Laufen und Reisen - Christian Stolovitz
Natürlich begeistern mich Abenteuer-Trail-Läufe an Orten, an denen sich die Wölfe gute Nacht sagen und doch finde ich immer wieder gerne zurück zu den Bahn-und Runden-Läufen. Warum? Ganz einfach, weil es die unkomplizierteste Weise ist der Lauflust nachzukommen. Es liegt ständig Verpflegung bereit, an der offiziellen Labstelle und in meiner selektiv befüllten Kühltasche. Da ist kein schwerer Rucksack mitzuschleppen oder gar ein Schlitten nachzuziehen und keine aufwendige Logistik mit Betreuerteam und Begleitfahrzeug nötig. Hierbei geht es ganz einfach um pures Laufen, zwar im Kreis herum (meist auf einem 1 Kilometer Rundkurs) aber dafür ohne Nebensächlichkeiten. Außerdem ist die Herausforderung, im Gegensatz zu Landschaftsläufen - wo durch naturelle Eindrücke die Sinne beschäftigt sind um einiges größer. Und schließlich ist doch die Herausforderung die Würze des Lebens.
Es ist mir sehr wohl bewußt, dass es sich dem Vorstellungsbereich vieler Menschen entzieht, wie man sich begeistern kann 12 oder 48 oder gar 7 Tage immer die gleiche Strecke, in sehr begrenztem Aktionsradius zu laufen. Noch dazu meist ohne, oder wenn schon dann nur mit einem Minimum an Schlaf. Da kommt es schon vor, dass man auch mit bodenloser Verständnislosigkeit konfrontiert wird. "Ohne Hirn ists leicht marschiern", hat mir letztens einer gleich direkt ins Gesicht gesagt. Ein ahnungsloser Zeitgenosse, der wenn es so wäre wie er sagt, selbst zu Höchstleistungen im Ultralangstreckenlauf fähig wäre. Man sollte über nichts urteilen, dass man nicht schon selbst ausprobiert hat. "Die gefährlichste aller Weltanschauungen ist die der Leute, die die Welt nicht angeschaut haben" (Alexander von Humbold). Der Meinung schließe ich mich an, und lasse mir die Freude darüber, wieder beim 48-Stunden-Lauf in Gols dabei sein zu können nicht verderben.
Eine Veranstaltung wie diese ist keine Showbühne der Eitelkeiten, wie es gelegentlich bei diversen anderen Sportbewerben zu beobachten ist. Gols ist an diesem Wochenende ein Epizentrum mentaler Stärke. Ein Treffpunkt von Weitläufern, von denen die meisten ihre innere Ruhe gefunden haben. Zu diesen zählt sich der Läufer und Buchautor Leo Stierhof, dem Titel seine zweiten Buches nach, auch selbst. Ich habe ihn bei der Ausgabe der Startnummern in Gols kennen gelernt und bei dieser Gelegenheit gleich 3 seiner Bücher gekauft.
Über die ersten Stunden nach dem Start gibt es nicht viel zu berichten, außer dass ich in euphorischer Agilität zu schnell und mit Scheuklappen unterwegs bin, also von der Umgebung nicht viel wahrnehme. Später, in den Abendstunden, nachdem der erste Laufhunger gestillt ist, finde ich mich - etwas gedrosselt - zur geistigen Nahrungsaufnahme an Leos Seite.
Leo kann auf 73 erlebnisreiche Lebensjahre zurückblicken und ist somit der älteste Teilnehmer im Feld. Eine viertel Million Lauf-Kilometer hat er den Aufzeichnungen nach, welche er seit dem Beginn seiner sportlichen Laufbahn in der Jugendzeit führt, zurückgelegt. "Laufen ist nicht alles, doch ohne Laufen ist alles nichts...." werde ich später in einem seiner Bücher lesen. Laufen hat ihn aus Lebenskrisen geführt und zu einem ausgeglichenen, spirituellen Menschen geformt, erfahre ich aus seinem Munde. Plötzlich stoppt Leo, um ein am Boden liegendes Cent-Stück zu sich zu nehmen und verkündet mir mit kindlicher Begeisterung, dass die Nacht gut werde, weil eine gefundene Münze eine Glücksmünze sei. Während dessen leuchtet sein Gesicht unbeschwert jugendlich, und in meinem stehen Fragezeichen. Hat er sich dieses Vermögen, die Fähigkeit so zu empfinden, durch das Laufen bewahrt? Muß man das Laufen nicht aufgeben wenn man alt wird, sondern beginnt das Alt werden erst wenn man das Laufen aufgibt? Ich grübele vor mich hin.
Die thermischen Bedingungen an der Laufstrecke wechseln auf wenigen Metern. Während auf der westlichen Hälfte, im Schutze einiger Gebäude die Hitze steht, bläst einem gegenüber, im Osten der kühle Abendwind entgegen. Das erste Opfer dieser Brutstätte für Erkältung und Muskelverspannungen ist der symphatische Deutsche Martin Sattler. Martin war schon gesundheitlich leicht angeschlagen angereist. Das luftige Wechselbad besorgte ihm in wenigen Stunden den Rest. Eine starke beeinträchtigung der Atemwege veranlasst ihn schließlich dazu, nach 76 Kilometern Vernunft walten zu lassen und den Lauf vorzeitig zu beenden. Martin will ja ohnehin im nächsten Jahr wieder kommen und bewiesen hat er ja schon im Vorjahr, was er mit über 60 Lenzen am Rücken zu leisten imstande ist.
Ich selbst bewege mich im grünen Bereich durch die Nacht. Problemlos drehe ich Runde um Runde und genieße es, mich in dem herrlichen Überfluß an Zeit zu verlieren, Zeit die nicht Geld ist. Tauche ein in schwereloses Empfinden, als ob die Uhren nicht mehr tickten und die Ewigkeit begonnen hätte. Nur ein gelegentliches Lächeln meiner Frau, sowie kurze Unterhaltungen mit Laufkollegen holen mich ab und zu in die Gegenwart zurück.
Einer dieser Laufkollegen ist ein alter Bekannter - Franz Schullitsch (Jahrgang 1941). Ihm zolle ich, wegen seines Idealismus und seiner Härte zu sich selbst, welche er trotz seines alters noch aufbringt, höchste Bewunderung. Dem Franz mußte vor einigen Jahren ein künstliches Hüftgelenk eingesetzt werden, wonach er sich damit abzufinden hatte, sein weiterse Leben mit ungleich langen Beinen zu verbringen. Solch ein Schicksal verleitet die Betroffenen oft dazu, sich gehen zu lassen und ein bewegungsarmes Invalidenleben zu führen. Nicht so den Franz, der blieb aktiv, und wie. Langsam ist er unterwegs, unrund aber unentwegt. Er ist einer von denen, welche sich während eines 48 Stunden-Laufes keine Minute Schlaf gönnen. Plötzlich in der Mittagshitze beginnt der Franz zu wanken. Sein Kreislauf scheint nicht mehr rund zu laufen. Ich sprinte los, will ihn stützen - vor einem Sturz bewahren - doch eine achtsame Betreuerin kommt mir zuvor und verhindert einen Umfaller. Fürsorglich bringt die gute Fee den Franz von der Strecke. Als ich nach der nächsten Runde die besagte Stelle passiere, treffe ich auf den sitzenden noch etwas benommenen Franz. Eine halbe Stunde und eine Flasche Cola später ist er wieder, mit einem spitzbübischen Lächeln auf den Lippen im Rennen. So, als hätte er dem Zahn der Zeit die Schneid genommen.
Der Franz, der Martin, der Leo, aber natürlich auch der Gerhard Bracht, sie sind die wahren Sieger, sie - die den aussichtslosen Kampf gegen die Vergänglichkeit mit wehenden Fahnen führen. Auch wenn die Intensität ihres Einsatzes nicht immer vernünftig erscheint, ich verneige mich vor ihnen.
"Es wechselt Pein und Lust. Genieße, wenn du kannst, und leide, wenn du mußt." (Johann Wolfgang von Goethe)
190 Kilometer, dafür benötigte ich - über den Daumen gepeilt - eine viertel Million Schritte. Für Usain Bolt wären dafür, hochgerechnet auf seinen 100 Meter Schnitt, keine 100.000 Steps nötig. Vorausgesetzt, die Knie und Hüftgelenke würden der Belastung solcher "Sprünge" über ultralange Distanzen standhalten. Was aus medizinischer Sicht, ganz abgesehen von anderen Aspekten, nicht möglich ist. Der Schritt eines Ultralangstreckenläufers soll flach und somit auch kürzer, mit einem Wort gelenkschonender als der eines Sprinters sein. Aber was nützt es wenn man davon weiß und sich nicht daran hält. Wenn das Gehirn alle Erfahrungswerte mißachtet und den Körper antreibt, nur weil es nach Hormonen geilt. Ein Fehler der mir schon lange nicht mehr passiert ist, und nun bekomme ich die Rechnung für das hohe Tempo der ersten Stunden dieses Laufs serviert. Langsam schwillt der Schmerz in meinem linken Sprunggelenk an. Erst unscheinbar - einer von vielen Schmerzen, welche im Laufe eines Ultramarathons auflodern und irgendwann wieder verschwinden. Doch dann knallt er mit voller Wucht in mein Bewußtsein, reißt mich aus der gelassenen Monotonie der ich mich ergeben hatte. Ich hinke, werde langsamer, bald komme ich nur noch gehend voran.
Laufen bis nichts mehr geht, dann gehen bis es wieder läuft - denke ich in mich hinein. Doch bald schmerzt auch das Gehen, dann - noch dazu - das rechte Sprunggelenk. Einige Versuche in ein langsames Lauftempo zu wechseln, enden nach wenigen Schritten in einem Schmerzinferno. Aus und vorbei, nichts geht mehr. Demoralisiert verkrieche ich mich in meinem Zelt, will nur noch schlafen, dem Bewusstsein entfliehen. Aber die Gedanken, dass ich dieses hier nicht zu Ende bringen kann, liegen mir schwer verdaulich im geistigen Magen. Frustriert wälze ich mich hin und her, finde keine Ruhe. Genervt lausche ich den Laufschritten, welche von der Strecke zu meinen Ohren dringen. Zorn explodiert in meinem Gehirn, ich könnte schreien. Dann betrachte ich die Schwellungen meiner gepeinigten Laufwerkzeuge. Schön ist anders. Egal ich muß raus, kann nicht anders. Der Wille siegt über die Vernunft. Mühsam robbe ich aus dem Zelt, umständlich geht es auf die Beine, während der Schmerz beinahe die Funktion meines Schließmuskels aussetzen läßt. Die ersten Schritte kosten mich große Überwindung, aber der innere Antrieb zu laufen überflügelt letztlich Zweifel und Resignationsgedanken. Langsam tapse ich wie auf glühenden Kohlen dahin. Der Schmerz zehrt an meinem Nervenkostüm. Aufgeben würde mich moralisch schwächen, weitermachen wird mich stärken. Wutentbrannt steigere ich das Tempo, werde immer schneller..... Wie besessen treibe ich mich voran, und es ist gut so, denn irgendwann reduziert sich die Pein im Bein auf ein erträgliches Maß und ich falle wieder in meinen gewohnten Trott. Es geht weiter.
Die Zeit scheint gleichermaßen zu rasen und doch nicht vergehen zu wollen. Doch alles ist vergänglich sogar lebenslänglich (als bekennender Romantiker - mit schwarzer Note, spreche ich heiratenden Kollegen so immer Trost zu). Ja, und eine Hochzeit ist es auch die mir die letzten Stunden des Laufes unterhaltsam gestaltet, und somit die Zeit schneller, schmerzvergessener verstreichen läßt. Schon die ganze Nacht war das turbulente Treiben der Hochzeitsgesellschaft im Festsaale des Gasthofs, direkt am Rande der Laufstrecke, durch die Panoramascheibe zu beobachten. Nun, zur morgendlichen Stunde, verlassen die letzten Gäste den Saal. Einer der ausgelassenen Meute gesellt sich übermütig an meine Seite. Mit vom Festgefecht geschwächten, instabilen Knien versucht er mit mir Schritt zu halten. Begeistert verkündet er mir seine Bewunderung für meine Ausdauer und fühlt sich gleich berufen im nächsten Jahr ebenfalls, bei diesem 48 Stunden-Lauf, seine Zäheit unter Beweis zu stellen. Im folgenden Monolog erfahre ich seine umfangreiche Lebensgeschichte, mit Details die selbst in manch langjähriger Partnerschaft unausgesprochen bleiben. Zweifellos ist es sein überdurchschnittliches Mitteilungsbedürfnis, das ihm noch die Kraft verleiht mit mir einige Runden zu drehen. Jedenfalls hat der Bursche noch einiges aus sich herausgeholt, und das in mehrfacher Hinsicht. Zu gerne würde ich erfahren, welches sich für ihn am nächsten Morgen als die größere Plage herausstellt - der Kater in den Muskeln vom Laufen oder der Kater im Kopf vom...... Darüber aber hüllt sich der Schleier des Geheimnisses.
Die letzten Runden schaffe ich nur noch gehend. Die Zeit fließt gemütlich dahin. Endlich ertönt das Schlußsignal. In der Gesamtwertung erreiche ich den vierten Rang, in der nationalen Wertung den zweiten. Was mich in Anbetracht dessen, wie nahe ich am vorzeitigen Ausstieg stand durchaus erfreut. Den Boden für künftige Nostalgien bereitet mir aber ein gar nicht angestrebter, neuer persönlicher Rekord. Nämlich der, mehr als 56 Stunden nicht geschlafen zu haben. Am nächsten Morgen, nachdem dieses Defizit einigermaßen Ausgleich gefunden hat, bin ich Unverbesserlicher schon wieder unterwegs. Natürlich in Laufschuhen, zur aktiven Regeneration. Hinkend, angeschlagen, ramponiert, aber zufrieden. Und mit einem Tempo, bei dem ich acht geben muß, dass mir nicht eine Schnecke von hinten unters Schuhwerk läuft. Ich laufe täglich, einfach aus Freude an der Bewegung. Bin keiner von denen, die einen Wettkampf als Ziel - als Motivations-Viagra, um zum Training hoch zu kommen brauchen.
Dass ich trotzdem gerne an Wettkämpfen teilnehme, liegt nicht nur an den schon beschriebenen Motiven, sondern auch daran, dass es dabei einfacher ist, nachweisbar - auf exakt vermessener Strecke - persönliche Bestleistungen aufzustellen. Denn die persönliche Bestleistung ist für mich ein Wert mit Bedeutung. Top-Platzierungen oder Siege sind schön und gut, aber in Wahrheit sekundär. Selbst wenn man am Ende eines Rennens am Treppchen ganz oben steht, ist es eigentlich nur Zufall. Da es mit Sicherheit irgendwo jemanden gibt, der die erbrachte Leistung überbieten hätte können, wäre er nur dabei gewesen. Selbst Weltrekorde werden egalisiert und vergessen. Was für mich wirklich zählt ist also die persönliche Bestleistung, die kann einem niemand nehmen.
In diesem Sinne mache ich mich gemeinsam mit meiner Frau Heidi auf den Weg zum 12-Stunden-Lauf nach Langenzersdorf. Der herbstliche Septembermorgen verspricht perfektes Laufwetter. Unmittelbar nach unserer Ankunft, treffen wir einige uns bekannte Ultraläufer mit ihren Betreuern. Man begrüßt uns warmherzig, ein heimeliges Gefühl beschleicht mich und der Zauber der Natur, des Erholungsgebietes "Seeschlacht", gibt seines dazu um mich vollends hier wohl zu fühlen. Die Laufstrecke führt flach um den malerischen See, die Infrastruktur ist gut, es sind Bedingungen die es erlauben Rekorde zu laufen. Zuversichtlich stehe ich am Start mein Ziel zu erreichen, obwohl ich es mir hoch gesteckt habe.
Doch unbeeinflußbar nimmt das Schicksal seinen Lauf. Die ersten 70 Kilometer verlaufen perfekt nach Plan, in etwa 7 Stunden. 3 Kilometer später beginnt es, ohne irgendwelche Vorzeichen, in meiner Bauchgegend zu brodeln. Gleich darauf wird mir übel. Nastassja, meine Tochter - läuft gerade an meiner Seite, nimmt meinen Getränkegurt in Verwahrung, während ich zur Toilette eile. Mein Kreislauf spielt verrückt, ich muß mich hinsetzen (was ich auf öffentlichen Toiletten normalerweise vermeide) obwohl mir nicht klar ist aus welcher Öffnung........... Es rächt sich nicht nur Montezuma, sondern auch das Manko der beiden letzten schlaflosen Nächte davor (Vollmond). Geschwächt verlasse ich das Örtchen und laufe weiter. Doch die Luft ist draussen, nichts ist mehr wie zuvor. Wenigstens ein Marathon geht noch, denke ich mir. Tatsächlich schaffe ich bis zur erlösenden Schlußfanfare gerade noch 32 Kilometer und das mit großer Mühe. Gesamt sind es 105 Kilometer. Damit bleibe ich weit hinter meiner Bestleistung, bin aber trotzdem nicht unzufrieden. Weil ich standhaft geblieben bin. Weil ich mich dem Bazillus lähmender Verzweiflung nicht ergeben habe. Weil ich weiter gelaufen bin, obwohl es sehr schmerzte. Weil ich es trotz des stundenlangen Bewußtseins mein Ziel, meine persönliche Bestleistung an diesem Tag nicht mehr verbessern zu können zu Ende gebracht habe - bis zur letzten Minute. Und weil ich trotz aller Rückschläge meine Liebe zum Laufen stets behalten habe und die Gedanken - mir so eine Qual nie wieder anzutun - gleich wieder verworfen habe. Denn beim nächsten Mal, ja beim nächsten Mal, da läuft es sicher wieder besser...............
Christian Stolovitz 2012
"Wenn das Leben überhaupt einen Sinn hat, so muß auch Leiden einen Sinn haben" (Viktor E. Frankl)
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