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Laufen und Reisen - Christian Stolovitz

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8-Tages-Lauf "No Finish Line Monaco"

                          8-Tages-Lauf "No Finish Line Monaco"
                     Geschafft:    842,59 Kilometer     M Rang:2
Anreise

Die etwa 1200 Kilometer lange Anreise mit dem VW-Transporter meines Laufkameraden Andreas und die abschließende Irrfahrt durch Monacos enge Gassen hat uns einiges abverlangt. Und so empfanden wir beide es als sehr angenehm nach dem Check-in, im Büro des Laufveranstalters, und den nötigsten Vorbereitungen für den Wettkampf, früh abends im netten kleinen "Hotel de Paris" Ruhe zu finden. Nach einer erholsamen Nacht blickte ich erstaunt aus dem Fenster und beobachtete wie Hagelkörner auf den Asphalt der davorliegenden Straße prasselten. Na super, was für ein wenig einladender Start in den neuen Tag, auf den ich mich so gefreut hatte. Beim Frühstücksbuffet füllten wir unsere Verdauungstrakte ausgiebig, dann marschierten wir trotz weit geöffneter Himmelsschleuse gut gelaunt zum großen Zirkuszelt, der Basis des 8-Tages-Laufes von Monaco. Mitten durch das Zirkuszelt führte, über einen breiten roten Teppich, die Laufstrecke unseres 1,07 Kilometer langen Rundkurses. Messestandartige, etwa  2x2 Meter große, mit Vorhängen sichtgeschützte Kojen säumten das Zelt an einer Seite. Diese Kojen, jeweils bestückt mit einem Feldbett, waren ausschließlich für uns 8-Tages-Läufer als Rückzugsort reserviert. Also nur für jene welche für die gesamte Dauer der Veranstaltung angemeldet waren.

Vis-á-Vis, die uns frei zur Verfügung stehende Küche mit ausreichend Sitzplätzen, Mikrowellenherd, Warmhaltebehälter für Suppen, Wasserkocher und einen Warmhalteschrank für die täglich gelieferten Menüs. Beim Zelteingang erfreute mich ein Münzkaffeeautomat mit seiner Anwesenheit, dahinter standen Wasserspender und die Verpflegungsstelle wo Bananen, Orangen, Kuchen und Müsliriegel angeboten wurden. Die zweite Hälfte des Zeltes war mit Werbekojen, Verkaufsständen und einer großen Bühne ausgestattet.

Samstag 15.11.2025    14:00 Uhr

Mit einer Fülle von außergewöhnlichen Eindrücken beschäftigt warteten wir im Zentrum des Zeltes auf den Start. Der Polizist und sein Sprengstoffspürhund hatten ihre Arbeit längst abgeschlossen, doch die Fürstin ließ uns warten. Unzählige Menschen standen dicht gedrängt im Startbereich und wünschten sich, so wie ich, baldigst in Bewegung zu kommen. Dann endlich, erschien Fürstin Charléne. Sportlich, elegant gekleidet, bewegte sich die "First Lady" von Monaco lockeren Schrittes zum Startpunkt. Man überreichte ihr eine Pistole, sie feuerte in die Luft und die Menschenmasse setzte sich langsam in Bewegung.

Zu langsam für des Läufers Geschmack. Ungeduldig zappelten wir im Schritttempo des Pulks mit Fürstin Charléne an der Spitze dahin. Nach der Ehrenrunde verließ die "First  Lady" die Laufstrecke und ich kam endlich ins Traben. Na ja, mühsam ging es voran, mit Zickzack-Überholmanöver zwischen Spaziergängerinnen mit Kinderwagen und Hunden. An dieser beengenden Situation änderte sich auch für den Rest des Tages nicht viel. Erst nach Einbruch der Dunkelheit reduzierte sich die Anzahl der Menschen auf der Strecke. Erleichterung, befreit zog ich zügig dahin. Vorbei am Rosengarten ,der viel zu früh verstorbenen Fürstin Gracia Patricia, hinaus zum Kai. Entlang des Meeres, mit herrlicher Sicht auf das Zentrum Monacos. Nach dem Wendepunkt ging es im Laufschritt dem Helikopterlandeplatz, der örtlichen Flugbasis, entgegen. Danach in das grüne Herz des Rundkurses. Einen Hügel hoch, über den plätschernden Zufluss des zentralen Teiches. Dumpf dröhnten die Bretter der Brücke unter meinen Schritten. Gedimmt schien die Beleuchtung durch das üppige Grün, entlang des Weges und erzeugte eine wundervolle Stimmung.

Ich lebte auf, genoss den Lauf, und erfreute mich über mein Dasein. Es ging voran, lange bevor das Morgenlicht den Horizont erhellte hatte ich bereits 100 Kilometer zurückgelegt. Zeitig kehrten vereinzelt Läufer und Marschierer durch die Sicherheitsschleuse der Securitys, von der Nachtruhe, zur Laufstrecke zurück. Später, bei Tageslicht, strömten Menschen in Scharen herbei. Die Masse auf der Strecke wurde dichter und es war mir unmöglich nach Wunsch voranzukommen.

Doch so schwierig das Laufen in dieser Menge auch war, hatte die hohe Teilnehmerzahl bei dieser Veranstaltung auch Gutes. Denn jeder, der sich auf dem Rundkurs fortbewegte, war mit einem Chip ausgestattet, welcher die zurückgelegten Runden registrierte. Es wurden also Kilometer gesammelt und pro Kilometer 1€ für die Kinderhilfe "Children for future" gespendet. Eine sehr gute Sache. Die Gedanken daran halfen mir mit den schwierigen Bedingungen besser klar zu kommen.

Unser großes Zelt entwickelte sich tagsüber zur Partylokalität. Bands und DJs spielten mit extremer Lautstärke. An mein ansonsten übliches, einstündiges Mittagsschläfchen war nicht zu denken. Also weiter, kurze Boxenstopps beim Kaffeeautomat (Lavazza-Espresso 50 Cent), vorbei an schnatternden Enten und Gänsen am Teich, im Slalom durch den Menschenauflauf. Eine leichte Brise trug den Geruch von Kerosin vom Standort der Helikopter zu unserem Weg. Das Monaco umrahmende Bergmassiv wirkte eindrucksvoll im Kontrast zum blauen Himmel. Kois schwammen gemächlich im seichten Bereich des Teiches. Und ich ließ mich gerne von diesen Eindrücken um uns vom Gedränge auf der Strecke ablenken.

Auf und ab...

Schlaftrunken, ohne die nötige Aufmerksamkeit, für die Unebenheiten auf der Strecke, kam ich spät abends ins Stolpern, verlor das Gleichgewicht und schlug hart auf den Boden. Orientierungslos lag ich da, rang nach Luft. Der Korse, unser hilfsbereiter Ultralaufkollege Denis Orsini, half mir wieder auf die Beine. Es war mein zweiter Sturz in dieser Nacht, an gleicher Stelle, im Park. Diesmal aber mit schmerzhaften Folgen. Knie, Ellbogen, Rippen und Gesicht waren angeschlagen. Blut rann. Hinkend, danach die ersten Schritte, aber es fühlte sich an als hätte ich den Unfall ohne Knochenbruch überstanden. Gut! Denis blieb an meiner Seite. Gemeinsam trotteten wir ein Stück dahin, doch bald konnte ich der Versuchung nicht wiederstehen mein Gebein auf Lauftauglichkeit zu prüfen. Zuversicht kam auf, denn es schienen, nach dem Belastungstest zu urteilen, tatsächlich alle tragenden Teile in meinem Körper ganz geblieben zu sein. Während der notdürftigen Versorgung meiner Wunden, im Sanitätscontainer, wollte mich der Sanitäter sofort ins Krankenhaus befördern lassen. Das jedoch verweigerte ich, versprach aber, mich im Falle bedenklicher Körpersignale sofort zu melden. Also los, zurück auf die Laufstrecke.

Anfangs ging es noch etwas unrund dahin, doch bald wurde der Laufschritt wieder flüssiger und ich war glücklich darüber trotz meiner Blessuren noch im Rennen zu sein.

Nach Tagesanbruch, noch bevor im Zelt wieder Musiker lautstark loslegten, kroch ich wie geplant in meinen Schlafsack. Zugezippt, eingepuppt, weggetreten. Tiefschlaf. Eineinhalb Stunden später kostete es viel Überwindung den herrlich warmen Schlafsack zu verlassen. Kalt..... zitternd mixte ich ein isotonisches Getränk, betrachtete mein Gesicht im Spiegel und rannte, ohne viel Zeit zu verlieren, wieder los. Meine rechte Gesichtshälfte hatte Farbe angenommen. Ein Bluterguss umrahmte, neben Schürfwunden, das rechte Auge und zog sich in intensivem Rot-blau bis über die Wange. Ein Helfer, aus dem Organisationsteam, rief mir zu ich sehe aus wie ein böser Bube nach einem Faustkampf. Wir nahmen es mit Humor, denn es sah ja tatsächlich so aus als hätte ich erst vor kurzem einen Boxring verlassen.

Als Andreas und ich von unseren Seelenverwandten Freunden Helga und Martin, im Zeltbereich, überraschend erwartet wurden, kam große Freude auf. Die beiden mussten ihre Teilnahme bei diesem Lauf leider verletzungsbedingt absagen, ließen es sich aber trotzdem nicht nehmen uns zu besuchen. Hochstimmung. Das kurze aber herzliche Beisammensein beflügelte. Nach weniger als 48 Stunden lag die 250 Kilometer-Marke hinter mir und somit lief es für mich, trotz aller Umstände, unerwartet gut. Tagsüber stießen große Gruppen mit Kinder, teils in Schuluniformen, zu uns. Die Hoffnung, dass wochentags weniger Trubel auf der Strecke, als am vergangenen Wochenende, wäre schwand. Eine zufriedenstellend Laufleistung zu erbringen war also weiterhin nur in der Nacht möglich.                                                    Zwischendurch war es natürlich sehr wichtig ausgiebig zu futtern. Das fiel mir, wie immer, nicht schwer. Die Menüs, geliefert vom Monte-Carlo Catering, mundeten. Nachmittags servierte man kräftige Suppe, abends Fisch mit Gemüse. An anderen Tagen kamen Gaumenfreuden wie Aligot, Zucchini- und Polenta-Auflauf mit Ei auf den Tisch. Im Warmhaltebehälter, in der speziell für uns 8-Tages-Läufer zur Verfügung stehenden Küche, hielt man die Speisen bis spät in die Nacht genussbereit. Das Angebot der Verpflegungsstelle an der Laufstrecke blieb jedoch, wie von Beginn an, karg. 

Nur Bananen, Orangen, Müsliriegel und gelegentlich Kuchen war als Ergänzung, zur Suppe und nur einer warmen Mahlzeit pro Tag, zu wenig um unseren enormen Kalorienbedarf zu decken. Um die Leistungsbereitschaft meines Körpers zu erhalten musste ich also auf meine eigene, bewährte Verpflegung, wie Dosenfisch, Honig, Brot, etc. zurückgreifen. Nahrung fürs Gemüt gab es auf der Strecke jedoch ausreichend. Ein sympathischer, drahtiger Monegasse, im Twen-Alter, gesellte sich im Laufschritt an meine Seite. Nach einer langen, angenehmen Unterhaltung meinte er, dass ich mit meiner Einstellung zum Leben und der Liebe zum Laufsport eine gute Inspiration für ihn sei. Sehr schön, einem jungen Menschen mit positiver Denkweise zu begegnen tat auch mir gut. Später, begleitete mich eine junge einheimische Läuferin, danach ein extrem motivierter, ebenfalls aus der Umgebung stammender Bursche. Da schloss sich also ambitionierter Nachwuchs der Ultralauf-Familie an. Passt, so soll es sein!

Taktieren

Die vorderen Plätze der Rangliste, unseres Bewerbes, belegten zu diesem Zeitpunkt aber schon erfahrene, großteils ältere Teilnehmer. Justine, die starke Französin lag in Führung. Andreas, mein Vereinskollege, bewies seine Ausdauer auf dem zweiten Rang und ich folgte den beiden als Dritter.

Doch die hinter uns liegenden ließen nicht locker. Phillipe, der Franzose im Spartathlon-Finisher-Shirt, beschleunigte, rückte näher, überrundete uns. Ich bewahrte Ruhe, ließ mich nicht mitreißen. Selbst als mich Philippe am fünften Tag vom dritten Rang verdrängte und sich etwas später auf den zweiten Rang vorschob, bemühte ich mich, nicht vorzeitig dem Wettkampfeifer zu verfallen. Ein anderer konnte dem nicht wiederstehen. Der Litauer, Aidas steigerte sein Tempo. Er zog dahin als lägen zum Finish nicht Tage, sondern nur noch Stunden vor uns. Aufmerksam beobachtete mich Aidas Betreuer, ebenso wie Philippes Partnerin, wie ich auf das angriffslustige Verhalten ihrer Schützlinge reagiere. Das Taktieren hatte begonnen. Meine persönliche Taktik stand schon fest: Tempo wie zuvor beibehalten, abwarten und dabei immer schön lächeln. Letzteres trieben mir der herrliche Sonnenaufgang am Meer und die Freude darüber, dass der Schmerz um mein angeschlagenes Gerippe nachließ, ins Gesicht.

 Aidas blieb schnell, verdrängte Philippe nach einigen flotten Stunden, vom zweiten Rang. Ich hatte am Ende des sechsten Tages 657 Kilometer gesammelt, ohne mich aus der Reserve locken zu lassen. Nun aber lockerten sich die Zügel des Rennpferdes in mir und ich heftete mich an die Fersen der beiden. Als ich Philippe näher kam, und folgend mehrmals überrundete, beäugte er mich verdutzt. Aidas Betreuer entging das nicht, er wirkte unruhig. Seinen mich prüfenden Blicken begegnete ich mit einem freundlichen Lächeln. Das irritierte ihn offensichtlich, passte vermutlich nicht zu seinem Konkurrenzdenken und ich hatte zugegebenermaßen Spaß daran. Schritt für Schritt verringerte sich mein Rückstand auf Aidas. Dann verlor ich ihn aus den Augen. Er hatte unsere Laufstrecke verlassen, blieb mehrere Stunden abwesend. Nun war es angebracht mich etwas zu bremsen, um nicht Verletzungen durch Überlastung zu riskieren. Gut so, diese Maßnahme sollte sich als richtig erweisen. Denn wie man mir berichtete bekamen, sowohl Aidas als auch Philippe nach der Tempobolzerei Probleme mit ihren Laufwerkzeugen. Nach seiner Rückkehr zur Laufstrecke kam der Litauer nur noch deutlich langsamer voran als zuvor. Im Ranking lag er nun hinter mir. 20 Stunden vor dem Ende des Wettkampfes überholte ich, beschwingt von einer kleinen Adrenalinausschüttung, Philippe. Danach galt es Distanz auf die in der Wertung dicht hinter mir liegenden zu schaffen um einen Podestplatz zu sichern. Es gelang, am letzten Morgen unseres 8-Tages-Laufes betrug mein Vorsprung auf Philippe 20 Kilometer. Von da an schien der Wettkampfeifer bei allen Beteiligten wie weggeblasen. Ich genehmigte mir ein 90- minütiges Nickerchen, danach ging es nur noch flanierend weiter. Immer wieder vorbei am kleinen Wasserfall, dem Zufluss des Teiches,

neben saftigem Grün dahin, dann entlang des Meeres. Für die wundervollen Ausblicke, von unserer Strecke, konnte ich mich auch nach mehr als einer Woche noch begeistern. In den letzten Stunden war Kräftemessen kein Thema mehr. Das Ringen um Top-Platzierungen hatte ein Ende gefunden. Gemeinsam, Seite an Seite liefen wir, die zuvor noch wetteiferten gemütlich dem Zielsignal entgegen.

Ehrungen

Geschafft! Da stand ich nun also wie erhofft auf dem Podest. Nach 842,59 zurückgelegten Kilometern belegte ich den zweiten Rang in der Herrenwertung. 

Die Gesamtwertung gewann die gewaltige Justine Houter Magni, vor meinem Vereinskollegen Andreas Michalitz. Als dritter der Gesamtwertung war (mit nur 2 Kilometer Rückstand auf meinen Landsmann) ich gelistet. Dem Prestige Monacos entsprechend überreichten uns führende, politische Persönlichkeiten ungewöhnlich große Pokale. Dem noblen Fürstentum würdig ging diese schöne Laufveranstaltung zu Ende. Herzlichen Dank an alle Mitwirkenden dieser spektakulären Veranstaltung, für das Sammeln von € 375.245,- Spendengeld (für benachteiligte und bedürftige Kinder) und dass ihr uns Läufer ein schönes, unvergessliches Erlebnis ermöglicht habt. Merci beaucoup!  

 

   Bilder: Christian Stolovitz, No Finish Line Monaco, Claude Eyraud

   Text: Christian Stolovitz

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