120 Kilometer rund um den Neusiedler See
Laufzeit: 13 Stunden 21´
Start Temp.: -7°C
Burgenland Extrem Tour
Lange zu Schlafen ist nicht gerade meine stärkste Disziplin, daher ist es mir nicht unrecht dass wir uns schon um 4:00 Uhr morgens im Zentrum der Gemeinde Oggau einfinden sollen.

Wir das sind 1600 Ultraläufer und Wander- er. Ja, für Wandersleute wurde die Tour ursprünglich (vor 6 Jahren) ins Leben gerufen, als ultimative Herausforderung die 120 Kilometer rund um den Neusiedler See in weniger als 24 Stunden zu bewältigen.
Eine Idee die schnell breites Interesse fand und das in weiterer Folge nicht nur beim Wandervolk.
Denn da Ultralaufveranstaltungen zur kält- esten Jahreszeit in unseren Breiten rar sind, wuchs bald nicht nur die Teilnehmerzahl der Marschierer, sondern auch die der Läufer. Obwohl es sich bei dieser Tour nicht um einen Wettkampf handelt, da weder offizielle Zeitnehmung noch Ranking geboten werden. Somit ist der Ehrgeiz nicht gegen andere gerichtet, nein, er ist nur an sich selbst gestellt. Für viele Ultras ist es auch noch die unwiderstehliche Lust am Laufen, die alles Verlangen auf das reine Laufen und nichts anderes reduziert, welche sie hierher getrieben hat.
Startschuß und los geht es. Schnell ziehen wir Läufer vorne weg. Nach dem Ortsgebiet, auf dem Radweg, entlang der Weinberge durch die finstere Neumondnacht. Trotz extremer Dunkelheit vermeide ich den Einsatz meiner Stirnlampe um nicht die Sicht auf die Welt an der Grenze des Lichtkegels enden zu lassen. Mein Auge ist durch viele nächtliche Laufausflüge gut geübt und abgesehen davon ist man hier, bei den zahlreichen überbelichteten Laufkollegen als Lichtschnorrer bestens unterwegs. Eindrucksvoll ziehen wir eine mehrere Kilometer lange Lichtschlange hinter uns her.

Nach der Gemeinde Mörbisch geht es über die grüne Grenze nach Ungarn. Das Thermometer zeigt -7°C. Fahrzeuge auf den Parkplätzen des ungarischen Grenzortes Fertörakos sind dick mit Raureif überzogen. Unangenehm bläst mir der eisige Wind um die Ohren. Pusztagebläse.
BALF 6:50 Uhr
28 Kilometer liegen hinter mir, da erblicke ich mit Freude meinen Sportfreund Michl Steiner. Michl versorgt mich mit Power Gels und Maltodextrintee. Permanente Kalorienzufuhr ist für mich bei solch einem Unternehmen wichtig um nicht in einen Leistungseinbruch zu schlittern. Mein Körperfettanteil liegt im einstelligen Prozentbereich, dadurch habe ich einen guten Stoffwechsel, aber kaum Reserven von denen gezehrt werden kann. Mit klammen Fingern wird der Proviant im Getränkegurt verstaut, während im Osten langsam die Morgenröte aufzieht.
Unzählige Wildgänse fliegen in Formationen über uns hinweg. Alles ist gut, die Morgenstimmung und das lange Laufen verändern die Chemie im Gehirn auf wundersame Weise.
Etwas später, nach dem Kurort Hegykö führt ein Tour-Wegweiser vom Asphalt in naturbelassenes Gebiet. Zaghaft versucht die Sonne den Morgennebel zu durchbrechen. Vergeblich, alles bleibt in düsteres winterliches Grau gehüllt. Vorbei an einem zugefrorenen Weiher laufe ich über vereiste Pfade weiter entlang von Koppeln mit Pferden und Steppenrindern.

Durch den Ort Sarrod zum, mit dicker Eisschicht überzogenen, Ufer des Neusiedler Sees. Nach dem Einser Kanal wandelt sich landschaftliche Schönheit zur unendlichen Weite. Ab hier sind mentale Muskeln gefragt. Eine endlos lange Gerade mündet in die Nächste und hinterm Horizont geht es ähnlich weiter.

APETLON 10:25 Uhr
Kilometer 60. Wieder auf österreichischem Boden. Bei der Labestelle, im Dorfgasthof, ist für viele Teilnehmer Endstation. Zu hohes Tempo, Frost und Wind fordern Opfer. In Apetlon platzen häufig Finisher-Träume. So war es auch schon in den vergangenen Jahren. Aus diesem Grund hatten sich die stets um Verbesserung des Events bemühten Veranstalter dazu entschlossen heuer erstmalig die Möglichkeit zu bieten um 11:00 Uhr in Apetlon zu starten, um auf halber Distanz einem breiteren Teilnehmerfeld die Chance zu ermöglichen das Ziel in Oggau zu erreichen. Allerdings nahmen es viele mit der Startzeit nicht so genau, liefen oder gingen schon morgens los, womit sich der Lauf für mich bis Neusiedl zu einem permanenten Überholmanöver gestaltet. Manchmal werde aber auch ich von körperlich und mental noch frischen Neustartern überholt oder ein Stück plaudernd begleitet.
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NEUSIEDL 13:55 Uhr
Nach 86 gelaufenen Kilometern drosseln lästige Rückenschmerzen mein Tempo. Aufgeben ist allerdings keine Option. Manch falscher Schritt wird getan, indem man stehen bleibt. An Kraft und Ausdauer fehlt es nicht, es wird an der Disziplin liegen dies zu Ende zu führen.
Mit einem anderen Problem sieht sich mein bis vor kurzem redseliger Begleiter konfrontiert, er verschwindet nach sparsamer Verabschiedung im Gebüsch und ich bin wieder mit mir allein. Ereignislos gestaltet sich das Passieren der beschaulichen Weinbaugemeinden Jois, Winden und Purbach.

Nach Donnerskirchen ändert sich unser Kurs in Richtung Süd-Ost, frontal gegen das Himmelsgebläse. Die letzten Kilometer werden zum Härtetest. Aber es gelingt dem eisigen Wind nicht mir die Lachfalten aus dem Gesicht zu blasen und ich erreiche nach 13 Stunden 21 Minuten zufrieden das Ziel in Oggau. Der Kreis hat sich geschlossen.
Text: Christian Stolovitz 2017
Fotos: Michael Steiner, 24H Burgenland Extrem