst und keine Magenverstimmung hattest, dann warst du nicht wirklich in Nepal", steht in einem Buch eines bekannten Höhenbergsteigers geschrieben. Nun hat es auch mich erwischt, und sogar Ram, unser einheimischer Bergführer (der eigentlich den kulinarischen Würzterrorismus der örtlichen Köche gewohnt sein sollte) verschwindet immer wieder in der Botanik. "The most important papers in Nepal are money paper and toilet paper", verkündet er nach seiner Rückkehr aus dem Busch. Er weiß wovon er spricht.
Ein kohlehydratreiches Abendmahl, dazu Bier und danach eine einigermaßen erholsame Nacht in Gandruk verleihen uns nach den ausgiebigen entleerungen der Verdauungsapparate wieder Kraft um am folgenden Tag nach Naya Pul abzusteigen. Herzlich ist der Abschied von unseren Trekking-Gefährten, denn Heidi und mich zieht es in den Süden Nepals, wo uns ein total konträres Landschaftsbild erwartet.
Chitwan Jungle Tour
Etwa fünf Autostunden südöstlich von Pokhara, im Tiefland Nepals, liegt der Chitwan Jungle, unser nächstes Ziel.
Kaum angekommen lockt uns schon der Ruf des Dschungels. Auf leisen Sohlen wandern wir zum Rapti-Fluß, beobachten Sumpfkrokodile, während Arbeitselefanten gemächlich auf ihren Pfaden dahintrotten.
Im Jungle House, unserer feudalen Unterkunft schläft es sich herrlich, in mit Moskitonetzen behangenen Betten. Ein kräftiges Frühstück und schon sind wir wieder Offroad. Im dichten Dschungel, auf Elefantenrücken, läßt uns das Rotwild bis auf wenige Meter heran. Später geht es im Einbaum flussabwärts.
Aufmerksam pirschen Heidi und ich unseren Guides hinterher. Seit Stunden suchen wir schon nach den hier noch freilebenden Panzernashörnern. Es sind die letzten ihrer Art, hier im geschützten Terai-Gebiet Nepals. Bei einer Schulterhöhe von bis zu 190 Zentimeter, einer Länge von beinahe 4 Meter und über 2 Tonnen Gewicht darf man schon Respekt vor diesen Kolossen haben. "Unsere einzige Chance, im Falle eines Angriffes, unbeschadet davonzukommen ist auf den nächsten Baum zu klettern und zu hoffen, dass oben keine Raubkatze sitzt" - flüstert uns einer der Guides zu. Na super, worauf haben wir uns da schon wieder eingelassen - denke ich.
Doch die Faszination ist größer als alle Bedenken, jetzt wo wir endlich zwei ausgewachsene Exemplare der seltenen Tiere aus etwa 50 Metern Entfernung durchs Gebüsch beobachten. Der Wind weht günstig, wir bleiben unbemerkt.
Weniger adrenalinträchtig, aber umso stimmungsvoller prägt sich der morgendliche Marsch, tags darauf, in meine Erinnerung. Noch einmal genieße ich einen prächtigen Tagesbeginn im Dschungel, dann ziehen wir wieder in die Berge, diesmal in Richtung Osten.
Nagarkot
Wir sind nun östlich Kathmandus, etwa 7 Autostunden von unserer letzten Station Chitwan entfernt. Wieder ein gewaltiger topografischer und klimatischer Sprung in diesem Land der Gegensätze. Der Tag geht zur Neige, ein Gewitter zieht auf. Gemütlich sitzen Heidi und ich auf der Terasse, vor unserem urigen Zimmer auf 1920 m.ü.M.. Die 3 Achttausender Shisha Pangma, Cho Oyu und der Mount Everest bleiben vorerst hinter einer dichten Wolkendecke unsichtbar. Windböen fegen durch die Wipfel der Bäume, an den Hängen und im Tal unter uns. Wie auf einem majestätischen Adlerhorst thronen wir in unserer heimeligen Bergunterkunft. Reisterassen ziehen sich wie für Riesen gemachte Treppen vom hunderte Meter tiefen Talkessel bis zu uns herauf. Ich kann mich an diesem Panorama einfach nicht satt sehen.
Hier, wo mir das Leben der Menschen noch am ursprünglichsten erscheint, wo man trotz Armut das natürliche Lachen noch nicht verlernt hat, verbringen wir einige Tage wie sie schöner nicht sein können. Eine Zeit die wir nicht vergessen werden. Was kann es kostbareres geben?
Text und Bilder von Christian Stolovitz