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Laufen und Reisen - Christian Stolovitz

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Race across Germany

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Deutschlandlauf 2017 - Die Strecke

 "Nur wo man zu Fuß war, war man wirklich."

GESCHAFFT!!!

 

1320Km - 19 Tage - Laufzeit 181 Stunden 12'

 

Anlauf
Zwei Jahre sind nun vergangen seit Ignatios mit der Frage an mich herangetreten ist ob ich mich für den Deutschlandlauf begeistern könnte. Ignatios Konstantin lebt in der Schweiz, hat griechische Wurzeln und ist ebenso wie ich ein begeisterter Ultralangstreckenläufer. Wir kennen uns von den Abenteuerläufen "Marathon des Sables" (Marokko) sowie vom "Yukon Arctic Ultra" (Kanada). Tiefgehende Erlebnisse die uns bis zum heutigen Tag verbinden.
Unverzüglich ging es ans recherchieren, eine Besprechung mit meiner Frau folgte und schon war ich angemeldet. Training und Vorfreude erfüllten meine Zeit vor dieser langen Fußreise. Aber auch Rück- und Schicksalsschläge wurden zu meinen Begleitern auf dem langen Weg zum "Race across Germany". Mein treuer Freund und langjähriger Weggefährte Franz starb nach kurzer schwerer Krankheit. Er hatte mir seine Hilfe als Betreuer für den gesamten Zeitraum des Deutschlandlaufes zugesagt. Ein schmerzlicher Verlust, vor allem auf der menschlichen Seite. Der lebensfrohe Franz fehlte mir mehr als Freund wie als Helfer.
Weiters erschwerten hartnäckige Rückenschmerzen eine schnelle Fortbewegung und zuletzt hätte mich beinahe ein schwerer Sturz (3 Wochen vor dem Start) aus dem Deutschlandlauf geworfen, noch bevor er begonnen hatte. Aber irgendwie war das Schicksal dann doch auf meiner Seite, ließ mich noch rechtzeitig genesen, und so stieg ich dann doch recht zuversichtlich ins Flugzeug nach Westerland. Entspannt und voll Vorfreude flogen Heidi, meine Klassenkameradin in der Schule des Lebens, unsere Freundin Elisabeth und ich 8 Tage vor dem Start des Race across Germany einer Woche Urlaub auf Sylt entgegen.
Sylt - Wenningstett
Race across Germany
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Mit den ersten Sonnenstrahlen laufe ich dem Tag entgegen. Zahlreiche frei lebende Kaninchen naschen im saftigen Gras. Ohne Scheu, sie sind an Menschen gewöhnt, würdigen mich nur beiläufiger Blicke. Heckenrose Geissblatt und Wiesenblumen die in den Breiten meiner Heimat um diese Jahreszeit längst verblüht sind bilden einen wilden Garten entlang des Wenningstetter Kliffs. Auf der etwa 30 Meter hohen Anhöhe schweift mein Blick über den mehrere Kilometer langen Sandstrand, bis nach Westerland. Am westlichen Horizont ragen die Türme des Windparks Butendieck in den Himmel. Ein Austernfischer macht sich mit einem kräftigen Pfiff bemerkbar. Mit seinem eleganten Federkleid und dem leuchtend roten Schnabel gehört er zu den auffälligsten Vogelarten der Insel. Tief sauge ich die saubere erfrischende Luft in mich hinein. So beginnt der Tag genau nach meinem Geschmack.

Später erkunden Heidi, Elisabeth und ich auf Leihfahrrädern den Norden der Insel. Vorbei an den bis zu 35 Meter höhen Wanderdünen der "Sylter Sahara" radeln wir durch das Listland bis zum Naturschutzgebiet Ellenbogen. Kaffee-Pause im urigen Hippie-Imbiss Bam-Bus, und weiter geht es in das pulsierende Zentrum der Gemeinde List, dem Hafen.
Am Tag danach umwandern wir das Süd-Kap der Insel entlang des kilometerlangen beschaulichen Sandstrandes. Hier spielen die Badegäste nicht Handtuch-Tetris wie an vielen Mittelmeerstränden, nein, hier sitzt man im gemütlichen windgeschützten Strandkorb.
Aus niedrig hängenden Wolkenfetzen blinzelt die Sonne während wir in den Abendstunden die Uwe-Düne besteigen. Es ist mit 50 Meter Höhe die höchste Erhebung der Insel, mit faszinierender Weitsicht nach allen Seiten. Die letzten Sonnenstrahlen des Tages tauchen das steil abfallende rote Kliff und das Meer in warmes Licht. Herrlich.
Die Natur auf Sylt hinterlässt unvergessliche Eindrücke. Nicht zuletzt dadurch wurden schon im vorigen Jahrhundert prominente Besucher gelockt, wie die Literaten Stefan Zweig, Hermann Hesse und Thomas Mann. In den sechziger Jahren als Gunter Sachs mit seiner damaligen Gattin Brigitte Bardot an Sylt gefallen fand, wandelte sich die Insel zur Jet-Set Oase. Dementsprechend wurden die Grundstückspreise im Laufe der Zeit angepasst. Heute wandern wir durch gepflegte Straßen mit aufwendig restaurierten Reetdachhäuser. Die Lebenserhaltungskosten sind hoch. Wir lassen es uns trotzdem an nichts fehlen und genießen Tag um Tag bis zur Abreise. 
Husum
Mit einer merkwürdigen Mischung aus sprühender Vorfreude und großem Respekt steige ich in Husum aus dem Zug. Heidi und Elisabeth sitzen bereits im Flugzeug in Richtung Heimat. Husums TSV-Sporthalle ist der Ort des Zusammentreffens der Deutschlandläufer aus 6 Nationen und des Organistionsteams.
Ausgabe der Startnummern, Briefing, Abendessen, 21:30 Uhr Nachtruhe. Auf einer relativ harten Turnmatte liege ich in meinen Schlafsack gehüllt am Boden der Sporthalle, mit montierten Ohrstöpseln und angebrachter Augenbinde. Um mich herum zig Läufer und Betreuer. Flüchtlingslagerromantik. Mal piept ein Handy, mal muß jemand aufs WC, an Schlaf ist nicht zu denken. Nach gefühlt endlos langer Zeit gelingt es mir dann doch einzunicken. Doch die Rast währt von kurzer Dauer. Das gewaltige Sägen eines Schnarchers durchdringt den Schallschutz in meinen Ohren. Nun ist der Kollege zu beneiden, welcher abends seine Hörgeräte ausschaltete. Im Dämmerzustand wälze ich mich im Schlafsack durch die Nacht. Um 4:30 Uhr ist es damit entgültig vorbei. Tagwache. Los geht es mit den Vorbereitungen für die erste Lauf-Etappe.
Vor den beiden Toiletten herrscht ebenso Stau wie beim Frühstücksbuffet. Also beginne ich mit dem Eincremen der Füße verklebe die Brustwarzen und streife die Laufbekleidung über. An das Lagerleben muss man sich erst gewöhnen, Flexibilität ist angesagt. Wenig später, nach dem Verrichten der morgendlichen Bedürfnisse, reisen wir endlich per Bahn und Bus zum lange ersehnten Start des Deutschlandlaufes nach Sylt.

 

Deutschlandlauf 2017

 

1.Etappe   Sylt - Enge-Sande  61,7Km 

 

Sonntag 16.Juli

 

Der Startort auf der äußersten Landzunge im Naturschutzgebiet Ellenbogen, oberhalb der nördlichsten Gemeinde (List) könnte abgelegener nicht sein. Nun ja, schließlich geht es doch darum tatsächlich das ganze Land, vom nördlichsten bis zu südlichsten Punkt zu durchlaufen und das eben deutscher Gründlichgkeit entsprechend.
Eine kurze Ansprache des Organisators Oliver Witzke, Fotoshooting, Filmdreh fürs TV
und los geht unsere 1320 Km lange Laufreise in Richtung Süden zur Zugspitze. 60 Sololäufer und 2 Teams aus 6 Nationen traben den Strand entlang über die Ufer-Düne hinauf zur Straße. Unter uns der älteste Teilnehmer, Peter Bartel (75), in gesonderter Wertung auf einem Tretroller. Die Nordsee zeigt sich wenig gastfreundlich, starker Wind treibt den Regen horizontal und die Lufttemperatur lässt den Sommer gedanklich in weite Ferne rücken. Egal, guter Dinge laufe ich ein gemäßigtes Tempo, achte darauf in der Euphorie (endlich das zu tun worauf ich schon so lange gewartet habe) nicht zu schnell zu werden.
Nach dem mir schon wohlbekannten Hauptradweg weist uns ein rosa Kreidepfeil nach Kampen. Pfeile wie dieser, mit rosa Sprühkreide auf den Asphalt gebracht und reflektierende Aufkleber auf Wegweiser und Laternenmasten werden uns durch Deutschland führen. Zurück nach Kampen. Auf der Ortstafel des Nobelortes prangt das Wappen der Partnergemeinde Lech am Arlberg, reich und reich gesellt sich eben gern. Schön ist es hier, und trotzdem würde es mich nicht reizen dauerhaft zu bleiben. Kurze Sommer, rauhes Klima, nichts für einen sonnenverwöhnten Mitteleuropäer. Bewundernswert wie es dennoch gelungen ist die Zahlungskräftigen an die Insel zu binden wo der Atlantik selbst im Hochsommer nur mit Temperaturen aufwartet bei denen höchstens Eisbären das Schwimmen Spaß macht. Gerne geizt die Sonne am 54. Breitengrad mit ihren Reizen und Sommertage wie der heutige, welche eher an den Spätherbst erinnern sind keine Seltenheit.
Ein Stück danach, am Watt von Keitum gesellt sich Thorsten aus Ingolstadt an meine Seite. Gemeinsames Laufen, plaudern, Natur genießen- Sternstunden für Ultraläufer. Schneller als erwartet treffen wir an der Abzweigung zum Bahnhof Morsum ein. Hier vom westlichsten Ort Sylts soll uns die Bahn über den 1927 errichteten Hindenburgdamm zum Festland bringen, denn über den Damm zu laufen ist tabu. Wir freuen uns, glauben den ersten Teil der Tagesetappe in rekordverdächtiger Zeit heruntergespult zu haben. Aber die Realität steht nicht im Einklang mit unseren Vorstellungen. Und so bleibt uns nichts anderes übrig als zur Kenntnis zu nehmen, dass der nächste rosa Pfeil uns nicht zum Bahnhof leitet sondern weiter zum Hindenburgdamm in eine Sackgasse. Unsicher laufen wir auf einer langen Geraden dem Damm entgegen, da begegnet uns eine Radfahrerin. Es ist Corinna Mertens, sie gehört zum Betreuerteam, markiert täglich früh morgens abwechselnd mit Organisator Oliver unsere Laufstrecke. Nun weist sie alle ihr entgegen kommenden Läufer in die Sackgasse, wofür sie manch verwunderten Blick erntet. Was solls, man folgt den Anweisungen Corinnas.
Endlos lange zieht sich der schmucklose Feldweg dahin, bis zum letzten für das Fußvolk begehbaren Meter der Insel. Dort wartet Oliver, notiert die Startnummer jedes Ankömmlings und schickt diese wieder zurück zum Bahnhof. Unser Weg durch Deutschland wird der direkteste nicht sein, soviel ist nun klar. Durchnässt erreiche ich endlich den Bahnhof. Die Laufzeit wird gestoppt, nun heißt es auf den Zug zu warten.
Kalter Wind durchbläst das offene Wartehäuschen und alle, die sich darin befinden. Mich fröstelt, nein hier bleibe ich nicht. Schnell ist der Entschluss gefasst im nahen Cafe Unterschlupf zu suchen. Christian Maierhofer mitsamt seinem Kumpel Konrad Vogl, zwei sehr kommunikative Typen, schließen sich ohne Umschweife an. Bei wärmenden Tee und spaßiger Unterhaltung verbringen wir eine herzerfrischende Stunde, geben dem Wetter keine Chance unser Stimmungsbarometer zu drücken.
FESTLAND 
Der gemeinsame Start zum zweiten Teilstück der Etappe, am Bahnhof Klanxbüll verläuft unspektakulär. Heruntergezählt Stoppuhr gedrückt und schon schickt uns Wettkampfrichter Eberhard Richter, der sich für die Zeitnahme verantwortlich zeigt, mit seinen besten Wünschen auf den Weg.
Nach dem Ortsgebiet breitet sich weitläufige ebene Landschaft. Felder, Schafe, Ziegen, Kühe soweit das Auge reicht. In Nordfriesland bekommt das Wort Weite eine eigene Bedeutung. Schnurgerade Straßen ziehen sich endlos durch den fruchtbaren Küstensaum ins dermaßen flache Land, dass schon eine Stehleiter als Aussichtswarte dienen könnte.  Aus großer Entfernung sind Kirchtürme und Windräder bereits zu sehen. Dennoch zeigt sich die Strecke nach Enge-Sande reich an schönen Eindrücken, mit  welchen ich nach 6 Stunden und 13 Minuten Laufzeit unter dem Beifall einiger Einheimischer und unserer Betreuer zufrieden das Ziel der Tagesetappe erreiche.
"Alle die des Nachts träumen in den verstaubten Winkeln ihres Geistes, erwachen, und der Traum ist verweht.
Gefährlich aber sind die Tagträumer, denn sie führen ihre Träume aus."
(T.E. Lawrence  "Die sieben Säulen der Weisheit")

 

 

2. Etappe   Enge-Sande  - Jevenstedt  88Km

 

Der Tag begrüßt uns mit einem strahlenden Morgen. In glühenden Farben leuchtet die Sonne durch zarte Nebelschleier. Einige Pferde beäugen mich neugierig, während ich an ihren Koppeln vorbeilaufe, andere tollen ausgelassen umher. Seit einer Stunde sind wir schon unterwegs. Das Landschaftsbild beginnt sich zu verändern. Abseits der motorisierten Verkehrsadern schlängelt sich nun der Deutschlandlauf auf einem Radweg durch bewaldetes Gebiet. Herrlich.
 Bei der Verpflegungsstelle, wieder auf freiem Feld, nehme ich schnell einen kleinen Imbiss, befülle die Trinkflaschen und weiter geht es. Kurz danach schließt die Holländerin Wilma Dierx auf leisen Sohlen zu mir auf. Wilma spricht gut Deutsch, ist ein nettes Wesen und eine extrem starke Langstreckenläuferin. Läuferinnen wie sie heben durch ihre Willenskraft Geschlechtsunterschiede auf. Gemeinsam geht es zügig voran. An einer Mühle links abgebogen, danach zwischen Maisfelder und Straße am Güterweg zum nächsten Ort. Da kommen uns zwei Läufer aus der französischen Gruppe gestikulierend entgegen. "Wrong way", ruft der eine etwas genervt. Worte die mich wie ein Faustschlag treffen. Tatsächlich war seit längerem keine rosa Markierung mehr zu sehen. Wie lange? Zu lange, also zurück zur Abzweigung bei der Mühle. Mein Gott das sind doch mindestens zwei Kilometer geht es mir durch den Kopf. Mein Adrenalinspiegel steigt an. Nur nicht ärgern, das raubt wertvolle Kraft die ich noch dringend brauchen werde. Lächeln, gute Laune behalten. Psychohygiene ist bei extremen Unternehmungen wichtig. Geschieht aber nicht immer leicht, gerade jetzt eben nicht. Gleich muss ein kleiner Fluch aus mir heraus, worauf wieder Ruhe in mich einkehrt. Zurück mit einer 4-Kilometer-Draufgabe auf dem Streckenkonto entdecken wir, bei der Weggabelung vor der Mühle, was schiefgelaufen war. Nämlich die Bodenmarkierung. Der uns irrleitende rosa Pfeil, weist eindeutig eine Krümmung nach links auf (weshalb wir ja nach links....), sollte aber nur zum überqueren der Straße anregen, um danach den Pfeilen einige Meter weiter rechts zu folgen. Na super. Organisator Oliver gesteht uns später zwar den Fehler seinerseits ein (die Bodenmarkierung in diesem Fall nicht korrekt angebracht zu haben), was uns aber nicht wirklich nützt, denn mit unserem Mehraufwand an Zeit und Kraft müssen wir leben.
Es geht weiter, entlang der Straße, zu einem gut beschilderten Wanderweg. Kaum wage ich meinen Augen zu trauen als in meinem Blickfeld, auf einem der Schilder, das Symbol des Jakobsweges erscheint. Die Pilgermuschel in Gelb auf blauem Hintergrund. Mein Herz schlägt höher. Ja, es sind die kleinen Freuden die das Leben würzen. Erinnerungen erwachen. Mehr als 2600 Kilometer habe ich bereits auf dem Jakobsweg nach Santigo de Compostela (Spanien) zurückgelegt. Am Camino verbrachte ich die beste Zeit meines Lebens. Freiheit, weg vom Parkett der Eitelkeiten, der Leistungsgesellschaft entflohen. Alles was es zu tun gab war sich zu bewegen, das Leben zu spüren. Das Materielle auf den Inhalt des Rucksackes reduziert. Ballast abgeworfen. Wie wenig an Materiellem man braucht um tiefe Zufriedenheit zu erlangen war eine wertvolle Erfahrung.
Träumend, in Gedanken verloren, trabe ich der Stadt Rendsburg entgegen. Durch Rendsburg zieht sich der Nord-Ostsee-Kanal, der wie der Name schon sagt die Nordsee mit der Ostsee verbindet. Der Kanal ist etwa 100 Kilometer lang, mehr als 110 Jahre alt und die meist befahrene künstliche Wasserstraße der Welt. Eine weitere Superlative gibt es in Rendsburg auf unserem Weg durch die Fußgeherunterführung des Nord-Ostsee-Kanals zu bewundern. Und zwar die längste Rolltreppe Europas, welche bis 20 Meter unter den Kanal reicht. 
 Dort, unter den Wassermassen, führt der Tunnel in den südlichen Teil der Stadt. Im Stadtgebiet sind für uns Läufer Ampelanlagen lästige Passagen. Meist leuchtet bei der Ankunft das rote Signal, drückt man dann den Passierknopf, so vergeht eine gefühlte Ewigkeit bis die Ampel umschaltet und den Weg freigibt. Kaum ist nach der ungewollten Pause der Laufrhythmus wieder gefunden, steht man auch schon vor der nächsten Ampel und das Spiel beginnt von Neuem. An einer überschaubaren Kreuzung überkommt mich Ungeduld. Kein Fahrzeug weit und breit, das Ampelsignal leuchtet rot. Es reicht, genug gewartet, los. Kaum einen Schritt getan, da vernehme ich hinter meinem Rücken eine Stimme - "Stopp". Überrascht blicke ich zurück, da steht Oliver - Organisator, Betreuer, Kontrollorgan des Laufes und.....wer weiß was sonst noch alles. Er scheint tatsächlich überall zu sein. Gibt es einen Klon? Sofort erinnert er mich an die Wettkampfregel bezüglich Einhaltung der Straßenverkehrsordnung. Ansonsten sei, natürlich zur eigenen Sicherheit, mit Konsequenzen (Zeitstrafe?) zu rechnen. Kleinlaut lausche ich der kurzen sachlichen Belehrung, komme aber als noch Unbescholtener mit einer Verwarnung davon. Andere Läufer berichten später davon, dass es ihnen ähnlich ergangen ist. Und so bin ich nicht der Einzige, der ab jetzt, vor allem bei Fußgeherübergängen (dort nun mit leicht paranoiden Anwandlungen) die Verkehrsregeln beachten wird. Ganz egal in welch ausgestorbener Ecke dies auch sein mag, denn "Big Brother is watching you". 
11 Stunden und 12 Minuten nach dem Start in Enge-Sande berühre ich das Zielbanner in Jevenstedt. Man empfängt mich herzlich und reicht mir wundervoll schmeckendes, alkoholfreies Weizenbier, der Tag ist gerettet.

 

"Auf deiner Reise zu deinen Träumen wirst du auf Wüsten wie auf Oasen stoßen. In beiden Fällen darfst du nicht aufhören." 

(Paulo Coelho)

 

3. Etappe   Jevenstedt - Hamburg  78Km 

 

4:30 Uhr. Sanfte Töne irgendeines Weckgerätes begleiten uns aus dem Schlafsack. Zwischen Reck und Barren  habe ich in dieser Nacht, im an den Turnsaal unserer Unterkunft angeschlossenen Geräteraum, etwas Ruhe gefunden. Ausreichend geschlafen  haben, den Gesichtern meiner Laufkollegen nach zu urteilen, die wenigsten. Trotzdem herrscht beim Frühstück gute Laune. Schließlich gibt es guten Grund dafür. Unsere Betreuer geben sich freundlich, hilfsbereit, umsichtig und wir die Protagonisten dieses außergewöhnlichen Haufens sind unter unseresgleichen. Egal welche unterschiede es im sozialen, familiären oder beruflichen Stand zwischeneinander gibt, eines verbindet - die Liebe zum Ultralangstreckenlauf. Gesellig sitzen wir gemeinsam bei Tisch. Veganer, Vegetarier, Fleischesser - ganz egal, die Einstellung des Anderen wird akzeptiert. Geselligkeit ist eine Schwester der Freundschaft.
Anschließend das Notwendigste an Körperpflege verrichtet, das Gepäck auf den Begleit-LKW verladen und auf geht es in den neuen Arbeitstag. Schnell finde ich mein Wohlfühltempo, habe mich demnach in den letzten beiden Tagen richtig eingelaufen. Die 1. Verpflegungs- station darf man, den Gegebenheiten der Strecke und den Witterungsbedingungen entsprechend, zwischen 10 und 15 Kilometer nach dem Start erwarten. Die Nummer 1 ist diese Labestelle nebenbei auch noch in Sachen Umweltschutz, dafür sorgt Sanna Almstadt. Sanna, selbst gut durchtrainiert, transportiert täglich mit dem Fahrrad sämtliche Getränke im Radanhänger zum Verpflegungspunkt. Ungefähr 10 Kilometer danach, beim 2. Verpflegungs- punkt erweitert sich das Angebot zur Stärkung um Kekse, Kuchen, Salzgebäck und dergleichen. Thomas Dornburg, der erfahrene Betreuer dieser Station wird puncto Ernährung in den folgenden Wochen für mich noch eine wichtige Rolle spielen, davon aber später. Mit Vorfreude geht es zum 3. Verpflegunspunkt. Hier erwarten uns die schon oftmals erprobten Betreuer Uschi, Herbert und Theo mit einer umfangreichen Auswahl an Köstlichkeiten. Ja und mit ihren Salzkartoffeln, mit denen kochen sich die drei regelrecht in unsere Herzen. Bei ihnen werfe ich gar meine Einstellung zum Vegetarierdasein vorübergehend über Bord, stopfe wahllos Wurstbrötchen, Kartoffeln, Süßigkeiten, bunt durcheinander in mich hinein. Ein Leistungsfuttern, bei dem manch Unbeteiligten vom bloßen Zusehen sich der Magen zum entleeren anschicken möchte. Was solls, wenn es der Körper braucht.....
Ansonsten zeigt sich die heutige Laufstrecke beinahe frei von Abwechslung. Umgebung und Route bezaubern mit dem Charme eines Laufbandjoggs. Kernstück der Monotonie, ein mehr als 20 Kilometer, sich in die Länge ziehender, gerader Radweg.
 Parallel daneben eine stark befahrene Verkehrsader des nördlichen Einzugsgebietes von Hamburg. Vom Aroma der motorisierten Fortbewegung angewidert flüchte ich in meine Gedankenwelt. Lasse die Beine laufen, schwelge in Erinnerungen, schmiede Zukunftspläne. Erst die Ortstafel von Quickborn reißt mich aus meinem geistigen Exil. Quickborn? Moment mal, das war doch die Heimatgemeinde von Mike Krüger. Mike war in den 70er Jahren neben Otto der Top-Blödelbarde im deutschsprachigen Raum. Die Texte seiner Ulk-Lieder vom 79er Motzbeutel kannte ich auswendig. Einiges davon blieb in meinem Gedankenspeicher bis ins Lesebrillenalter erhalten. Fröhlich vor mich hinträllernd erreiche ich nach 9 Stunden 3 Minuten das Ziel der Tagesetappe in Hamburg. Oliver Witzke begrüßt mich herzlich, gratuliert mir zur erbrachten Leistung. Guter Dinge berichte ich ihm, es schön zu finden nun endlich durch Quickborn gelaufen zu sein, wo ich diese Stadt doch schon seit meiner Jugendzeit aus Mike Krügers Liedertexten kenne. Nach einem gedankenverlorenen Blick formt sich Olivers Mine zu einem Grinsen. Sich in solch einer Situation für eine derartige Banalität begeistern zu können fasziniert und amüsiert ihn dermaßen, dass er später noch oft davon erzählen wird. Tja, lieber Oliver, wie schon erwähnt, die kleinen Freuden würzen das Leben. 

 

"Glück kommt aus der Sichtweise auf die Dinge"
(Motto des Tages
4. Etappe    Hamburg - Rotenburg (Wümme) 81 Km
Unser heutiger Lauftag beginnt im Norden von Hamburg. Also liegt die Hansestadt vor uns. Sightseeing. Gleich zu Beginn der Tagestour löst sich eine Gruppe Läufer vom Rest des Teilnehmerfeldes und zieht vorne davon. Ich mit dabei. Unser Lauftempo ist für die schlechte Beschaffenheit der Hamburger Gehsteige zu hoch, die Angst vor einem neuerlichen Sturz mit Folgen sitzt mir im Nacken. Fliesenartige Betonplatten bilden, vermutlich durch Frost aber auch durch Baumwurzeln angehoben, holprige Wege. Zum Glück verbessert sich der Untergrund auf der Reeperbahn. Denn hier, auf der sündigsten Meile der Welt, richtet sich die Aufmerksamkeit woandershin als zu Boden.
 
 Die "geile Meile" ist die zentrale Straße des Vergnügungsviertels St.Pauli. Bars, Nachtclubs, Discotheken - ein bunter Schuppen reiht sich an den anderen. Verwahrloste Jugendliche schlafen in Decken gehüllt, zusammengekauert am Gehsteig. Schnellen Schrittes nähern wir uns einem Gebäude mit grüner Kuppel bei den Landungsbrücken an der Hafenstraße, zum Eingang des St. Pauli Elbtunnels.
Der alte Elbtunnel wurde 1911 fertiggestellt und war damit die erste Flußunterquerung des europäischen Kontinents. Staunend nehme ich die steile Treppe bis 24 Meter unter die Nordelbe, trabe durch die beeindruckende Tunnelröhre, fühle mich durch die Bauweise längst vergangener Tage wie im Zeitsprung. Nach 426,5 Meter untertags geht es auf der Elbinsel wieder ans Tageslicht. Denn Damm des Fährkanals entlang, über Brücken, Schleusen, durchs Industriegebiet hinaus in die Vorstadt. Hier ist man, den uns entgegengebrachten Sympathiebekundungen nach zu schließen, über unseren Deutschlandlauf durch die Medien informiert. Anfeuerungsrufe, hochgestreckte Daumen und Hupsignale sorgen für Kurzweile. Werde ich im Vorbeilaufen von nicht eingeweihten Passanten nach meinem Ziel befragt, so beantworte ich dies kurz und freundlich mit "Zugspitze". Eine nicht für jedermann glaubhafte Information, wo die höchste Erhebung des Landes doch noch in weiter Ferne liegt. Aber das Tagesziel als Ziel zu sehen kommt mir heute, wo es so richtig gut läuft gar nicht in den Sinn. Zügig geht es hinaus entlang der Heide nach Hamburgs Vorstadt. Stunden vergehen.
Mancher Lauftag will einfach nicht enden, andere, wie der Heutige verfliegen. Alles geschieht mit Leichtigkeit, alles geschieht etwas schneller. Von selbst einfach so. Ohne auf Puls oder Pace zu achten, ohne Daten irgendeines Messgerätes zu berücksichtigen, einzig bedacht im Wohlfühlbereich zu bleiben, laufe ich dahin. Bis zum Etappenende in Rotenburg.
Gehobener Stimmung steuere ich nach dem Zieleinlauf ohne Umwege Thomas Dornburgs Wohnwagengespann entgegen.
  Thomas erweist sich als ideale Besetzung für den 2. Verpflegungspunkt, und ist außerdem mit seiner Mini-Feldküche im Ziel die Anlauf-stelle für Kalorienbedürftige wie mich. Quasi der Erstversorger. Bei einer ordentlichen Portion Rührei mit Kartoffeln lässt es sich angenehm verweilen bei diesem ausge-glichenen Menschen. Während ich die Atmosphäre genieße treffen nach und nach Läufer ein. Bald sitzt eine erschöpfte aber gut gelaunte Gruppe beisammen und es kommt zu keinem Zeitpunkt das Gefühl auf bei einem Wettkampf zu sein. Zusammenhalt und Respekt voreinander sind Ultraläufern nichts Fremdes, wahrscheinlich sind wir auch deshalb in dieser Sportart beheimatet. 

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"Das Durchschnittliche gibt der Welt ihren Bestand, das Außergewöhnliche ihren Wert." 
(Oscar Wilde)
5.Etappe   Rotenburg (Wümme) - Sulingen  70,7 Km 
Eine schlaflose Nacht im Liegen kann lange dauern. Leider halten die Ohrstöpsel dem Geräuschpegel meines Umfeldes nicht stand. Außerdem habe ich tagsüber Cola konsumiert, obwohl dieses - seit dem Ende meines Lebensabschnittes, in dem höher als auf einen Barhocker zu steigen noch kein Thema war und der Zapfhahn als Lieblingstier herhalten musste - für mich ein Tabugetränk ist. Und wenn man dieses Gebräu nicht gewohnt ist, kann es zum Schlafräuber werden. So eben jetzt. Am Morgen krieche ich mit der Schwere eines Gefolterten aus meinem Konkon. Katzenwäsche und Frühstück wecken die Lebensgeister, während das Tagesziel vor Augen den Motivationszug nicht entgleisen lässt.
7:00 Uhr - Im Pulk der zweiten, schnelleren Gruppe, starte ich nach Wettkampfrichter Eberhards Signal los. Das etwas langsamere Hauptfeld ist schon seit 6:00 Uhr unterwegs. Vollzählig ist unsere Truppe leider nicht mehr. Verletzungen, teils aus Überlastung, zwangen schon einige das Rennen vorzeitig zu beenden.
Dank des nächtlichen Regens hängen feine Nebelschwaden in der Landschaft. Einmal mehr versteckt sich die Sonne hinter einer Wolkendecke, aus der es bald zu nieseln und schlussendlich zu regnen beginnt. Nach etwa 16 Kilometer überhole ich die Läufer am Ende der 1. Startgruppe. Freundlichkeiten werden ausgetauscht. Ein wenig Kommunikation zur Abwechslung (auf einem wieder einmal endlos langen, geraden Begleitweg, neben einer typisch norddeutschen Freilandstraße) tut gut und stärkt das Fundament des Durchhaltevermögens. Danach an der Weser zeigt sich die Gegend überraschend einladend.   
Neben der Straße gedeiht ein prächtiger Blumengarten und am Horizont erscheint die Silhouette der geschichtsträchtigen Stadt Verden, wie ins Land gemalt. Ein Stück weiter holt eine historische Windmühle die Vergangenheit in die Gegenwart. Weniger ästhetisch ragen die Windräder des einige Kilometer südlicher gelegenen Windparks ins Gewölk. Schönheit sollte bei letzterem aber eine untergeordnete Rolle spielen, wo Windräder als Stromerzeuger doch die vernünftigere Alternative zur Atomkraft darstellen. In Gedanken versunken trabe ich zwischen Raps und Haferfelder dahin. Wie ähnlich dieses Gebiet der Windparkregion meiner Heimat am Neusiedler See ist, sogar die Windräder stammen vom selben Hersteller. Ein Heimspiel würde ich meinen, wäre ich hier ausgesetzt worden ohne über meinen Aufenthaltsort bescheid zu wissen. 
Der heutige Tag entwickelt sich zum Stichtag, mal sticht es hier, mal sticht es da. Erst in einem Zehengelenk, dann in der linken Leistengegend, anschließend mach sich das rechte Hüftgelenk bemerkbar. Mit nach links geneigtem Oberkörper laufe ich dahin, bemerke nicht dass die Eleganz meiner Haltung zu wünschen übrig lässt. Erst nachdem mich ein Betreuer auf meine seltsame Ausrichtung anspricht wird mir mein fragwürdiges Erscheinungsbild bewusst. Bemühungen aufrecht zu laufen enden nach kurzem abermals mit leichter Schräglage des Oberkörpers. Egal, kein Grund zu bremsen, denke ich und ziehe nach 8 Stunden Laufzeit ohne Eleganz aber ungebremst durch das Ziel.
"Das Leben besteht in der Bewegung."  
(Aristoteles) 
6.Etappe   Sulingen - Osnabrück   78,2 Km
Ein wunderbarer Morgen. In der vergangenen Nacht war es mir vergönnt zu regenerieren. Schlaf als Selbstheilungsmittel.
Neuer Tag, neues Glück. So wie ich es mag, führt die heutige Strecke schon kurz nach dem Start ins Grüne. Bäume, Sträucher, Wiesen - lösen sich aus dem Morgendunst.  Am Ufer eines kleinen Teiches lauern Fischer bewegungslos hinter ihren Angeln. Einige Gedanken später ruht ein etwas größeres Gewässer, still, von saftigem Bewuchs umrahmt. Eine Augenweide.
Danach erstreckt sich unser Weg, kerzengerade wie eine Blaupause mancher Strecken-abschnitte der vergangenen Tage, in die Länge. Abermals entleeren sich Regenwolken, die treuen Begleiter dieses Deutschlandlaufes, über unseren Köpfen. Im an den Radweg grenzenden Wäldchen wachsen Pilze zwischen bemoosten Bäumen. Kein Wunder bei diesem Wetter.
Ansonsten läuft es heute relativ gut. Na ja, man ist über 50 und knackig, mal knackt es hier mal knackt es da. Aber schließlich sind wir seit Sylt ja schon 400 Kilometer gelaufen und davon quälen jüngere unter uns schon wesentlich größere körperliche Probleme. Da darf sich unsereiner im Spätsommer des Lebens nun wirklich nicht beklagen, solange es noch irgendwie voran geht.
Zaghaft schließt sich die Himmelsschleuse, es klart auf. Hat sich der April in den Sommer verirrt? 
Ein Raubvogel kreist elegant über weite Felder. Dahinter schmiegt sich eine gepflegte Mühle malerisch ins Landschaftsbild.
Bei der Verpflegungsstelle warten Brötchen und freundlich Worte. Außerdem bestand die Möglichkeit Drop-Bags mit Wechselkleidung hier deponieren zu lassen. Eine gut Einrichtung welche auch genützt wurde. Mühsam schält sich einer aus seiner Laufhose, während ich mich mit den Manieren eines Raubtieres der Nahrungsaufnahme widme. Zeit mich umzukleiden nehme ich mir nicht. Wofür auch, die Wechselkleidung ist nach der gestrigen Waschprozedur noch immer feucht und stinkt mittlerweile in der Intensität eines nassen Ziegenbockes. Keine Frage, man muss bei diesem Unternehmen das Bedürfnis nach Komfort auf ein Minimum reduzieren. Waschmaschinen und Trockner stehen in unseren Nachtlagern leider nicht zur Verfügung und so waschen wir, mit eher dürftiger Effizienz, unsere Kleidung unter der Dusche oder im Waschbecken. Die kurze Zeit, bis zum frühen Morgen, reicht bei der hohen Luftfeuchtigkeit jedoch selbst für atmungsaktive Sportbekleidung nicht aus um zu trocknen. Also werden die Sachen feucht in die Taschen gepackt, worin sich schön langsam erfolgreich aber wenig wünschenswert eine kleine Pilzzucht entwickelt. Und so umgibt uns mit jedem Tag mehr die Duftnote umherstreifender Vagabunden. 
Wie auch immer, mich heute umzukleiden wäre sowieso nicht sinnvoller gewesen als Wasser in die Donau zu schütten. Denn nach dem zuletzt monotonen Asphaltweg weist uns ein rosa Pfeil in matschiges Gelände. Im Laufschritt durch knöcheltiefe Pfützen spritzt der Schlamm bis zu den Ohren. Juchhu, beschwingt im Banne des Bewegungsrausches geht es mit einem Grinsen im Gesicht dahin. 
"Ihr seid die weißen Kenianer", ruft uns eine überaus reizende weibliche Person am Stadtrand Osnabrücks zu, und mein Grinsen wird noch breiter. Am Endpunkt der Tagestour, 8 Stunden 30' nach dem Start rangiere ich auf Platz 5 und der Grinser im Gesicht bleibt mir bis in den Schlafsack erhalten.
"Wie man sich bettet so liegt man."
  (Erkenntnis der Nacht, am Boden unseres Nachtlagers, im Sand der Tennishalle von Osnabrück)     
7. Etappe   Osnabrück - Werne   90,1 Km

 

6:00 Uhr. Wir sind nur noch zu sechst in der Startgruppe der schnelleren Läufer, alle anderen begannen die Tagestour bereits vor einer Stunde. Die Startzeit ist täglich abhängig von der Streckenlänge sowie von den Witterungsverhältnissen und wird abends beim Briefing vom Organisator bekannt gegeben. Ebenso flexibel wie die Startzeit ist die Gruppenzugehörigkeit jedes Einzelnen. Maßgeblich dafür, wer in der schnelleren oder der langsameren Gruppe startet, ist immer die Durchschnittsgeschwindigkeit des jeweiligen Läufers vom Vortag. Also starten die deren durchschnittliche Kilometerlaufzeit weniger als 7 Minuten betrug in der schnelleren und jene welche darüber lagen in der langsameren Gruppe. Letztere ziehen - wie schon erwähnt - um eine Stunde früher los, um nicht das Läuferfeld schon vorzeitig in die Länge zu ziehen und damit die Logistik der Verpflegungsstellen zur schwer lösbaren Aufgabe zu machen. 
Flott geht es unter einer dunklen Wolkendecke, welche sich schon bald zu einem düsteren Wolkengebirge wandelt, dahin. Der Himmel beweint einmal mehr die Erde. Jens ein baumlanger Kerl mit ungezähmten Gesichtsbusch, legt ein ordentliches Tempo vor. Es war ihm schon vor dem Frühstück anzusehen dass sich Unruhe in seiner Haut breit machte. Wie ein wildes Tier in einem zu kleinen Käfig lief er im Schlafsaal umher. Irgendetwas ließ ihm keine Ruhe. Als ich zwischendurch einige Worte mit Jens wechselte (während Adrenalin beinahe schon aus seinen Ohren sickerte), war aber schnell klar, dass er - ohne es kundtun zu wollen - den Etappensieg anvisiert. Es sei ihm vergönnt.....
Die weite Ebene Norddeutschlands liegt endlich hinter uns, es wird hügelig. Auf einem Bauernhof, neben der Landstraße beleben Hühner, Schafe und Pferde die ländliche Gegend. Die Wolken sind weitergezogen, der Himmel gehört nun der Sonne. Maisfelder und Weiden grenzen an kleine Waldstücke. 
Zwischen prächtigen Bäumen zieht sich eine Straße, sanft ansteigend, hoch bis zur Verpflegungsstelle. Schnell sind die Flaschen befüllt, Schokoriegel in die Kängurutasche gepackt und ab ins Gelände. Gemeinsam mit Harry Lange geht es übermütig, auf matschigem Waldweg voran. Harry besinnt sich, durch meine Anwesenheit, seiner österreichischen Wurzeln und besingt die Folgen der Witterungsumstände. "Hupf in Gatsch und schlog a Wön", tönt es im Wiener Dialekt mit leicht deutschem Akzent durch den Wald. Amüsant gestaltet sich die morastige Spritztour neben dem ein wenig ausgeflippten Typen. Einer seiner deutschen Landsleute wird ihn später als "liebenswerte Knalltüte" bezeichnen. Doch Harry ist auch ein sehr starker Läufer. Er steckt in einem muskulös geformten Körper, hat aber mit einem Handicap zu kämpfen, nämlich mit seinem sehr stark eingeschränkten Sehvermögen. Er selbst bezeichnet sich als beinahe blind. Um den richtigen Weg zu finden begleitet ihn seine Freundin mit dem Fahrrad und manchmal orientiert er sich an denen welche unmittelbar vor oder neben ihm laufen. Das funktioniert bestens und erfüllt ihn. Gut so.
Einfach ist die Suche nach dem richtigen Weg aber auch für jene nicht immer, deren Sehvermögen nicht eingeschränkt ist. Denn der Regen hat übel mitgespielt. Rosa Sprühkreidepfeile, welche am frühen Morgen vom Organisator sorgfältig angebracht wurden, sind schon wenige Stunden später verwaschen und teils nur noch schemenhaft erkennbar. Im Vorfeld der Veranstaltung wurden zwar GPS-Daten zur Verfügung gestellt, die Verwendung eines GPS-Gerätes aber nicht zwingend vorgeschrieben. Also ist nun der Großteil der Teilnehmer - inklusive mir - ohne Navigationsgerät unterwegs und somit auf den eigenen Orientierungssinn angewiesen.
Abgesehen von einem kleinen Umweg zwischendurch läuft es für mich, bis zum Stadtrand von Werne, auch ohne technische Hilfsmittel ganz gut. Dort jedoch verpasse ich die Markierung zum Zieleinlauf und verlängere  die Etappe mit einer unfreiwilligen Stadtbesichtigung. Im urbanen Labyrinth begegnen mir überraschend einige Deutschlandläufer denen es nicht anders ergangen ist als mir. Später, im Ziel finde ich mich nach 10 Stunden und 29 Minuten auf Rang 6.
Ja und Jens, der glänzt tatsächlich mit dem Tagessieg. Chapeau. 

 

"Speed is sex, distance is love"
(Long distance-runner's wishdom)

 

8.Etappe    Werne - Solingen    83,2 Km
Getratsche wabert durch die Luft und mischt sich mit dem strengen Geruch unserer Ausdünstungen. Schlaftrunken sitze ich zwischen Turngeräten auf meiner Schlaf-matte. Einige meiner Laufkollegen schleppen sich wie Zombies durch Wernes Sportsaal der heute Nacht unser Schlafsaal war. Einige mussten nach dem gestrigen Tag die Segel streichen. Mir selbst geht es den Umständen entsprechend gut, obwohl sich das Schlafdefizit summiert, die Erholungs-zeiten nicht ausreichend sind und das Ganze zunehmend an der Substanz zehrt.
Das Morgenprogramm, vor dem Start zur Tagesetappe, verläuft mittlerweile routinemäßig. Katzenwäsche, Vaseline an Scheuerstellen auftragen, Frühstücksbrei aus dem Zahnputzbecher löffeln......und auf geht´s.
Wieder fällt Wasser aus dem Himmel. Ja, dieser Juli ist auch ein April. Morast schmatzt bei jedem Schritt, auf dem Grenzpfad eines Kraftwerks zum Datteln-Hamm Kanal. Der Kanal ist eine Bundeswasserstraße und dient mehreren Kraftwerken für Kühlprozesse und Kohle-transporte. Trotz der gewerblichen Nutzung ist es gelungen eine gewisse landschaftliche Idylle zu erhalten. Nahtlos grünt es bis zu den Außenbezirken Dortmunds, und noch weiter. Mit vielen Naturflächen und Parks präsentiert sich Dortmund, bis zum Zentrum, als grüne Großstadt. In den äußeren Stadtvierteln blieben zahlreiche Altbauten erhalten. Das historische Stadtzentrum wurde 1945, gegen Ende des 2. Weltkrieges beinahe gänzlich zerstört. Es war die schwerste Luftoffensive gegen eine Stadt in Europa. Heute ist Dortmund mit etwa 600.000 Einwohnern die bevölkerungsreichste Stadt des Ruhrgebietes und hat sich zum Wirtschafts und Handelszentrum gemausert. Großstädte sind eigentlich nicht das Meine, aber hier in Dortmund gefällt es mir. Gut so. Ablenkung hilft den zunehmenden Schmerz in meiner Leistengegend zu ignorieren. Noch.......
Je weiter wir in den Süden Deutschlands vordringen desto abwechslungsreicher gestaltet sich die Topografie. Welliges Gelände, kurze Anstiege, Andeutungen auf das, was uns im Allgäu erwartet - ein sanftes "warm-up" für die finale Etappe auf die Zugspitze.
Wuppertals stillgelegte Bahntrasse wurde zum sehenswerten Rad- und Wanderweg umgewandelt. Sogar ein alter Tunnel ist für uns im Laufschritt passierbar.
Danach, vor einer restaurierten, zur Raststätte für Wanderer und Radfahrer umgewidmeten Haltestelle, winken mir einige unserer Betreuer schon von weitem zu. Freude. Kurzer Smalltalk (bei Sonnenschein!!!), Nahrungsspeicher befüllt und vorwärts ins Stadtleben Wuppertals. Die historische "Schwebebahn", das Wahrzeichen der Stadt, reiht sich als weitere Perle an unsere Kette von Sehenswürdigkeiten. Diese Einschienenhängebahn ist aufgrund der Bauart einzigartig, knattert seit über 100 Jahren durch Wuppertal und hat bereits 1,5 Milliarden Menschen transportiert. Beeindruckend.
Der Nachmittag und ich ziehen uns ein wenig schleppend dahin. Mein Leistenschmerz wächst, der Kopf ist gefordert den (mit Streik drohenden) Körper unter Kontrolle zu behalten. Die Monotonie der Laufbewegung und das Panorama tragen dazu bei die Pein im Bereich des Erträglichen zu halten. Auf einer Anhöhe zeichnen sich die Konturen der Stadt Remscheid erhaben gegen den Himmel ab. Nur noch wenige Kilometer trennen mich vom ersehnten Tagesziel in Solingen, als unerwartet ein Wolkenbruch loslegt. Es schüttet aus allen Kübeln. Abermals beschert uns der Himmel eine ausgiebige Wäsche. Wovon natürlich auch die rosa Sprühkreidepfeile betroffen sind, welche uns den Weg weisen sollen, nun aber nur noch mit viel Fantasie erahnbar werden.
Doch der Himmel schickt nicht nur Regen, er schickt mir auch noch den netten Laufkollegen Ralf Ruppert, mitsamt GPS-Gerät. Hoffnung...... Leider schlägt das Schicksal gerne Haken und es stellt sich heraus, dass Ralfs GPS-Gerät den Track verlor und somit keine Route anzeigt. Gemeinsam ziehen wir rat- und orientierungslos durch Solingens Wald.
 Endlich schimmer die Wohnmobile unseres Trosses durch das Grün des Waldes. Welch erfreulicher Anblick. Plötzlich, das Ziel vor Augen, ist auch der Track wieder auf Ralfs GPS sichtbar. Oh ja, gerne würde ich dieses Gerät zwischen zwei Steinen justieren, das aber bleibt zum Glück Ralf überlassen.
Zieleinlauf nach 11 Stunden und 3 Minuten auf Rang 9. 
9.Etappe   Solingen - Bornheim-Hersel  60,1Km

 

"Alle Glieder sind steif, bis auf eines"
(Bemerkung eines Läufers, kurz nach der Nachtruhe)
Was für ein eigenartiges Gefühl nach beinahe 4 Jahrzehnten wieder in einer Schülerherberge aufzuwachen. Als wäre ich durch ein Zeitfenster gelaufen. Vieles in diesem alten Gemäuer blieb erhalten wie es zu meiner Schulzeit war, intakt, irgendwie heimelig. Mit warmen Erinnerungen behaftet. Viel Zeit ist verstrichen, Vergangenes im Gedankenspeicher geschönt, Erwartungen hoch. Groß war die Vorfreude darauf endlich wieder in einem richtigen Bett zu schlafen, nun bin ich froh darüber hier wegzukommen. Beengend ist es hier, viele Menschen auf wenig Raum. Stau vor dem Start, im Bereich des Ausganges, dann endlich raus in den Regen.
Vom nahen Burgtor Solingens setzen wir unseren Weg durch das Bergische Land fort. Die Route führt ohne Umwege in das von andauernden Niederschlägen triefende Waldgebiet. Dunstschleier hängen mystisch in Bäumen. Steine, Wurzeln, Unebenheiten gestalten einen anspruchsvollen abenteuerlichen Trail. Nicht jeder unserer Läufer kann sich mit dieser Streckenführung anfreunden. Ich schon, mich begeistert der Zauber dieser prächtigen, grünen Lunge. Flott geht es über Stock und Stein. Zur Euphorie gesellt sich Leichtsinn. Rutsche, stolpere - "uff", noch einmal gut gegangen. Weiter mit Lust, voran mit Spaß am Tempo.
Gemeinsam mit Günter Naab hefte ich mich an die Fersen einer noch frischen Tagesetappenläuferin. Nicht etwa wegen der zugegebenermaßen netten Rückansicht der schnellen Dame - nein, eigentlich folgen wir tatsächlich nicht ihrem wohlgeformten Hinterteil, wie es vielleicht den Anschein erweckt, sondern dem GPS-Gerät in ihrer Hand. Und das hat seinen guten Grund, denn leider sind auch heute wieder viele unserer Wegweiser (rosa Sprühkreidepfeile) zur Beute des Regens geworden.
Unbeschwert, vom Druck den richtigen Weg finden zu müssen vorübergehend befreit, renne ich in unserer kleinen Gruppe über Waldpfade, durch Bachbette und Forstwege dahin. Sorglos, ohne Gedanken darüber zu verschwenden dass es möglich wäre uns zu verlaufen oder einer der Irren dieser Welt gerade dabei sein könnte diesen schönen Planeten in die Luft zu jagen. Alles ist gut.
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Der Morgen wurde mittlerweile vom Vormittag abgelöst. Ich bin wieder mit mir alleine, habe Günter samt unserer Navigatorin beim letzten Verpflegungspunkt aus dem Blickfeld verloren. Sind die Beiden vor oder hinter mir? Keine Ahnung. Egal....weiter. Geradeaus, keine Abzweigung, keine Möglichkeit sich zu verirren. Bis zu einer Kreuzung bei der selbst die Phantasie von J.R.R. Tolkien nicht ausreichend wäre eine Zielführende Bodenmarkierung zu erkennen. Dem breitesten Weg zu folgen erscheint mir am sinnvollsten. Na ja...... Einige hundert Meter weiter - noch immer keine Spur von zartem Rosa - wende ich, kehre unsicher zur Kreuzung zurück. Dort sind inzwischen unsere französischen Kameraden angekommen. Ratlose Gesichter. Palaver. Nach mehr als einer halben Stunde gemeinsamer, erfolgloser Suche, beschließe ich einen der Wege auf gut Glück, ohne Umkehr fortzulaufen. Erleichterung. Entschlossenheit überstrahlt Zweifel. Und dann, etwas später wird es zur Gewissheit, das Glück ist mir hold. Endlich wieder eine Markierung sichtbar. Jubel!
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Fließendes Wasser ist das Gesicht der Zeit. Ich mag es am Wasser entlang zu laufen. Besonders entlang beschaulicher Uferpromenaden wie dieser, vor der 2000 Jahre alten Stadt Köln, am Rhein gefällt es mir.
Köln ist die viertgrößte Stadt Deutschlands und Wohnort für mehr als 1 Million Menschen. Schon von weitem ist der große, gotische Dom, der den Dreikönigsschrein beherbergt, zu sehen. Davor erhebt sich die Hohenzollernbrücke majestätisch über den Rhein. Dieses von 1907-1911 errichtete Bauwerk ist heute mit 1220 Zugfahrten pro Tag die meistbefahrene Eisenbahnbrücke Deutschlands. An den Außenseiten der Brücke wurden Geh- und Radwege angebracht. Über den Gehweg führt unsere Route vorbei an unzähligen Liebesschlössern (Vorhängeschlösser mit den Initialen von Verliebten beschriftet, sollen nach einem Brauch durch die Anbringung an Brücken, symbolisch deren ewige Liebe besiegeln) zum Domplatz. Gerne würde ich hier verweilen, schön wäre ein Stadtbummel, eine entspannte Kaffeepause an der Promenade..... Ein andermal, verspreche ich mir - habe heute bei der Sucherei nach dem richtigen Weg schon genug Zeit verloren. Allez, allez!
Entlang des Rheins zieht sich das verbleibende Stück zum Etappenziel ereignislos aber dennoch kurzweilig dahin. 
Nach 8 Stunden 16' reicht es, trotz der zeitaufwendigen Suche nach unseren Wegweisern doch noch für Rang 13 in der Wertung der Sololäufer (dazu sei erwähnt, dass auch Staffelläufer, Einzeletappenläufer und 1 Tretrollerfahrer mit dabei sind - davon aber später). Und abgesehen von der Suche, war dies für mich bislang die abwechslungsreichste, ja eigentlich schönste Etappe des Deutschlandlaufes. So sollte es weitergehen.
10. Etappe   Bornheim-Hersel - Mühlheim-Kärlich   58,1Km
Und so geht es auch weiter. Vor allem mit dem Regen, er wird uns heute den ganzen Tag begleiten. Im Gegensatz dazu ist der Schmerz meiner Leiste, welcher mich seit 3 Tagen begleitet, langsam im Abklingen. Gut so.
Entlang des bekanntesten Stroms Deutschlands geht es an der Bonner Promenade zügig dahin. Kopf an Bug, im Wettlauf mit einem langen, schwer beladenen Frachtschiff. Hinter dem gegenüberliegenden Ufer erhebt sich das Siebengebirge, mit dem Drachenfels, ins tief hängende Regengewölk. Drachen und Riesen sollen einst, überlieferten Sagen nach, in dieser bewaldeten Hügellandschaft ihr Unwesen getrieben haben. Es muss eine düstere Wetterlage gewesen sein - so wie die Heutige - welche die Fantasie der Menschen damals beflügelt hat solche Geschichten zu erfinden. Das feuchte Wetter hat aber auch Gutes für uns Läufer, denn die Promenade zeigt sich menschenleer - wir haben freie Bahn. An einem sonnigen Tag wären hier sicherlich Menschentrauben zu umlaufen, heute zum Glück nicht. Jeder Situation ist eben Positives abzugewinnen. 
Ein Stück weiter südlich, immer noch auf gleicher Höhe im Wettlauf mit dem Frachtschiff, passiere ich die zum Friedensmuseum restaurierten Überreste der Brücke von Remagen. Die Ludendorff-Brücke bei Remagen war im März 1945 der letzte intakte Rheinübergang vor dem militärischen Zusammenbruch Deutschlands. Hart umkämpft. Ein letzter von den Deutschen missglückter (aufgrund ungenügend Sprengstoffs) Sprengungsversuch, dann waren die Alliierten nicht mehr zu stoppen. Sie überquerten die Brücke, worauf sich die restlichen deutschen Soldaten den Amerikanern ergaben. 10 Tage nachdem Sprengungsversuch stürzte die Brücke wegen der durch die Sprengung entstandenen Schäden doch noch ein.   
Nie wieder sollte derartiges geschehen, geht es mir durch den Kopf, bin von Dankbarkeit erfüllt nicht in einem Kriegsgebiet leben zu müssen und trage wie immer beim Laufen den inneren Frieden in mir. Kein Geld der Welt kann solche Augenblicke ersetzen. 
Viele Menschen können die Ausgeglichenheit wie sie beim Langstreckenlauf in einem entsteht nicht nachvollziehen. Wie sollten sie auch wo man, einer aktuellen Studie nach, in unseren Gefilden pro Person täglich im Durchschnitt nicht mehr als 500 Meter zu Fuß zurücklegt. Gut, es ist mir schon bewusst, dass nicht jeder zum Langstreckenläufer werden kann, aber etwas mehr Bewegung würde dennoch nicht schaden. Laufen wirkt stimmungsaufhellend, psychohygienisch. Wahrscheinlich wären Konflikte, ja vielleicht sogar Kriege vermeidbar gewesen, hätten politische Entscheidungsträger vor heiklen Verhandlungen einen gemeinsame Lauf unternommen. Laufen wirkt.
Wenngleich es manchmal mühsam sein kann die Motivation dafür aufrecht zu erhalten. So zum Beispiel heute. Stundenlanger Regen dringt bis in die verborgensten Furchen des Körpers vor, weicht die Haut, unterkühlt. Glücklicherweise bin ich für die Bildung wunder Stellen und Blasen nicht besonders anfällig. Habe aber trotzdem vorsorglich Vaseline an empfindlichen Körperregionen aufgetragen, die Füße mit Hirschtalg verwöhnt und natürlich die Brustwarzen verklebt. So weit, so gut. Diesbezüglich sollten sich also keine Unannehmlichkeiten anbahnen. Angenehm ist mir aber trotzdem nicht, es ist die Windjacke die ich vermisse. In der Hoffnung, dass die Pieselei endlich ein Ende findet, packte ich die Jacke morgens ins Reisegepäck. Nun reist der Regenschutz im trockenen Begleitfahrzeug und mir ist kalt. Ja, ja, wie im Wörterbuch, Leichtsinn kommt vor der Vernunft. C'est la vie.
Froh darüber, nach 6 Stunden 42' als 9. im Tagesziel und endlich im Trockenen angekommen zu sein, springe ich mit Kalle Dravec ausgelassen durch den Eingangsbereich unseres Nachtlagers. 
 Komfortabel haben wir es heute, in dieser geräumigen sauberen Sporthalle. Sogar die Heizung hat man für uns aktiviert. Keine Selbstverständlichkeit, denn wer rechnet schon mit Herbstwetter im Hochsommer. Selbst das heiße Wasser der Dusche ist auf unserer Reise nichts Alltägliches. Da manche Turnhallen in den Schulferien wenig oder gar nicht benützt werden und somit im Energiesparmodus sind. Kürzer als mir lieb ist gönne ich mir das Vergnügen unter der heißen Dusche, denn schließlich sollen auch jene, welche nach mir ankommen noch etwas von diesem Luxus genießen können. Wir nehmen Rücksicht aufeinander, sind in diesen fordernden Tagen zu einer großen Familie zusammengewachsen. Einige von uns wird dieser Deutschlandlauf noch viele Jahre freundschaftlich verbinden, manche vielleicht sogar ihr ganzes Leben. 
11. Etappe  Mühlheim-Kärlich - Oberwesel  54,4 Km
"Hit the road Jack"
(Ray Charles)
Na super, noch keinen Kilometer unterwegs und schon geht es durch knöcheltiefes Wasser. Der Regen hat auf unserem Radweg riesige Pfützen entstehen lassen. Fallweise in einem Ausmaß, dass ausweichen unmöglich macht. Also durch. Dies erweist sich aber, nachdem die Füße immer kälter werden, nicht als dauerhaft ideale Lösung. Somit entschließe ich mich die angrenzende Böschung zu erklimmen und auf der parallel verlaufenden Straße mein Glück zu versuchen. Dort jedoch lässt die Rücksichtnahme der motorisierten Verkehrsteilnehmer manchmal sehr zu wünschen übrig. Bedrohlich nahe rasen einige an mir vorbei. So als machten sie sich einen Spaß daraus dem Störefried auf "ihrer" Straße zu zeigen wer hier die Macht hat. Arme Seelen, bei manchen dürfte sich mit dem Anlassen ihres Fahrzeuges die Fähigkeit vernünftig zu handeln erheblich einschränken. Jedenfalls wird meinem Schutzengel zur Zeit nicht langweilig. Zum Glück ist er einer der Besten seiner Zunft und ich erreiche unbeschadet Koblenz.
Koblenz am Mittelrhein gehört zu den ältesten Städten Deutschlands. Historische Burgen, Schlösser und Kirchen zeugen von langer Geschichte. Besiedelt war das heutige Stadtgebiet schon in der Steinzeit. Die Römer errichteten später an dieser strategisch gut gelegenen Stelle eine städtische Siedlung namens Kastell Confluentes. Der lateinische Name Confluentes (die Zusammenfließenden) leitet sich von der Lage - dem Zusammentreffen - von Rhein und Mosel ab.... 
An der kilometerlangen Uferpromenade laufe ich dem Zentrum der Stadt entgegen, da gesellt sich eine Radfahrerin zu mir. Sie verdient als Journalistin ihre Brötchen und würde daher Informationen über den Deutschlandlauf benötigen. Gerne beantworte ich ihre Fragen, schließlich freut sich auch unsereiner wenn in den Sportnachrichten nicht nur über Fußball berichtet wird.
An der Mündungsspitze, wo Rhein und Mosel zusammenfließen, ragt das Kaiser-Wilhelm-Denkmal erhaben empor. Ich bin wieder mit mir alleine. Leider nicht ganz, denn der Leistenschmerz ist zurückgekehrt - mein treuer Begleiter. 
  Mühsam geht es heute voran, der Flow-Zustand will sich nicht wirklich einstellen. Da erblicke ich am Wegesrand ein bekanntes Gesicht. Es ist Mirko. Welche Freude. Mirko war vor einigen Tagen verletzungsbedingt gezwungen den Deutschlandlauf vorzeitig zu beenden. Nun, nach ärztlicher Versorgung, scheute er nicht die Mühe uns nachzureisen. Mit Chauffeur natürlich, denn Mirkos verletztes Bein ist in Gips gehüllt. Aufmunterndes ruft er mir zu. Das gibt Antrieb, Motivation. Danke Mirko, ich wünsche dir ein baldiges Comeback in der Laufszene. 
Fotogene Dörfer, Städte, Burg Rheinfels - Blickfänge wie Filmkulissen, ziehen an mir vorbei. Entlang des Rheins ist es gelungen historische Mauern mit Geschmack in die Gegenwart zu holen.
Bilder die in schöner Erinnerung bleiben werden. Der Deutschlandlauf ist eigentlich eine Fußreise, es wäre schade ihn auf den Wettkampfgedanken zu reduzieren. Ja, Ultralangstreckenlauf ist mehr als nur Sport - es ist die intensivere Art zu reisen - ist eine Lebenseinstellung. Abnormal??? Durchgeknallt??? Egal, beim Laufen findet man immer Zuflucht mit den Problemen seiner Existenz und Normalität ist ohnehin eine Illusion.
Erwartungsvoll laufe ich dem sagenbehafteten Loreley-Felsen entgegen. - In weißem Kleide, mit fliegendem Schleier und wehendem Haar soll eine Nixe auf dem Felsen gestanden sein. Durch ihren Gesang, gleich den Sirenen der griechischen Mythologie, soll die Schöne die Rheinschiffer abgelenkt und an den Felsriffen mit den gefährlichen Strömungen ins Verderben gelockt haben.
Mich persönlich lockt gerade das nahe Ziel. Vom Loreley-Felsen habe ich mir optisch mehr erwartet, er verleitet mich nicht zu verweilen. Unser heutiger Zielort heißt Oberwesel. Kurz geht es durch die charmante Gemeinde, dann steil aufwärts zum Elfenfels, wo unsere heutige Unterkunft, eine Jugendherberge, thront. Den Endpunkt der Tagesetappe passiere ich nach 6 Stunden 42' als 13. Sololäufer. 
Im luxuriösen Horst über dem Rhein gestaltet sich der Tagesausklang angenehm. Abendessen vom reichhaltigen Buffet, heiße Dusche, einladendes Bett in stiller Ecke - was will man mehr? Ah ja, noch ein herzliches Telefongespräch mit meiner Frau - danach wird sich aber unwiderruflich mit den Annehmlichkeiten der Schlafstätte arrangiert. 
12. Etappe  Oberwesel - Westhofen   66,8 Km
GEDANKEN - BALI 2002
"Ich laufe dem Sonnenaufgang entgegen, eine sanfte Brise weht mir durch das Haar. Ein neuer Tag wird gerade geboren. Der frische Geruch des Meeres ist am Morgen am besten wahrnehmbar. Die ersten Sonnenstrahlen verwandeln das Wasser in einen glitzernden Teppich. Meine Beine spüre ich nicht, als würde ich schweben. Die kleinen nicht identifizierbaren Punkte, welche noch vor einiger Zeit am Horizont waren, sind jetzt näher gekommen und als Fischerboote erkennbar. In den Palmwipfeln begrüßen Vögel den jungen Tag mit ihrem Gesang.
Wie lange bin ich schon unterwegs? Wäre da kein Zeitmessgerät an meiner Hand, ich könnte es nicht sagen. Eine neue Umgebung lässt die Stunden zu Minuten werden, herrlich. Keine Termine im Kopf, das Telefon ist weit weg und keine hupenden Autos, die von Menschen gesteuert werden, welche diese neuzeitliche Krankheit in sich haben, deren Symptome durch heruntergezogene Mundwinkel und panisches Gestikulieren offenbart wird. Die Küstenstraße ist noch Menschenleer.
Niemand, der mich aus meinem traumähnlichen Zustand reißen würde. Mein Atem ist gleichmäßig, beinahe monoton. Die Sonne steht jetzt höher und strahlt mir in das Gesicht.Glücksgefühle, dieses erleben zu dürfen, lassen meinen Körper angenehm erschaudern......."
Erinnerungen, Gedanken wie Rückenwind. Die Markierung des 50. Breitengrades am Rhein-Uferweg holt mich ins Hier und Jetzt zurück. Wir kommen unserem Ziel näher. Ein Stück südlich des 50. Breitengrades führt unser Weg weg vom Rhein, durch ländliche Orte über hügeliges Weinbaugebiet. 
Deja vu. Irgendwie vertraut wirkt alles um mich herum, sehr ähnlich der Gegend in der ich aufgewachsen bin. Wieder hängen Erinnerungen längst vergangener Tage nach. Über Feldwege, Wiesen, Pfade, läuft es sich bestens, so könnte es meinetwegen den ganzen Tag weitergehen. Tut es aber nicht. Leider lande ich nach einiger Zeit wieder auf grauem Asphalt. Autos rasen mit hoher Geschwindigkeit die Landstraße entlang. Ein Truck kommt mir so nahe, dass der Fahrtwind meine Kopfbedeckung selbstständig werden lässt und in hohem Bogen in den Straßengraben befördert. Da geht mir sprichwörtlich der Hut hoch. Aus tiefster Kehle sende ich dem Lenker des Ungetüms ein unanständiges Schimpfwort hinterher und wünsche ihm ein juckendes Hinterteil. Am weißen Begrenzungsstreifen der Fahrbahn ist man als Läufer der Willkür rücksichtsloser, manchmal aggressiver Pseudo-Potenzler schutzlos ausgesetzt. Auszuweichen, auf einen Begleitweg, ist nicht möglich - da nicht vorhanden, also muss man sich mit dem Verkehrsterror irgendwie abfinden. Am besten hilft da noch die Flucht in die harmonische Gedankenwelt. Jawohl, und dort bleibe ich heute auch gleich bis zum Etappenende. 
13. Etappe   Westhofen - Angelbachtal (Schloss Eichtersheim)  78 Km  
"Du weißt nie wie stark du bist, bis stark sein die einzige Wahl ist, die du hast."   (Bob Marley)
Ein unglücklicher Schritt, einstechender Schmerz im rechten Sprunggelenk und der Deutschlandlauf nimmt für mich eine ungeahnte Wende. So schnell geht das, nun hat es also auch mich erwischt. Noch will ich die Tragweite dieses Missgeschicks nicht realisieren. Noch lebt die Hoffnung, dass es so weitergeht wie bisher. Obwohl es sich anfühlt als hätte man mir einen Keil in das betroffene Gelenk getrieben. Schmerzerfüllt trabe ich hinkend dahin. Geduld, bald wird es wieder besser werden - rede ich mir ein. Hoffnung ist ein guter Antrieb. Das Schicksal mischt zwar die Karten, aber spielen muss man schon selbst. Also weiter nach Worms.
Worms, eine der ältesten Städte Deutschlands, ist keltischen Ursprungs und wurde etwa 5000 v. Chr. besiedelt. Heute leben hier mehr als 80.000 Menschen. Auf unserem Weg durch die Stadt reihen sich die Quälgeister des Deutschlandlaufes in bemerkenswerter Dichte - Fussgeherampeln. Kaum von einer losgekommen - nach gefühlt endloser Wartezeit - stehe ich schon vor dem nächsten Rotlicht. Nun kommt für mich hinzu, dass loslaufen (oder in meinem momentanen Zustand besser gesagt loshumpeln), sobald das grüne Licht angeht, besonders qualvoll ausartet. Einige Schritte getan, pendelt sich der Schmerz im Sprunggelenk, auf ein irgendwie erträgliches Level. Bis zur nächsten Ampel, wo die Marter von neuem beginnt.
Vorbei am Bahnhof, zur Nibelungenbrücke mit dem imposanten Nibelungenturm, danach geht es Stadtauswärts.
 Felder, Wiesen, Bäume, alles ist saftig grün. Der Regen der letzten Tage lässt die Natur prächtig gedeihen. Ein schöner Anblick, doch richtige Begeisterung will in mir einfach nicht aufkommen. Zu sehr plagt das rechte Bein, und so kämpfe ich mich lustlos nach Heidelberg. Zielstrebig weiter, durch Orte, mit dem sehnlichen Wunsch im Kopf, dass dieser Tag ein baldiges Ende nimmt. Denn die Uhr scheint heute langsamer zu gehen als sonst. Ausgelaugt steuere ich durch das Zieltor direkt zu Thomas Dornburgs Verpflegungswagen. Thomas, der es immer versteht zur gelösten Stimmung beizutragen, versorgt mich sofort mit alkoholfreiem Weizenbier, Rührei und aufmunternden Worten. Mein Seelenbarometer ist wieder im steigen. Ja, ja, die Freuden des Ultraläufers sind so anspruchslos wie die eines Kindes. 
14. Etappe Angelbachtal (Schloss Eichtersheim) - Lichtenwald  90 Km
Durch Wald und Wiesen ziehe ich morgens mit neuem Mut, aber nicht ganz ohne Zweifel, dahin. Gebessert hat sich der Zustand meines Sprunggelenks über Nacht nur wenig. Trotzdem mache ich weiter, vielleicht weil ich weiß, dass ich weitermachen muss, obwohl ich mir nicht ganz im Klaren bin warum. Also gut, ich habe mir vorgenommen Deutschland zu Fuß zu durchqueren, auf der Zugspitze "CO2-neutral" anzukommen. Aber um jeden Preis? Körperliche Folgeschäden eingerechnet? Mit der Konsequenz eines Zwangsneurotikers? Fragen schwirren, lästigen Fliegen gleich, um mich herum. 
Auf einer Anhöhe, mit herrlichem Ausblick zur Neckarschleife, schließt Armin Storz zu mir auf.
Armin ist gut unterwegs, strahlt Zuversicht aus, freut sich offensichtlich auf den Empfang seines Sportvereins TSV-Lichtenwald am Ende unserer heutigen Etappe. Gemeinsam klettern wir einen steilen, steinigen Hang zwischen Weinbergen abwärts. Eine schwierige Passage, hat man beinahe 1000 Km in den Beinen und eine verletzungsbedingte Einschränkung. Zum Glück ist es nun endlich trocken, dem Himmel ist der Regen ausgegangen. Die Sonne hat aufgrund nicht vorhandener Wolken so richtig Gelegenheit uns einzuheizen. Das wirkt zwar zuerst positiv aufs Gemüt, später aber zunehmend belastend für den Körper. Mein lädiertes Gelenk schwillt an. An einer Labestelle werde ich mit Eisbeutel versorgt, was den Schmerz der betroffenen Extremität kurzfristig lindert. Wie gesagt leider nur kurzfristig. Der Tag verläuft für mich - mild formuliert - wenig wünschenswert.
Zu allem Überfluss scheinen sich unsere Streckenmarkierungen nach Marbach am Neckar in Luft aufgelöst zu haben. Noch ein Stück weiter, trotz Zweifel - nichts. Nein, das ist nicht unser Weg. Sch..... Mit Groll im Bauch geht es zurück zur letzten Kreuzung. Der rosa Pfeil an dieser Stelle weist, meiner Meinung nach, in die Richtung aus der ich gerade komme, trotzdem laufe ich, mit dem Gedanken die Markierung eventuell nicht richtig zu deuten, den angrenzenden Weg entlang. Anders weiß ich mir momentan wirklich nicht zu helfen. Ratlosigkeit. 
Hunderte Meter weiter reift die ärgerliche Erkenntnis auch diesen Weg umsonst zurückgelegt zu haben. Also nochmals retour zur Kreuzung. Passanten, Radfahrer, niemand kann mir Auskunft geben, niemand hat Läufer gesehen. Es kann doch nicht sein, dass ich dermaßen weit von der Strecke abgekommen bin......wo hier - vor mir - doch ein Pfeil auf den Asphalt gesprüht ist. Letztendlich sehe ich es als beste Möglichkeit, dem Ziel näherzukommen, die Pfeile zurückzuverfolgen bis ich auf jemanden aus unserer Gruppe treffe oder sich der Navigationsfehler aufklärt.
Kurze Zeit später, an einer Abzweigung der Straße, trifft es mich wie ein Stromschlag. Der rosa Pfeil, welcher mich auf diesen Irrweg leitete, wurde vermutlich von einer Straßenbaufirma angebracht. Unsere Markierung, wenige Meter weiter, zeigt in eine andere Richtung. Eine Menge Zeit und Ärger wäre uns erspart geblieben, hätte man den Pfeil etwas früher angebracht. Was solls, nun bin ich ja wieder auf dem richtigen Weg und mit ein wenig Optimismus könnte man sogar sagen, dass unsereiner mehr von der Gegend  sehen durfte als andere........   
Gefühlt - ewig später, in einem der folgenden Orte, meine ich, eine meinen Namen rufende Stimme zu vernehmen. Bin ich schon auf der geistigen Ebene der Halluzinationen angekommen? Nein, da sitzen tatsächlich Frank und sein Betreuer Christian bei süßem Gefrorenen vor einem Eissalon. Freude. Gemeinsam ziehen wir weiter. Frank und ich im Marschtempo, Christian auf dem Fahrrad als Begleiter.
Geschwindigkeit verliert an Bedeutung angesichts des drohenden Totalstreiks meines Sprunggelenks. Mühevoll kämpfen wir uns zur 1000 Km-Marke. Gedanken ans Aufgeben schleichen sich ein. Wenngleich auch hier nicht das gesteckte Ziel ist, so hat es doch etwas Ergebniskosmetisches an sich wenigstens diesen Punkt erreicht zu haben. Kann ich damit zufrieden sein? Nein, natürlich nicht! Abgesehen davon scheint es eine Lust zu geben die mit dem Leiden verwandt ist. Gedanken an Konsequenzen, die aus der Verletzung und der damit verbundenen Überanstrengung erwachsen könnten, werden beiseite geschoben.
  Mit schwerem Schritt geht es weiter auf unserer Reise durchs Fegefeuer. Frank und Christian sind extrem nette, kommunikative Typen. Unterhaltsame Gespräche mit den Beiden lenken von der Pein an meinem Bein ab. Die Stunden verrinnen dennoch zäh.
Am frühen Abend münden wir in den Besucherstrom eines Weinfestes. Einige wissen über unsere Tour bescheid, andere erkundigen sich danach. Wie gewohnt bringt man uns Ultraläufer für unsere Grenzgänge sowohl Bewunderung als auch Unverständnis entgegen. Jeder Mensch hat nun einmal eine andere Wahrnehmung und somit eine eigene Realität. Unsereiner geht, im Gegensatz zu Mainstream, gerne an seine sportlichen Grenzen. Wenn es auch manchmal unangenehm ist, später erinnert man sich gerne zurück. Ja, und heute ist es unangenehm. Schmerz trübt meine Sinne. Als hätte ich mich auf dem Weinfest intensiv der Verkostung hingegeben, fühlt es sich an. Vorwärts das Ziel ist nahe, das Licht am Ende des Tunnels wird heller. Nun ist es gewiss, wir werden es schaffen.
Ein langer Tag neigt sich dem Ende zu. Meine Aufmerksamkeit für das mich Umgebende ebenso. Nur noch anzukommen zählt. Dann irgendwo im Grünen, vernehme ich unerwartet Oliver Witzkes mittlerweile vertraute Stimme. Er wendet eine Menge Energie und Herzblut auf um einen guten, unvergesslichen Deutschlandlauf zu ermöglichen. Trotz der Fülle seiner Aufgaben, als Organisator, scheut Oliver nicht die Mühe seinen Schützlingen mit dem Fahrrad entgegen zu fahren, um diese mit motivierenden Sprüchen zum Endpunkt ihres Fußwerks zu lotsen. Dort, beim lange ersehnten Zielbanner, empfängt uns der Laufsportverein Lichtenwald mit enthusiastischem Beifall. Welch freudige Überraschung. Schnell fühle ich mich hier, aufmerksam umsorgt, pudelwohl und wäre morgen nicht wieder eine fordernde Etappe auf unserem Programm, so hätte ich große Lust mir mit diesen netten Menschen die Nacht um die Ohren zu schlagen.

 

"Deutschlandläufer kommen nicht in die Hölle, die waren schon dort." (Zitat des Tages)

 

15. Etappe    Lichtenwald - Dornstadt   54,8 Km 
"Nicht nie fallen, sondern nach dem Fall wieder aufstehen , ist der wunderbarste Sieg eines Menschen."  (Nelson Mandela)
In schweren Zeiten wendet man sich gerne an spirituelle Instanzen, Schnaps oder Gott. Ich bevorzuge letzteren, und meine Gebete wurden erhört. Laufen ist mir wieder möglich, wenn auch nur langsam und quälend. Egal. Hauptsache es geht irgendwie.
Schmerzmittel habe ich verweigert. Medikamente sollten meiner Meinung nach vermieden werden, solange es nicht die Gesundheit erfordert solche einnehmen zu müssen. Zu riskant ist es, bei dieser körperlichen Belastung Nierenschäden durch Arzneimittelmissbrauch davonzutragen, nur um Warnsignale des Körpers auszuschalten. Angesichts der Tatsache, welche Folgeschäden Schmerzmittel bei sportlichen Extrembelastungen auslösen können, ist es ohnehin unglaublich wie leichtfertig damit umgegangen wird. Ich möchte diesbezüglich sauber bleiben, auch wenn es weh tut. Ja, und weh das tut es auch heute. Die fantastische Landschaft kann nicht verhindern, dass der Schmerz, den mein verletztes Sprunggelenk ausstrahlt, einen erheblichen Teil meiner Aufmerksamkeit beansprucht.
Die Sonne strahlt mit all ihrer Kraft herab und es werden Temperaturen erreicht, die man sich vor wenigen Tagen kaum vorstellen konnte. Badewetter im Mittelgebirge. Etwas mehr als 1000 Meter ragen die höchsten Erhebungen der Schwäbischen Alb über den Meeresspiegel. Das Klima lässt hier subalpine Vegetation gedeihen, wie ich sie aus dem Voralpengebiet meiner Heimat kenne. Teufelskrallen und blühende Disteln leuchten in prächtigen Farben aus der Almwiese neben der Straße. Hügel, Berge, kleine Dörfer - Kilometer um Kilometer geht es voran.
Im Laufe des Nachmittags bilden sich am Horizont Gewitterwolken. Langsam türmen sich die Unwetterboten hoch. Schlimmes lässt sich erahnen. Doch der Himmel ist mir gnädig, denn als er sein Eisfach öffnet und Hagel auf Dornstadt niederlässt, habe ich bereits Schutz in der Unterkunft beim Tagesziel gefunden.
16. Etappe   Dornstadt - Memmingen   68 Km
So ein Ultra-Etappenlauf ist keine Mastkur. Meine Ernährungsgewohnheiten habe ich in den vergangenen beiden Wochen über Bord geworfen, mich vorübergehend vom Vegetarier zum Allesfresser gewandelt. Käse, Wurst, Ei - normalerweise gemiedene Lebensmittel, sollen meinem Körper zusätzlich Proteine zuführen. Der Nährstoffverbrauch bei dieser Dauerbelastung ist enorm, der Verdauungsapparat läuft ständig auf Hochtouren. Meine Nahrungsergänzungsmittel sind mittlerweile aufgebraucht und so versuche ich eben auf herkömmliche Weise den hohen Bedarf an Kraftstoff zu decken.
Doch Angelika und Klemens Huemer-Toff, den beiden österreichischen Top-Physio-Therapeuten, ist das zu wenig. "Du isst nicht genug", gibt mir Angelika zu bedenken, während sie mir mit strenger Miene einen Fläschchenkarton mit Flüssignahrung unter die Nase hält. Dankbar nehme ich die kleinen Energiespender etwas überrascht entgegen. Gerne beherzige ich Ratschlägen der Beiden, denn Angelika und Klemens haben schon etliche Extremsportler erfolgreich bei Wettkämpfen betreut und sind außerdem auch selbst ein starkes Ultralaufgespann. Von den zweien sollte man sich also unbedingt helfen lassen. Obwohl, wirklich zu helfen scheint uns Deutschlandläufer ohnehin nicht mehr zu sein, denke ich mir, während mein Blick durch unseren Schlafsaal schweift. Wie in einer Rehaklinik geht es hier zu. Von den Strapazen gezeichnet hinken einige durch die Gegend, andere sitzen mit starrem Blick auf ihrem Schlafsack. Sich mühelos oder ohne fremder Hilfe vom Boden zu erheben gelingt gar manchem nicht mehr. Welch erbarmungswürdige Anblicke.
Später beim Start stehen wir allerdings alle wieder, voll motiviert unser Tageswerk zu erledigen, beisammen. Die Macht des Geistes, ungeahnte Kräfte im Körper zu wecken, ist selbst für unsereins stets aufs Neue eine wundersame Sache. Belebt durch den frischen Wind der Tagesetappenläufer ( welche sich, wie schon erwähnt, nur an einzelnen Etappen beteiligen) ziehen wir als bunte Schar los. Nebelfetzen hängen auf Dornstadts Wiesen und Äcker. Aus einer Lufttrübung ragt die Spitze eines Silos als würde er schweben. Vögel fliegen, aus dem weißen Nichts kommend, über uns hinweg. Morgenidylle. Doch der Morgenverkehr, entlang der stark befahrenen Freilandstraße, lässt wenig Gelegenheit für Tagträume. Hier ist man einerseits dem Geltungsgehabe und andererseits der unbegrenzten Tiefe der menschlichen Ignoranz vieler Fahrzeuglenker ausgeliefert. Kein lustiges Unterfangen. Weg von der Straße, auf den Gehsteigen der Stadt Ulm verbessert sich unsere Situation erheblich
 und in den Auen entlang der Iller kehrt endlich wieder Ruhe in unser Läuferdasein. Die Iller ist ein Nebenfluss der Donau, entlang des Uferweges geht es schön aber abwechslungslos 40 Kilometer geradewegs dahin. Den Mangel an Abwechslung möchte ich allerdings an dieser Stelle keineswegs negativ bewerten. Verirrt sich doch in dieses naturbelassene Stück kein motorisiertes Fahrzeug und uns zu verlaufen wäre hier schon ein besonderes Kunststück. Man darf sich also bedenkenlos den Lauffreuden hingeben, soweit dies der Schmerz im meiner unteren Extremität erlaubt.
 Am Nachmittag erweitert sich die Schmerzzone um das linke Schienbein. Der Druck, im Takt meines Laufschrittes, nimmt dem Stil meiner Fortbewegung den letzten Funken Eleganz. Wie auf rohen Eiern stakse ich dem Tagesziel entgegen. Nach erbrachter Leistung geht es gleich ans Regenerieren. Futtern, Salben verschmieren, Beine hochlagern - quasi Wunden lecken. Keine Mühe wird gescheut um morgen wieder laufen zu können. Nur wie das in meinem jetztigen Zustand gehen soll, das kann ich mir, vor dem Einschlafen, beim besten Willen nicht vorstellen.
17. Etappe   Memmingen - Füssen  75,7 Km
"Es ist immer zu früh um aufzugeben" (Motto des Tages) 
Deutschland gleitet langsam unter meinen Füßen hinweg. Schritt für Schritt. Linker Fuß, rechter Fuß, linker Fuß, rechter Fuß... Mühsam geht es voran. Die Schwellung am linken Schienbein nahm über Nacht nur wenig ab. Ein Arzt würde mir vermutlich die Diagnose "Schienbeinkantensyndrom" stellen, also eine Knochenhautentzündung des betroffenen Bereiches. Folge der Mehrbelastung (Überlastung) des unversehrten Gehwerkzeuges. Ein Teufelskreis, wer weiß wo das noch hinführt......hoffentlich letztendlich auf die Zugspitze.
Hier im Allgäu werde ich von Passanten mit "Servus" begrüßt. Das tut der Seele gut, ich nähere mich der Heimat. Am Horizont erscheinen die Gipfel der Alpen als Hoffnung bringende Silhouette.
 An meiner Seite radelt Klaus Wüst. Klaus begleitet den Deutschlandlauf auf seinem Fahrrad, als Betreuer von Bernhard Munz. Zwischendurch schießt er Fotos und für ein kleines Schwätzchen ist er gerne zu haben. So auch heute. Passt, eine willkommene Abwechslung im Läuferalltag. Das Voralpenland zeigt sich bei Sonnenschein von seiner schönsten Seite. Blühende Weiden, malerische Weiher und die hohen Berge die immer näher rücken.
Alles ist gut, nur mir geht es schlecht. Die Hitze gibt den Schmerzen neue Nahrung. Himmel und Hölle liegen näher beisammen als man glauben möchte. Warum tue ich mir diese Schinderei an? Bin ich verrückt oder erleuchtet oder beides? Ich weiß es nicht, weiß nur dass ich etwas zu Ende zu bringen habe und dass mich die Ankunft im Ziel erfüllen wird. Und so kämpfe ich mich eben mit viel Selbstdisziplin nach Füssen. Schließlich soll es keinen Grund geben, mir später selbst vorwerfen zu müssen, nicht alles gegeben zu haben.
18. Etappe  Füssen - Garmisch-Partenkirchen  59,5 Km
"Stärke wächst nicht aus körperlicher Kraft, sondern aus unbeugsamen Willen." (Mahatma Gandhi)  
Gerädert krieche ich um 2:00 Uhr morgens mit rumorendem Gedärm aus meinem Schlafsack, habe Mühe noch rechtzeitig die Toilette zu erreichen. Keine Ahnung welche Körperöffnung zuerst in die Muschel zu halten Sinn macht. Es herrscht multiples Unwohlsein. Zum Glück findet sich die richtige Entscheidung. Download. Blass wie die Wandfliesen stehe ich nach mehrmaliger, ausgiebiger Darmentleerung vor dem Waschraumspiegel. Charme wird mit diesem Aussehen heute keiner versprüht werden.
Zurück zur Schlafmatte. Am Boden, auf ein elendes Häufchen reduziert, plagt mich das üble Befinden bis zum Wecksignal. All das, was mir am heutigen Tag kraft geben sollte hat den Verdauungstrakt verlassen, ist ausgeschieden. Wie besoffen gehe ich an den Start zur vorletzten Etappe. Der Körper folgt nur noch dem Impuls des Geistes weiterzumachen. 
Unserem Kollegen Karl ergeht es nicht besser. Gekrümmt trabt er mit der Miene eines gepeinigten des Weges. In ein flammendes Schmerzenmeer hat sich sein Rücken verwandelt, stöhnt er verzweifelt vor sich hin. Danach beim 2. Check-Point beendet Karl seinen Leidensweg. Nichts geht mehr, das Abenteuer Deutschlandlauf ist für ihn vorbei. Welch ein Jammer. So nahe vor dem Endziel zu scheitern wird lange an ihm nagen. Wie würde es mir an seiner Stelle ergehen? Eigentlich möchte ich mich mit diesem Szenario gar nicht eindringlicher beschäftigen und so ist es ganz gut in dieser Phase mit Matthias Becker zusammenzutreffen. Matthias plagt, ebenso wie mich, Montezumas Rache und damit sind wir, wie einem später zu Ohren kommt, nicht die Einzigen. Es hat sich also ein Virus bei den Deutschlandläufern eingeschlichen. Mit einem an seine Leistungsgrenze geführten Körper ist man leichte Beute für Krankheitserreger. Rasant verbreiten sich Viren unter auf engem Raum lebenden Menschen mit geschwächtem Immunsystem. Doch wir ergeben uns dem Schicksal nicht und kämpfen, mit dem Ziel vor dem geistigen Auge, weiter.
Stunden ziehen sich in die Länge, es scheint als kämen wir kaum voran. Lustlosigkeit macht sich breit, die Umgebung wird nur noch wenig wahrgenommen. Erst als wir, auf einem Waldweg, Peter Böhm begegnen erwacht das Interesse zur verbalen Kommunikation von Neuem. Peter berichtet aus seinem bewegten Leben, sorgt für Kurzweile. Zur Zeit plagen ihn zwar arge Fußprobleme, von Schonung will er allerdings nichts wissen. Wie ähnlich wir doch gestrickt sind. Passt, Verrücktheit verbindet.
Wie Kriegsheimkehrer ziehen wir bedauernswürdiger kleiner Haufen durch den beschaulichen Passionsspielort Oberammergau.
...GAU. Unerwünscht verführt mich die Endsilbe des Ortsnamens zu einem wenig erfreulichen Wortspiel. Nein, nur nicht lange an einen entgültigen Streik des Körpers denken. In solch schöner Gegend sollte kein Platz für negative Gedanken sein, wenngleich einiges an Schmerz und Überwindung zu ertragen ist. Weiter.
Nach dem verbauten Gebiet, off road, verflüchtigen sich die bösen Eingebungen. Im Gelände bleibt keine Zeit für demotivierende Gedanken. Steine, Wurzeln, ein steiler Abhang. Jeder unkontrollierte Schritt, auf diesem Untergrund, ist in unserem Zustand riskant. Nur nicht noch ein Un-Fall! Wie auf glühenden Kohlen tänzle ich den tückischen Hang hinab. Mangelnde Adrenalinausschüttung ist dabei nicht zu beklagen, fehlendes Glück ebenso wenig. Holprig geht es talwärts. Von der Anspannung mental etwas angekratzt, aber ohne weitere hinzugekommene physische Schäden, gelangen wir in die Ebene, zum nächsten Ort. An Laufen ist nicht mehr zu denken, im Marschtempo geht es zäh voran. 
Peters Sohn Timo begleitet uns seit kurzem als Scout, was sich durchaus als hilfreich erweist. Sparsam wird nun mit Worten umgegangen, nur noch ums Kilometerfressen geht es. Flott wird stumpfsinnig auf endlos scheinenden Wegen dahin marschiert. Dann endlich, auf einer Anhöhe, gibt der Wald die Sicht auf Garmisch-Partenkirchen frei. Augenblicklich gerät mein Geist in Verzückung. Gesichter strahlen, Hände werden geschüttelt, ungeahnte Kräfte mobilisiert. Auf geht's zum Ziel.
Garmisch feiert Kirtag. Lederhosen, Dirndln - traditionelles Treiben belebt die Straßen. Schön. Noch schöner ist das Gefühl endlich angekommen zu sein. Gemeinsam gehen Matthias, Peter und ich durch das Zieltor. Dahinter empfängt mich mit strahlendem Gesicht und vertraut scharfer Zunge mein bayerischer Abenteuerlaufkollege Christian Scheuerer. "Mei schaust du fertig aus. Na guat aber i kenn di ja eh net anders...Hahaha." Ganz unrecht hat er ja damit nicht, wo uns doch ausschließlich fordernde Extremaktionen zusammenführen. So geschah es in Marokko, beim Marathon des Sables, danach in Kanada, beim Yukon Arctic Ultra und als ich Christian unmittelbar nach dem 1500 Kilometer Jakobswegmarsch zu Hause besuchte, na da war ich natürlich auch nicht gerade der Frischeste. Abgekämpft aber glücklich, so wie nun gerade eben. Jetzt gehen wir jedenfalls zur nächsten Bierschänke, denn zu erzählen gibt es einiges. Viel Zeit bleibt uns leider nicht, denn Christian reist in einigen Stunden nach Südamerika und ich muss regenerieren um es morgen irgendwie auf den höchsten Berg Deutschlands zu schaffen. Die angenehmsten Ereignisse des Lebens sind bedauerlicherweise zumeist von kurzer Dauer - Augenblicke in der Ewigkeit.
19. Etappe  Garmisch-Partenkirchen - Zugspitze   24,3 Km 
Im Konzertsaal von Garmisch-Partenkirchen, unserem Nachtlager, erklangen - in Anbetracht der ursprünglichen Bestimmung dieses Gebäudes - außergewöhnliche Töne. Abends beschallten lautstarke Meinungsverschiedenheiten zwischen Organisator Oliver und einigen Läufern die Räumlichkeiten und zu späterer Stunde entfalteten akustische Auswüchse der leidenden Magen-Darm Erkrankten, das Klangvolumen des Saales. In diesen Stunden war die Toilettenanlage der Konzerthalle vermutlich der bestbesuchte Ort Garmischs. 
Langsam schleicht die Nacht davon. Mit der Morgendämmerung starten wir die letzte Etappe des Deutschlandlaufes. Durch die Stadt, vorbei an der Skisprungschanze, hinein in die Partnachklamm. 
Steil ragen die Wände der Klamm empor. Aus Felsspalten und porösem Gestein sickert Wasser, während die tosende Partnach den Klammboden weiter ausspült. Ich folge dem gut gesicherten, seitlich in die Wand geschlagenen Weg. Noch ist es mangels Tageslicht düster, doch gerade das erzeugt eine irgendwie reizvolle Stimmung. Gebückt geht es durch einen niedrigen stollenartigen Tunnel. Eiskaltes Wasser prasselt von der Tunneldecke auf mich nieder. Etwas danach, wieder unter freiem Himmel, stoße ich an eine Weggabelung mit rätselhaften Streckenmarkierungen. Das Glück - launisch wie ein spunghaftes Vogerl - ist abermals nicht auf meiner Seite und so irre ich nach falscher Wegwahl einige Kilometer abseits unserer Laufstrecke herum. Anderen ist es nicht besser ergangen, weshalb sich der Ärger darüber in Grenzen hält - geteiltes Leid ist eben halbes Leid. Jene Läufer allerdings, welche eine Stunde nach uns starteten, ersparen sich den Umweg, da wir - zurück auf der korrekten Route - bereits in ihrer Sichtweite erscheinen und somit ungewollt die Funktion hilfreicher Guides übernehmen. Es sei ihnen gegönnt. Missgunst ist beim Ultralangstreckenlauf fehl am Platz, hier kämpft man ohnehin genug mit sich selbst, das reicht.
Endlich im Reintal angekommen. Einem der landschaftlich schönsten Stücke des Deutschlandlaufes, wie ich meine. Wald, fließendes Gewässer, gesäumt von mächtigen Felswänden. Mittendurch führt unser Trail - von zahlreichen Wandersleuten ausgetreten - trotzdem wunderschön.
Die Reintalhütte verlockt zu einer Pause. Nein, nur nicht schwach werden - weiter! Mühsam geht es den steilen Latschenhang des Reintalangers zur Baumgrenze hoch. Immer höher, über Felsen, Steine und Schutt. Pfad ist in dieser Geröllwüste keiner mehr erkennbar, nur noch die Farbmarkierungen der Wanderroute weisen den Weg.
Der Ausblick ist grandios, der Schmerz im Sprunggelenk trotzdem nicht mehr ausblendbar. Ich fühle mich schwach. Vor dem letzten Schluck meiner Flüssignahrung ekelt mich. Egal, rein damit. Da, vor mir aus einer Felsspalte rinnt klares Wasser. Mit zittrigen Händen befülle ich meine Vorratsflasche, spüle gleich den penetranten Nachgeschmack des Energiespenders hinunter. Mir wird übel. Ein Blick den Berg hoch lenkt ab, weckt neuen Mut. Die Knorrhütte ist in Sichtweite.
Erleichterung, ich werde es schaffen. Aufwärts, die letzte Hürde zur Hütte nehmen eine Handvoll Laufkollegen und ich im Gänsemarsch. 2051 Meter Seehöhe sind erreicht. Gerne lasse ich mich zum Einkehrschwung überreden. Es wäre schade das letzte Stück dieser Tour auf Leistungsgedanken zu reduzieren. Ein wenig Geselligkeit im Kreise Gleichgesinnter ist selbst für an Einsamkeit gewöhnte Ultraläufer Salz in der Suppe des Lebens. Apropos. Ordentlich gesalzen ist sie, die Suppe welche man mir in der Knorrhütte kredenzt. Stört aber nicht, der Körper lechzt nach Mineralien und nach Ruhe. Letztere soll er später bekommen. Ehe dies hier nicht zu Ende gebracht ist, wird der Geist Entspannung verweigern. Also Suppe hinuntergeschlungen und auf ins letzte Gefecht.
Wie versteinert sind die Beine nach der kurzen Rast. Die ersten Schritte, steif wie die einer Marionette. Ultra-Pinocchio quasi. Noch 900 Höhenmeter zum ersehnten Ziel. Bergwärts, über Schuttdünen und nackten Fels. Langsam erreichen meine Muskeln wieder Betriebstemperatur. Es geht voran. Vorbei an Schafen, die unbeeindruckt von meiner Anwesenheit am spärlichen Bewuchs naschen. Den kontrastreich, himmelwärts ragenden Berggipfeln entgegen.
Die Kuppe mit der Wegmarkierung hinauf, dann durch eine Senke, wieder eine Kuppe..... Endlich, wie aus dem Nichts - Menschen. Allen voran, der übers ganze Gesicht strahlende Organisator Oliver Witzke, danach Betreuer, Publikum. Motivierende Zurufe, Klatschen, Bewunderungsbekundungen. Nur noch wenige Meter. Obwohl nicht sehr nahe am Wasser gebaut spüre ich Freudentränen an meinen Wangen. Endlich im Ziel. Geschafft!
Fotos, Händeschütteln, Umarmungen. Heute hat das Leben für uns den roten Teppich ausgerollt. Es sind besondere Momente an die ich mich bis an das Ende meiner Tage gerne erinnern werde.

 

Zu guter Letzt

 

Hart aber schön, so wird mir der Deutschlandlauf 2017 im Gedächtnis bleiben. Wir haben uns physisch und psychisch unseren Grenzen genähert. Wahrscheinlich nahm man gerade auch deshalb einiges an Qual auf sich, denn seinen Horizont zu erweitern hat schon einen ganz besonderen Reiz.
Freundschaften wurden geschlossen und viele unvergessliche Eindrücke, von diesem schönen, abwechslungsreichen Land gesammelt. Diesem großen Deutschland, durch das wir vermutlich nicht oft dermaßen günstig und umweltfreundlich reisen werden.
1320 Kilometer betrug die offizielle Streckenlänge des Deutschlandlaufes, laut Veranstalter. GPS-Messungen, einigen Läufern nach, waren allerdings beinahe alle Tagesetappen um 1 - 3 Km länger als im Vorfeld angekündigt. Mangelnde Konzentrationsfähigkeit durch die dauerhafte Belastung, Unachtsamkeit und fehlende Bodenmarkierungen führten zu Umwegen und weiteren Mehrkilometern. OK, so war es nun mal. Ich bin geneigt darauf ironisch zurückzublicken. Habe eben ohne zusätzliche Kosten mehr vom Land gesehen. Auch gut.
Abschließend soll natürlich auch die Ergebnisliste ein Thema sein. Also von 60 Einzelstartern erreichten 40 das Ziel auf der Zugspitze und kamen somit in die Gesamtwertung. Mich findet man in dieser Ergebnisliste an 18. Stelle (bzw. 17.M) und in der Altersklassen-Wertung auf Rang 6. So weit so gut. In den Ergebnislisten der einzelnen Etappen hingegen, welche von der DUV (Deutschen Ultramarathon Vereinigung) veröffentlicht wurden, reihen sich Tagesetappenläufer (Gastläufer - für eine oder mehrere Etappen) gemeinsam mit jenen im Etappen-Ranking, welche sich der gesamten Strecke gestellt haben. Schade dass man Leistungen so verfälscht. Aber Schwamm darüber. Das Ausmaß der vollbrachten Leistung jedes Einzelnen kann sowieso keine Ergebnisliste wiedergeben.
Text: Christian Stolovitz

Foto: Klaus Wüst, Oliver Witzke, Christian Stolovitz

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I
Lieber Christian, auch dir wünsche ich ganz schöne und besinnliche Festtage. Danke für deinen Eintrag :-) Ja, mein Bandscheibenvorfall an der Halswirbelsäule... . Ich voll in der Physio und zu Hause am training. Mein Herz blutet schon, aber da muss man durch! Lg Ignatios
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I
Hi Christian, ist wie beim LESEN eines KRIMIBUCHES .... man will einfach nicht aufhören und möchte weiterlesen .... bin extrem gespannt :-), wie es weitergeht. Lg Ignatios
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C
Danke Ignatios, schön dass dir mein Bericht gefällt. LG Christian
I
Hi Christian, deine Niederschrift ist echt klasse. Es liest sich wirklich sehr gut. Ich bin jetzt schon gespannt wie es weitergeht. Super Sache. Lg Ignatios
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I
Hallo Christian, ich ziehe den HUT und kann nur sagen einfach nur super super super. Den Deutschlandlauf zu finishen!!! Ich gratuliere dir!!! Voller HOCHACHTUNG, diese Leistung. Trotz tagelangen Sprunggelenkschmerzen zu finishen zeigt dasss dein WILLLLLEEEE ungebrochen war. TOI TOI, lass dich feiern du wilder Hunde :-) Lg Ignatios
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C
Danke Ignatios, war sehr hart, aber dafür ist nun die Freude umso größer es trotzdem geschafft zu haben. Aber das kennst du ja du hast doch schon einige wilde Sachen in den Beinen. LG Christian