Laufen und Reisen - Christian Stolovitz
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Als hätte jemand einen Schalter umgelegt, so kam der Herbst am Tag unserer Reise nach Tulln herbei. Ein Temperatursturz, begleitet von Nieselregen und Wind, ließ uns frösteln. Doch der herzliche Empfang der Organisatoren - Peter und Manuela Rabong, sowie von weiteren Mitgliedern des Ultralaufteams Tulln, unseren Vereinskollegen vom ULT Heustadlwasser und einigen alten Bekannten der Ultralauffamilie, erwärmte zumindest die Seele.
Die Laufstrecke rund um das Aubad, mit einer Länge von 1266,28 Meter, glänzte als eine der schönsten Wettkampfstrecken unter den Ultra-Kreisläufen. Riesige Bäume, Sträucher, Schilf und Wasser schmückten das Gelände. Enten, Eichhörnchen und Bieber gingen ihren Geschäften nach und wir Läufer zogen an den Tieren vorbei ohne sie augenscheinlich zu stören. Herrlich! Hochstimmung! Befürchtungen im Vorfeld verspürte, leichte Anzeichen eines grippalen Infekts könnten sich verstärken und negativ auf mein Befinden auswirken bestätigten sich zum Glück nicht. Es ging mir gut. Bestens gelaunt trabte ich Stunde um Stunde dahin. Einige Zeit an der Seite meines besten Laufkameraden Andreas, dann wieder alleine. Die Verpflegungsstellen, sowohl die offizielle als auch meine private, ließen keine Wünsche offen und so kam ich gut gemästet durch den Tag.
In der folgenden Nacht war es windig, feucht und kühl. Der Übergang in die unangenehme Jahreszeit glich einem Sprung ins kalte Wasser, quasi. Egal, darauf stellte ich mich ein. Was blieb mir denn anderes übrig, in die Komfortzone zu flüchten war sowieso keine Option. Heidi, meine Frau, servierte mir guten Kaffee. Einen Schrittmacher sozusagen, und so lief es weiter wie auf Schienen. Nach 24 Stunden lagen 183 Kilometer hinter mir. Freude!
Noch mehr Freude, als über mein zufriedenstellendes Zwischenergebnis, empfand ich als meine liebe Tochter Nastassja und Enkelsohn Marlon überraschend zu Besuch kamen. Damit hatte ich nicht gerechnet.
In den Nachmittagsstunden überkam mich Müdigkeit. Die Schritte wurden kürzer, verloren an Leichtigkeit. Ein wenig Ruhe sollte wieder Schwung bringen. Doch der Versuch mich mit einer Stunde Schlaf zu stärken wurde nicht vom erhofften Erfolg gekrönt. Nur wenige Minuten wegzutreten war mir vergönnt, dann lag ich wach. Zur Stunde Schlaf in gewünschter Intensität kam es nicht. Also weiter, raus auf die Strecke. Vorwärts!
Am späteren Nachmittag vergrößerten sich die Wolkenfenster, ließen das warme Sonnenlicht immer öfters ungetrübt zu uns herab, und den Abend verschönte perfektes Laufwetter. Die Wasseroberfläche unseres kleinen Sees ruhte still, spiegelte. Das Aubad zeigte sich von seiner besten Seite. Sehr schön! Was für ein Kontrast zu den etwas rauen Bedingungen der vergangenen Nacht. Ja, das Bewusstsein fürs Schöne wird oft erst durch den Gegensatz geschärft.
Die milde Wetterlage blieb uns auch nach Einbruch der Dunkelheit erhalten. Im Schein der künstlichen Beleuchtung wirkte die Strecke, 40 Stunden nach dem Start, auf mich irgendwie fremd. Seltsam. Vermutlich eine Folge des Schlafmangels, diesbezüglich habe ich ja schon bei vergangenen Mehrtagesläufen Erfahrung gesammelt. Nichts Neues also, und trotzdem ist es immer wieder erstaunlich wie sich durch Müdigkeit die Wahrnehmung verändert, dadurch manchmal sogar Trugbilder erscheinen.
In den frühen Morgenstunden, der mir liebsten Tageszeit, fühlte ich mich wie gewohnt am wohlsten. Flowtime sozusagen. Es lief bestens. Während sich der 48- Stunden-Lauf langsam dem Ende zuneigte, trieben uns die motivierenden Worte und der Applaus einiger Zuseher voran. Unvergessliche Momente prägten sich in meine Erinnerung, als ich mich der 300 Kilometermarke näherte. 298,299,300.....Freude! Was für ein wundervoller Tag. Lachfalten gruben sich in mein Gesicht. Genussvoll legte ich die letzten Runden, bis zum ertönen des Schlusssignals, nur noch im Spaziergang zurück. Die Restmeter, bis zu der Stelle wo man als Läufer beim Schlusssignal zum Stillstand kam, wurden mit dem Messrad vermessen, dann begaben wir uns zur Siegerehrung. Zufrieden genoss ich die Stimmung der Zeremonie und der anschließenden, fröhlichen Feier. Ja, an Lebensfreude mangelte es mir an diesem Wochenende nicht.
"Monde und Jahre vergehen, aber ein schöner Moment leuchtet das Leben hindurch" (Franz Grillparzer)
Bilder: Heidi Stolovitz Text: Christian Stolovitz 2025