Laufen und Reisen - Christian Stolovitz
Diese Laufreise bekam schon im Vorfeld einen besonderen Resümee-Charakter. Was wahrscheinlich daran liegt, dass sich mein Ultramarathon-Debüt das 10. Mal jährt. Gut so, denn es tut trotz reichlicher Pläne für die Zukunft gelegentlich gut zurück zu blicken um das Erreichte zu genießen. Nun, der Tachostand meines Lauftagebuchs zeigt etwas mehr als zwei Weltumrundungen an. Darunter reihen sich 160 Ultra und Marathonläufe. Abenteuerliche Orientierungsläufe in Wüsten, auf Bergen und der Arktis ebenso wie 6, 12, 48 Stunden und 7 Tages-Läufe auf 1 Kilometer (Hamster) Rundkursen in den letzten von Hundetrümmerl übersäten Inseln der Urbanen Wildnis.
Als unbelehrbaren Wiederholungstäter zog es mich wieder einmal zu solch einem Hamsterlauf, denn es scheint ja doch eines meiner größten Talente zu sein, Schmerzen zu vergessen und Erinnerungen zu schönen. Bei sommerlichen Temperaturen traf ich am Austragungsort, der Ultramarathon Challenge Ungarn, auf dem schön ausgebauten Campingplatz von Balatonfüred,direkt am Nordufer des Plattensees (Balaton) ein. Läufer aus 14 Nationen kamen hier zusammen um sich in zwei Bewerben der Konkurenz zu stellen und auch mit dem Ziel persönliche Bestleistungen zu erreichen. Da das internationale Feld der Ultramarathonläufer verständlicherweise überschaubar ist, kennt man sich und freut sich wieder einmal, bei solch einer Gelegenheit auf Gleichgesinnte zu treffen.
Den Abend vor dem Wettkampf nutzte ich - wie gewohnt - zweckmäßig, mit einer Freßorgie, da ja in der darauf folgenden Schlafphase erwiesenermaßen die Kohlehydratspeicher am effektivsten aufgeladen werden. Ein herrlicher Vorwand, um sich unter dem Deckmantel der Glykogenzufuhr so richtig der Völlerei hinzugeben. Die Sonne versank stimmungsvoll in goldenen Bändern am Horizont und auch ich versank bald darauf vollgefressen unter meiner Bettdecke in einen für mich außergewöhnlich guten Schlaf.
Der Start erfolgte Freitags, zur heißen Mittagsstunde, während unser Zentralgestirn erbarmungslos vom Himmel brannte. Gleichmäßig trabte ich von Anbeginn Runde um Runde auf dem geschlossenen 900 Meter Kurs. An der Labstelle verwöhnte man uns mit Eis am Stiel. Vorsichtig zupfte ich eines aus der Hand des Betreuers und verschlang es gierig wie ein hungriges Raubtier mit wenigen Bissen. Herrlich. Später verteilte derselbe Wohltäter gestossenes Wasser-Eis zur Kühlung unserer überhitzten Körper. Auch da langte ich freudig zu und ließ es abwechselnd an der Halsschlagader, dann wieder im Nacken schmelzen. Das Team des Veranstalters scheute keine Mühe uns das Laufen zu erleichtern. Es war generell ein Rennen mit beispiellosem Einsatz des Organisations-Teams, aber auch mit unvergleichlicher Infrastruktur des Wettkampfgeländes. Das herausragendste Beispiel dafür ist die Unterbringung der Athleten in Dreier-Bungalows direkt an der Laufstrecke.
Mittags, abends......alle 6 Stunden kredenzte man an der Labstelle warmes Essen und zwischendurch peitschten uns unermüdlich Anfeuerungsrufe der Helfer durch die Hitze. Für das Wohl der Läufer war also bestens gesorgt. Nur das Wetter, das blieb davon unbeeindruckt, es sollte in den kommenden Stunden zum Prüfstein unserer Zähheit werden. Bedrohlich zogen dunkle Haufenwolken von Westen heran. Mit dem Wind als Vorboten des drohenden Umschwungs sank die Temperatur abrupt. Die Abendämmerung und Regenwolken streuten ihre dunkle Asche über die letzten Feuer der Sonne. Mit der Dunkelheit kam Regen, Wind und Kälte, ein Wettersprung von einem Extrem ins andere. Ich blieb trotzdem bei der Sache, unterhielt mich mit Trond aus Norwegen - wir kannten uns vom 7-Tages-Lauf in Athen -, dann wieder mit dem Ultraurgestein Wolfgang Schwerk. Den Schotten William Sichel erfreute es sichtlich, aber verwunderte es auch, dass ich seine Heimat - die Orkney-Islands - als Taucher bereist hatte, wo diese doch absolut kein klassisches Reiseziel sind. Die Südafrikaner........ so verstrich die Nacht den Umständen entsprechend angenehm.
Am frühen Morgen, der Tageszeit in der ich üblicherweise am aktivsten bin, steigerte sich meine Leistung. Die Stunden in den Vormittag hinein war ich sodann ganz in meinen Lauf gekehrt, meinem wortkargen Freund, mit dem man so wunderbar Schweigen kann. Ja, der Ultralauf spielte sich wieder auf einer eigenen Bewußtseinsebene ab, worauf mein Geist die längste Zeit des Tages verweilte, während meine regennasse Kleidung langsam am Körper trocknete. Doch die Freude in trockener Faser zu laufen währte nicht von langer Dauer. Mit dem Einzug des zweiten Abends - 200 gelaufene Kilometer lagen bereits hinter mir - öffnete der Himmel abermals seine Schleusen und der Wind mutierte zum anhaltenden Sturm. Eine Wetterlage die einem den Tiefdruck in den Darm trieb. Transparente und Absperrbänder wirbelten durch die Luft, den Regen verblies es in die Horizontale, ein weniger enthusiastisches Organisationsteam hätte die Veranstaltung ohne weitere Diskussion abgebrochen. Doch hier war Abbruch absolut kein Thema.
Ganz im Gegenteil, unter den Betreuern war so etwas wie eine "jetzt erst recht Stimmung" aufgekommen, was sich vollkommen mit den Ambitionen der Läufer deckte. Die Anfeuerungsrufe der Helfer klangen noch energischer als zuvor. Einer kehrte Wasserlacken von der Laufstrecke - händisch mit Besen, bei strömenden Regen - doch er schien keineswegs mißmutig zu sein, obwohl mir wenige Tätigkeiten einfallen wollten die das Wort Sysiphusarbeit mehr verdienten. Wie dem auch sei, man zeigte dass die Qualität dieser internationalen Top-Veranstaltung auch den Wetterlaunen stand hielt und den Betreuern dabei weder Humor noch Höflichkeit abhanden kamen. Mir selbst war es selten bei einem Lauf so schlecht gegangen wie in dieser Nacht. Lange Stunden in regendurchnäßter Kleidung, vom Sturm gepeitscht, ausgepowert - das hatte seine Spuren hinterlassen. Kein Wunder, wo ich doch schon bei der Anreise nicht ganz gesund war, was ich mir aber zu diesem Zeitpunkt noch immer nicht eingestehen wollte.
Bis Mitternacht bewegte ich mich noch mit leerem Blick (wie ihn Schafe auf der Weide haben), abwesend, wie in einem Traum gefangen, im Bereich zwischen Wachheit und Schlaf von Runde zu Runde. Der Himmel weinte ohne Ende, in der zweiten Häfte der Nacht war dann auch mir danach zumute. Endzeitstimmung, Schmerzen im Rücken, Atemprobleme - wie gerne wäre ich einer von denen gewesen welche mit der Gabe des polyphasischen Schlafes gesegnet sind. Wahrscheinlich hätte sogar ein halbstündiger Schlaf schon Erholung gebracht, doch nicht einmal das gelang mir. Kurzes Liegen und Hochlagern der Beine brachte zwar etwas Schmerzlinderung in den Laufwerkzeugen, aber sonst gar nichts. Resignationsgedanken, Infragestellung der Sinnhaftigkeit dieser Ausgeburt der Selbstgeiselung.
Ich trieb mich weiter und weiter. Am Ende erreichte ich nach 260 gelaufenen Kilometern den 4. Gesamtrang. Demoralisiert, weder in der Lage mich darüber zu freuen, noch zu ärgern. Erst nach einigen - gemeinsam mit meiner Frau verbrachten Tagen, am zu Saisonbeginn noch lieblichen Balaton sowie im sehr sehenswerten Budapest, stellte
sich eine tiefe Zufriedenheit über das Geschaffte ein. Ja, und diese Zufriedenheit war dann auch gleich die Antwort auf die Sinnesfrage dieser Strapaz und die Türe zur Planung neuer Ziele war wieder aufgestossen.
Christian Stolovitz 2013
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