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Laufen und Reisen - Christian Stolovitz

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Athen-International Ultramarathon Festival 2011

ATHEN 7 DAYS ULTRAMARATHON
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Feste gehören gefeiert wie sie fallen. Ja richtig, ich war auf dem Weg zu einem Fest. Einem 7 tägigen Lauffest unter meinesgleichen, unter Läufer aus Leidenschaft, nicht unter Selbstdarsteller und Stoppuhrbeweihräucherer. Natürlich finden sich auch auf der Weide der Ultralangstreckler schwarze Schafe, aber weit weniger als bei kürzeren Laufveranstaltungen. Zu gering ist der zu erntende Ruhm, verschwindend die mediale Aufmerksamkeit, und Geld verdienen kann man damit so gut wie gar nicht. Man muss schon akut vom Laufvirus befallen sein, um sich einen Gewaltakt in solcher Dimension anzutun. Nun, das war ich schon längst und es gefällt mir auch bei einem Wettkampf in erster Linie miteinander und nicht bedingungslos gegeneinander zu laufen. Das macht einen Ultralangstreckenlauf, wie diesen, zu einem Fest unter Seelenverwandten und darauf freute ich mich.

 

Freund Joe fuhr mich zum Flughafen. Unser Gespräch während der Fahrt  und anschließend im Cafe-Sacher war geprägt von großem Unterhaltungswert. Noch im Airbus schmunzelte ich darüber, als ich gedankenverloren durch das verregnete Bullauge blickte. "Regen war immer ein gutes Omen zu Beginn einer Reise", erklärte mir meine Frau Heidi noch am Morgen. Sie hatte recht, nur leider war sie diesmal nicht an meiner Seite. Diesmal war ich alleine unterwegs, alleine aus dem Alltagsgefängnis ausgebrochen, wie ungewohnt. Plötzlich riß mich ein kühler feuchter Guß der meinen Genitalbereich überraschend benäßte aus den Gedanken. Peinlich berührt versuchte mein griechischer Sitznachbar sein Mißgeschick wieder gut zu machen. Welch ein Glück dass der Trinkbecher nur mit Wasser befüllt war. Trotzdem saß ich für den Rest des Fluges wie gefesselt, den neugierige Blicke wollte ich auf den nassen Fleck in meiner Körpermitte nicht unbedingt ziehen. Ansonsten verlief der Flug aber recht angenehm. Vor allem in den Schreipausen des Kleinkindes, welches man einige Reihen hinter mir vermutlich folterte. Zumindest hörte es sich so an. Athen empfing mich eindrucksvoll in eine Smog-Wolke gehüllt, wodurch sich gelegentlich Sonnenstrahlen schlichen.  Problemlos fand ich ohne Umwege den öffentlichen Bus zum Olympiagelände und für die erste Nacht ein nahes Hotel. An der Rezeption informierte mich Ahnungslosen ein sichtlich amüsierter freundlicher Mann, dass ich mich in ein Stundenhotel verirrt hatte. Doch er war geschäftstüchtig genug mir zu günstigem Preise ein Zimmer im ruhigerem Trakt zu überlassen. Offensichtlich zog sich die trostlose Wirtschaftslage Griechenlands durch alle Geschäftsbereiche. Die finanzielle Situation verwundert einem nicht weiter, spaziert man durch den riesigen Olympiapark von 2004. Ein Bollwerk, erbaut um es wenige Wochen zu nützen, um wenige Wochen in der Weltöffentlichkeit zu stehen, danach dem Verfall preisgegeben. Schockierend das Zeugnis wie mit Steuergeldern diese ohnehin Finanzmaroden Staates verschwenderisch umgegangen wurde.

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Die folgenden Tage allerdings sollte ein kleiner Teil dieser Stätte wieder aufleben. Läufer aus 26 Nationen hatten sich zusammengefunden um in 7 Bewerben, vom 6-Stunden-Lauf bis zur 1000 Kilometer Distanz ihr bestes zu geben. Freundlich empfing mich Rennleiter Costas und nahm meine ärztliche Tauglichkeitsbestätigung entgegen. Anschließend führte er mich in einen der unzähligen Räume, des großen an die Laufstrecke grenzenden Gebäudes. Styroporunterlagen waren vorbereitet um den Läufern ein einigermaßen komfortables Liegen am Boden zu ermöglichen. Mehr war nicht nötig, schließlich waren wir ja nicht zum Liegen gekommen. Trotzdem richtete ich mein Quartier so heimelig als möglich ein. Nahrungsergänzungsmittel, Materialien zur Wundversorgung und Wäsche mit System sortiert um alles auch noch im Ultramüdigkeits-Delierium zu finden. Direkt an der Laufstrecke errichtete ich mein Bivouak, als persönliche Lab und Raststelle. Abends vor dem Starttag des Rennens, besuchte mich Martina Hausmann. Bei einem guten Glas griechischen Rotwein erfuhr ich einiges aus dem Leben dieser Ausnahme-Athletin. Kurz gesellte sich noch Wolfgang Schwerk dazu. Kurz deshalb, weil wir zeitig schlafen gehen wollten. Was einen Teil unserer rücksichtslosen Mitbewohner leider überhaupt nicht kümmerte. Zur einen Seite benachbarten meine Ruhestätte ein Quartett Griechen. Der Schallpegel ihrer Kommunikation ließ eine anbahnende Schlägerei vermuten. Doch ihr stimmungsvolles Gelächter zwischendurch zeugte entwarnend von friedlicher aber eben lautstarker südländischer Unterhaltung. Noch dazu mit unglaublicher Ausdauer. Den Gang beschallten eine Schar Chinesen. Der weibliche Teil der Taipehs klimperte unaufhörlich mit Kochgeschirr, während die Männer endlose Geschichten oder was auch immer zu erzählen hatten. So trug es sich zu bis spät in die Nacht. Schlafen gelang mir nur sehr lückenhaft. Nach Mitternacht wälzte ich mich genervt aus dem Schlafsack und flüchtete aus dem Gebäude. Spazierte durch die kühle Nacht, schlürfte eine Dose Bier, genoß die Stille. Kaum ausgetrunken, warf mich das Beste aller Schlafmittel, wie erhofft sanft in einen tiefen traumlosen Schlaf, in meinem Zimmer, wo inzwischen Ruhe eingekehrt war. 

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1.Tag - Sonntag

Nach der Wettkampfbesprechung und der Startnummernausgabe stand ich endlich mit etwa 30 weiteren Teilnehmern am Start.

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Mit den beiden längsten Bewerben, dem 1000 Kilometer und dem 7 Tages-Lauf sollte das Ultramarathon-Festival pünktlich um 13:00 Uhr eröffnet werden. So war es auch, jeder Läufer hatte von Anbeginn sein eigenes Tempo und so verteilten sich die Athleten schon nach wenigen Runden über das gesamte Feld. Die Strecke, ein Rundkurs von exakt einem Kilometer Länge war an 3 Stellen mit Time-Carpets für die elektronische Zeitnehmung bestückt. Ansonsten war, abgesehen vom Lärm der sechsspurigen Autobahn, welche paralell zur Längsseite der Laufstrecke verlief, wenig Abwechslung zu erwarten.

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Mit Ausnahme des malerischen Bergpanoramas nördlich unseres Aktionsradius bot sich eine wenig sehenswerte Kulisse. Von dort blies ablandiger Wind die Abgase der Autobahn aufs Meer hinaus und wir waren zumindest fürs erste mit frischer Luft versorgt. Na ja, so frisch wie die Luft eben in einer der Smog-reichsten Städte Europas als frisch bezeichnet werden kann. Mir ging es blendend, in euphorischem Übermut mußte ich ständig mein Tempo drosseln. Nur die Tatsache, dass ich offensichtlich der einzige Teilnehmer ohne persönlichen Betreuer zu sein schien, beunruhigte mich etwas. Hatte mir ja Martina Hausmann am Vorabend erzählt, dass es aus ihrer eigenen Erfahrung nach nicht möglich sei ohne aufmerksamen Betreuer sein gesamtes Leistungspotential bei einem Mehrtageslauf auch nur annähernd in das Wettkampfergebnis zu bringen. Zu viel Zeit und Energie gehen für Nahrung vorbereiten, Kleidertausch und Wundversorgung verloren. Schöne Aussichten, ging es mir durch den Kopf. Aber es gelang mir bald die negativen Gedanke zu verdrängen. 

Zurück zum Tempo. 50 Kilometer lagen hinter mir und ich war in Führung. Beruhigend? Ganz und gar nicht, ich war noch immer zu schnell unterwegs, ließ es aber laufen.

21:00 Uhr, erster Richtungswechsel. Ab diesem Zeitpunkt alle 12 Stunden ein fixer Bestandteil unseres Tagesablaufes, eine willkommene Abwechslung. Und das ging so: Ein Wettkampfrichter, am Start-Zielmeßpunkt postiert, signalisierte jedem einzelnen Läufer, dass er zu wenden hatte. Und zwar ab punkt 21:00 Uhr. Die davor begonnenen Runden durften beendet werden, damit jedem die tatsächlich gelaufene Strecke auch gewertet werden konnte. So kam es nach der Wende zum Gegenverkehr, was die meisten nützten den entgegenkommenden mit einem freundlichen Lächeln im Gesicht abzuklatschen. Keine große Sache, aber irgendwie doch, denn es festigte das Zusammengehörigkeitsgefühl und brachte einander näher. Mittlerweile hatte ich mein Tempo in den Griff bekommen, war auf Platz 3 zurückgefallen. 

Wie gewohnt trug ich meinen Getränkegurt, um zeitmäßig unabhängig von der Labstelle alle 10 Minuten eine kleine Menge an Flüssigkeit zu mir zu nehmen. Dadurch war die Versorgung optimal gewährleistet und die Urinproduktion nicht übermäßig angeregt. Ein durchaus bewährtes System, wäre mir nicht ein Fehler bei der Getränkeauswahl unterlaufen. Denn seit mehreren Stunden befüllte ich meine Getränkeflasche, an der offiziellen Labstelle mit einem mir unbekannten isotonischen Getränk. Der Griff zum Wasser erfolgte so gut wie gar nicht. Was Übersäuerung und Extrembelastung der Nieren zur Folge hatte. Beim entleeren der Blase traf mich der Anblick der dunklen Brühe, die meinen Körper verließ wie ein Blitzschlag. Blut, ich habe Blut im Urin, war mein erster Gedanke. Was nun? 

Aus Angst aus dem Rennen genommen zu werden wagte ich es nicht den Kontrollarzt zu befragen und setzte den Lauf fort. Schmerzen waren ja nicht zu spüren, aber richtig wohl war mir trotzdem nicht dabei. Wolfgang Schwerk, dem ich mich anvertraute, riet mir ausgiebig zu trinken. Das half, zumindest den Nieren. An der Labstelle leerte ich folglich nur noch Wasser aus Pet-Flaschen in meinen Transportbehälter. Bald klärte sich meine flüssige Ausscheidung, alles schien in Ordnung zu sein. Nur eines erregte mein Mißtrauen. Die Pet-Flaschen wurden mit zunehmender Stunde abgegriffener, bekamen Druckstellen und ich Zweifel. Zweifel die sich leider als berechtigt erwiesen, nachdem ich Zeuge wurde, wie man diese Flaschen aus einem Gartenschlauch mit Leitungswasser befüllte. Und das obwohl in den Waschräumen, auf Schildern vor dem Genuß des Leitungswassers gewarnt wurde. Lange hat es nicht gedauert bis sich ein unangenehmes Rumoren in meinem Verdauungstrakt bemerkbar machte. Der Weg zur Toilette wurde ein Wettlauf gegen die Zeit, den ich zum Glück gewann. Verloren hatte ich jedoch eine Menge an Kraft. Deshalb kam es zum Entschluß etwas auszuruhen, mit ein wenig Schlaf zu regenerieren.

Mit weichen Knien sank ich auf mein Ruhelager. Kaum liegend zog ein heftiger Schmerz entlang der Wirbelsäule, verbreitete sich über den Rücken bis hin zum Becken. Alle Versuche eine angenehme Position zu finden blieben erfolglos. Später hegte ich den Verdacht, dass dies vom kühlen Luftzug an der thermisch sehr wechselhaften Laufstrecke herrührte. Was für ein durchwachsener Tag. Fluchend machte ich mich wieder auf den Weg, maschierte einige Runden bis es wieder lief. Und das Leitungswasser, das trank ich weiter, was blieb mir sonst auch übrig. Als der Morgen graute und mir Gott sei Dank nicht mehr, spürte ich Hunger. Froh darüber, den Espit-Kocher entzündet, kochte bald Wasser, welches in nur 10 Minuten mein von zu Hause mitgebrachtes Travel-Lunch garte.

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Das gab neue Kraft, und allen Widrigkeiten zum Trotz schaffte ich es irgendwie am ersten Tag 128 Kilometer zurückzulegen.

 

2. Tag

Gnadenlos brannte die Sonne mittags vom wolkenlosen Himmel." In der Hitze gehts dir gut, du Wüstensohn", rief mir Martina zu. Sie hatte recht, mein Schutzengel leistete ganze Arbeit, ich erholte mich im wahrsten Sinne des Wortes laufend. Laufen ist der Schlüssel zur Tür meiner Seele. Manchmal mit einem besseren Regenerationswert wie schlafen. So erging es mir einmal mehr an diesem Tag. Gut gelaunt drehte ich eine Runde um die andere, amüsierte mich im Stillen über die Lampenschirmartige Kopfbedeckung einer Südafrikanerin, war in diesen Stunden einfach wieder gut drauf. Warum in der Wertung des 7 Tages-Laufes nur noch 9 von 20 gemeldeten Teilnehmern aufschienen blieb mir ein Rätsel. Ansonsten verlief der Nachmittag ohne nennenswerten Zwischenfall, mentale Grenzsituationen schienen fern. Dass ich mit letzteren in dieser Woche noch konfrontiert werden würde, war allerdings unausweichlich, aber nicht beunruhigend. Handelt es sich ja dabei um eine meiner Stärken, welche höchstwahrscheinlich aufgrund meines steinigen Lebensweges und im weiteren natürlich beim Ultralangstreckenlauf erwachsen konnte. Manchen Herausforderer mit besseren körperlichen Voraussetzungen habe ich dadurch nach langem Kampf hinter mir gelassen. So sinnierte ich vor mich hin, während sich die Sonne gemächlich hinter dem Horizont verkroch. Der Stimmung halber beging ich einen kleinen Stilbruch und bestückte mich mit meinem MP-3 Player. Bob Marley spülte Erinnerungen an meine gedankliche Oberfläche, AC/DC hämmerten mir den Laufrythmus. 

Nach dem Richtungswechsel um 21:00 Uhr, legte sich Müdigkeit wie ein Schaumkissen über meine Wahrnehmung. Gedankenlos wischte ich einen Nasentropfen in den Ärmel, kurz darauf noch einen und noch einen, dann erst bemerkte ich das es Blut war. Bald glich mein Shirt der Arbeitsbekleidung eines Fleischers. Schnell ins Zimmer, nur nicht die Aufmerksamkeit der Rennleitung erregen, kurz darauf hingelegt und die Lichter waren aus. Nach 32 Stunden hatte ich endlich Schlaf gefunden. Herrlich. Gegen Mitternacht ging es erfrischt weiter, an der Seite von Martina Hausmann. Mich fröstelte bis in die Knochen. Nicht lange, bald hatte der Körper Betriebstemperatur und mein Gemüt erwärmte Martinas Erzählung ihres Ultralaufwerdeganges. Knieschmerzen hatten sie vor etlichen Jahren zum Arzt getrieben. Der prognostizierte ihr Arthrose und Sportuntauglichkeit. Laufen solle sie überhaupt vermeiden. Aber wie es sich eben verhält, wenn man aus unnachgiebigen Holz geschnitzt ist, war genau dies der Start ihrer Ultralauf-Karriere. Ein bewegungsarmes Dasein wollte die quirlige Würzburgerin jedenfalls nicht fristen. Ihr Handicap ignorierend, entwickelte sich die Leidenschaft immer längere Strecken zu bewältigen. Mehrtagesläufe wurden zur Routine. Martina lief sich zur deutschen Rekordlerin im 6-Tages-Lauf, finishte den Friedenslauf von Hiroshima nach Nagasaki ebenso wie die 1300 Meilen von New York, als gerade die Türme des World Trade Centers einstürzten. Im Laufe der Jahre erlief sie sich nationale und Weltrekorde. Nun war sie neben mir, mit ihrem Ultraschlappschritt, wie sie die Art ihrer Fortbewegung selbst nannte. Schnell war sie ja wirklich nicht unterwegs, aber unermüdlich. Tagelang konnte sie ohne zu schlafen weiterziehen, davon wurde ich in dieser Woche noch beeindruckter Zeuge. 

Langsam ging die Nacht zu Ende. "Die dämmernde Frühe erwachte mit Rosenfinger" (ich wüßte nicht wo die Worte Homer's an diesem Morgen besser angebracht gewesen wären). Vom kargen Verpflegungstisch griff ich mir regelmäßig eine Hand voll Nüsse, Chips, manchmal ein Stück Schokolade, oder wenn vorhanden Obst. Viel mehr war da nicht zu holen.

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Trockener Zwieback mit Honig wurde zwar permanent angeboten, doch damit aß ich mir bald die Mundhöhle wund. Heilfroh ausreichend über eigene Nahrungsmittel zu verfügen, mixte ich meine Kohlenhydratgetränke, aß Leberpastete oder Ölsardinen. Durch intensive Planung und monatelange Vorbereitung hat es mir an nichts gefehlt. Außer dem Beistand eines persönlichen Betreuers, aber auch damit kam ich klar. Nach 48 Stunden lagen 242 Kilometer und sämtliche Anfangsprobleme hinter mir. Die wirklich harten Stunden standen aber noch bevor.

 

3. Tag  "Die Griechen"

 

Im Zwischenklassement schien mein Name an 2. Stelle auf. Am Bildschirm, im Bereich der Labstelle, sowie im Internet. Man war bestens informiert, vor Ort und in der fernen Heimat. Wo meine Familie, wie auch Freunde und Bekannte eifrig mitfieberten. Wie ich später erfuhr. Der Grieche, Anagnostis war mir auf den Fersen. Ihm folgten eine Holländerin, ein Chinese und ein weiterer Grieche namens Nikos. Verstohlen beäugten mich die Helenen, die Jagd nach mir war eröffnet. Der bärtige Anagnostis, von großer athletischer Gestalt, sah zäh aus und reich an Erfahrung. Nikos der jüngere, gebärdete sich impulsiv, die Kampfeslust war ihm anzusehen. Er kontrollierte mein Tempo. Keine Einbildung meinerseits, keine Anwandlung beginnender Schizophrenie, es war offensichtlich. Folge dessen nahm ich ebenfalls jeden Augenschein ein und passte mein Tempo dem meines schnellsten Verfolgers an. Etwa in der Mitte des länglichen Rundkurses begegnete ich diesem regelmäßig. Immer wieder fanden sich unsere Blicke, obwohl jeder bemüht war dem anderen nicht zuviel Interesse zu bekunden. Verspätete sich jener in einer Runde um einige Meter, wurde das Defizit in der folgenden eifrig wettgemacht. Aber niemand solle glauben, dass ich vielleicht besonnener gewesen wäre, ich machte es nämlich daraufhin genauso. Auch wenn die Herausforderung unausgesprochen war mußte ich mich ihr stellen. So verstrich Stunde um Stunde, erst der Nachmittag, dann der Abend. Als die Sonne gesunken war und Dunkelheit Athen umhüllte, traf ich auf dem Weg zur Toilette, Nikos der im Eingangsbereich mit schmerzverzerrter Mine auf dem Boden am Rücken lag. Nikos sprach, im Gegensatz zu seinem um eine Generation älteren Landsmann Anagnostis, Englisch. Ohne zu zögern fragte ich nach seinem Befinden und ob ich irgendwie behilflich sein könne. Ehrlich gesagt ging es mir dabei vorrangig darum wettkampfsbedingte Spannungen abzubauen, um die Situation nicht bis zur Feindschaft eskalieren zu lassen. Er aber gab sich wortkarg, erklärte mir nur kurz dass seine Füße schmerzten und wendete sich ab. Na dann eben nicht, dachte ich im Weggehen. Nach verrichtetem Geschäft ersann ich die List, aus dem Gebäude durch das zweite Portal ungesehen zur Laufstrecke zurückzukehren. Von dort war es möglich Nikos unbemerkt zu beobachten. Sein Blick war in die Richtung gerichtet, in der ich verschwunden war. Wartete er auf mich? Machte er seine Ruhepause von meiner Rückkehr abhängig? Schien so, denn als ich nach einer locker getrabten Runde die Stelle passierte, war er weg. Nikos pausierte. Im Geiste wünschte ich ihm einen gesegneten, langen Schlaf. Dieser fromme Wunsch fand stille Erfüllung. Folglich war der Bursche stundenlang nicht mehr zu sehen und mein Vorsprung wuchs. Tja, wer da schlief, der verlor.

Ria, die fliegende Holländerin leistete sich des öfteren lange Schlafpausen. War sie jedoch auf der Strecke, machte sie Tempo als wäre sie zum 6 Stunden-Lauf angetreten. Das machte aber wenig Sinn wie ihr wachsender Rückstand bewies. Chen aus Taipeh praktizierte gegenteiliges. Wie im Zeitraffer schlich er dahin, schlief weniger als manch schnellere und kam so zum besseren Ergebnis als jene. Meine Aufmerksamkeit galt vorwiegend Anagnostis. Am frühen Abend erweckte der Grieche den Anschein an den Grenzbereich seiner Leidensfähigkeit gestoßen zu sein. Später, um Mitternacht joggte er wieder dahin, als wäre nichts gewesen. Zu dieser Zeit hatte ich Mühe die Augen offen zu halten.

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Meine Fußsohlen hitzten, als hätte sich mein Schuhwerk zu Herdplatten verwandelt. Eingezwängt wie in Schraubstöcken steckten die geschwollenen Füße in den ursprünglich 2 Nummern zu großen Schuhen. Barfußlaufen ging gar nicht. Zu wund und strapaziert waren meine Laufwerkzeuge. Abgesehen davon schien mir dafür das Verletzungsrisiko auf dem rauhen, löchrigen Asphalt ohnehin zu groß. Also griff ich mir ein scharfes Messer und schnitt in den vorderen Bereich meiner Nike's längliche Öffnungen. Damit war das Platzproblem gelöst. Zufrieden entschlummerte mein Geist der Realität. Zwei Stunden später wälzte ich mich albtraumgeplagt und schweißgebadet aus dem Schlafsack. Schlaftrunken wandelte ich zum Zeitnehmungsmonitor. Darauf ersah man nicht nur die aktuelle Rundenzeit jedes einzelnen Läufers, sondern auch die Uhrzeit wann die zuletzt gelaufene Runde beendet wurde. Daraus konnte man natürlich Rückschlüsse ziehen. 

Anagnostis, der alte Fuchs beendete zum Beispiel nur noch die begonnene Runde, nachdem ich zuvor die Laufstrecke verlassen hatte. Dann begab auch er sich zur Ruhe und dabei befand er sich noch immer. Wie vom Glück geküßt lief ich los. Der Morgendämmerung entgegen geschah es mir leicht. Nichts außergewöhnliches für einen geübten Frühaufsteher mit der Neigung den jungen Tag zu verherrlichen. Keine Beschwerden, mühelos bewegten sich meine Beine automatisch. Schritt um Schritt in den jungen Tag hinein. Anagnostis geschah es nach seiner Rückkehr weniger leicht. Nur im flotten Wandertempo bewegte er sich voran. 

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 Mein Vorsprung war über die klassische Marathon-Distanz angewachsen und vergrößerte sich im verlaufe  des Vormittags nach einigen Überrundungen weiter. Nikos, noch viel weiter zurück, mied meine Gesellschaft wie der Teufel das Weihwasser. Nein, so hatten sich die Griechen das Ganze nicht vorgestellt.

 

4. Tag      Sturm

Warmes Wasser floß aus den Duschen täglich nur für eine Stunde am Nachmittag. Griechenland mußte eben sparen. Für meine Bedürfnisse ein gänzlich unangebrachter Zeitpunkt. Daher beschränkte sich die Körperpflege auf eine Reinigungsprozedur mit Feuchttücher. Das führte erwartungsgemäß zu einem Hygienedefizit und folge dessen zu einem schmerzhaften Furunkel zwischen den Gesäßbacken. Regelmäßig aufgetragene Wundsalbe linderte den Schmerz. Doch ganz vergehen sollte er bis zum Ende des Rennens und darüber hinaus nicht mehr. Ja, ja das Sparprogramm. "Gespart muß jetzt überall werden", dachte ich bei der Jause vor mich hin. Den Blick in eine Dose frisch geöffneter, portugisischer Sardinen gerichtet. Viel Platz haben die Kleinen heutzutage in so einer Dose. Das war nicht immer so. Vor nicht allzulanger Zeit verwendete man in unserer Gegend gerne das umgangssprachliche Sätzlein: "Da waren wir geschlichtet wie Sardinen", wenn es irgendwo eng herging. Nun, das hatte absolut keine Gültigkeit mehr. Gut hätten es die Fischlein jetzt, würden sie davon noch etwas mitbekommen. Sie würden das Sparprogramm lieben, im Gegensatz zu den Griechen.

Der Himmel zeigte sich am 4. Tag bedeckt. Dünne Wolkenfelder schwächten die Wirkung der Sonne. Angenehm strich mir eine zarte Brise über die Haut.

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Für Michael, dem Südafrikaner war das Rennen zu Ende. Im dicken Gipsverband humpelte er mir auf Krücken entgegen. Die Verletzung, welche er sich am Vortag zugezogen hatte war schlimmer als vermutet. Trotzdem ließ er es sich nicht nehmen unverzüglich vom Spital zurückzukehren um uns anzufeuern. Eine schöne Geste, ich hätte ihm aber besseres gegönnt.

Die Wolkendecke wurde dichter, aus der zarten Brise entwickelte sich kühler Wind. Diffuses Zwielicht ließ das Geschehen surreal erscheinen. Die ideale Stimmung für eine Reise in die Gedankenwelt. Sie führte meinen Geist nach Hause zu Bernd, einem Laufkollegen. Zu unserem letzten Gespräch vor meiner Abreise nach Athen. Er könne sich das Ganze nicht vorstellen, 7 Tage zu laufen, sagte er da zu mir. Bernd der ausgezeichnete Tennislehrer und Turnierspieler mit der Ambition zu laufen. Einen Marathon in ganz passabler Zeit hatte er schon auf seinem Konto, darüber hinaus wolle er sich aber nicht wagen. "Das muß man sich einmal durch den Kopf gehen lassen", gab er nachdenklich von sich. "Ich sitze Sonntags vor dem Fernsehgerät während du läufst. Ich gehe Montags zur Arbeit, während du noch immer läufst. Es vergeht eine lange Arbeitswoche und du läufst noch immer. Sonntags sitze ich wieder vor dem Fernseher und du ........unvorstellbar"...... und ich lief noch immer. Dunkle Wolken löschten das Zwielicht. Sturmwarnung. Baumwipfel neigten sich bedrohlich mit dem Wind, Zeltplanen flatterten. Blätter und Staub wirbelte durch die Gegend. Es wurde ungemütlich. Die Augen zu Sehschlitzen gekniffen kämpften die auf der Strecke verbliebenen gebückt gegen den Sturm. Genervt darüber, mein Tempo nicht beibehalten zu können, schrie ich den Zorn in die Athmosphäre. Bis ich mich mit den Umständen abgefunden hatte und die innerer Ruhe wieder einkehrte. In erlösender Monotonie, ohne viel zu denken ging es in die Nacht. Der Sturm fegte unvermindert weiter.  

Überraschend streckte mir Alan, Martina Hausmanns persönlicher Betreuer einen Trinkbecher entgegen. Alan ein schottisches Original, stellte sich immer wieder gerne in den Dienst der Allgemeinheit, was Martina nicht gerne sah. Der Inhalt des Trinkbecheres, eine dicke kräftige Suppe, blieb der kulinarische Höhepunkt der Woche. Denn es gab nur eines was die Eintönigkeit der Laufstrecke überbot und das war die der Hauptmahlzeit, der alltäglichen geschmacksneutralen Pasta. Alan verstrahlte positive Energie. Oft kamen aufmunternde Worte über seine Lippen, gelegentlich ein kleiner Scherz. Gegen 3 Uhr morgens, als ich vor Müdigkeit kaum noch in der Lage war die Uhr unfallfrei abzulesen, befragte mich der Gute, wohin ich denn des Weges wäre. Ich darauf: " I go to bed". Er schelmisch: "Oh why? Is inside a nice Lady?". Grinsend verabschiedeten wir uns mit freundlichem Schulterklopfen. Bald darauf schlummerte ich mit einem Lächeln im Gesicht dahin. Aber ohne Lady, versteht sich. Zwei Stunden traumloser Tiefschlaf gab mir neue Kraft. Inzwischen hatte sich die Wetterlage verbessert. Windstille. Der Vormittag verlief ereignislos, ich kam gut voran. Mein Vorsprung zu den Griechen wuchs. Mittags lagen 450 Kilometer hinter mir.  

 

 5.Tag     Krise

 

Ein Stich im rechten Knie weckte Erinnerung an ein längst bewältigt geglaubtes Trauma. Natürlich das von der Knieverletzung, welche mich einige Monate zuvor aus dem "Race across Burgenland" geworfen hatte. Glücklicherweise ist es eines meiner größten Talente aus Schäden zu lernen. So selbstverständlich ist das nicht. Ich kenne einige Menschen, denen mehr als einmal die gleichen Rückschläge wiederfahren sind. Nicht weil es das Schicksal so wollte, auch nicht aus Mangel an Intelligenz, sondern einfach aus Unüberlegtheit oder unzureichender Vorbereitung. Für mich ist so etwas nur schwer nachvollziehbar. Nach dem "Race across Burgenland" analysierte ich das Problem wie schon beschrieben. Kinesiotaping wurde zum wichtigen Bestandteil des Heilungsprozesses. Wodurch ich erlernte die Tapes nutzbringend zu kleben. Man weiß, dass der Punkt einer Verletzung am Bewegungsapparat zeitlebens eine Schwachstelle bleibt, auch nach vollständiger Heilung. Daher habe ich vor der Abreise nach Athen diesbezüglich die nötigen Vorbereitungen getroffen. Tapes gekauf und das Beinhaar wegepiliert, damit die Tapes auch hafteten. Nun war ich froh darüber gerüstet zu sein. Vielleicht spielte auch der Placebo-Effekt eine Rolle. Es kümmerte mich allerdings wenig ob die Tapes dem Knie oder dem Kopf halfen. Hauptsache sie halfen, und so war es.

In meinem Kopf breitete sich an diesem Tag ein anderes, für mich untypisches Problem aus. Motivationsmangel. Da half kein Tape, vermutlich nicht einmal wenn mir jemand den ganzen Kopf damit eingebunden hätte. Ich sackte in eine ungewöhnlich schlimme Krise. Müde, ausgelaugt und lustlos schlich ich dahin. Warum? Immer wieder stellte sich die Frage nach dem Sinn dieser Qual. Warum nicht nichts tun? Na ja, ich kannte eine Menge Nichtstuer, allesamt unerfüllt. Ok, warum nicht wenigstens kürzer treten? Bringt nichts, weil ich sowieso irgendwann wieder im Extrem lande. Das ist mein Naturell, so bin ich eben, so war ich schon immer. Früher beim Feiern, Arbeiten, Motorradfahren und Tauchen, jetzt beim Laufen. Halben Sachen kann ich nur wenig abgewinnen, nur das darüber hinaus gießt mir die Essenz ins Leben. Also Augen zu und durch. Und ich kam durch, ich weiß zwar nicht mehr genau wie, aber ich kam durch die Krise. In der Erinnerung verschwimmen oder schwinden negative Vorkomnisse eher als positive. 

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In bester Erinnerung ist mir beispielsweise die lange Unterhaltung mit Wolfgang Schwerk nach diesen schweren Stunden geblieben. Von unserer Lebensgeschichte über die Atom-Katastrophe in Fukujima bis hin zur Ernährung reichte die Vielfalt unseres Gesprächs. Das Thema Ernährung beschäftigte uns am längsten. Ein trockenes Kapitel mag man vermuten. Weit gefehlt, kurzweiliger als Wolfgangs Geschichte, wie er durch seine Kaninchenzucht zum Vegetarier geworden ist, war es mir selten an diesen Tagen. Mit der Kaninchezucht verhielt es sich nämlich so, dass die Schönen, die Prachtexemplare, zu Ausstellungen gebracht wurden. Die weniger edlen Geschöpfe landeteten im Kochtopf. Eines Tages, als es wieder an der Zeit war, eines der weniger schönen seiner Bestimmung zuzuführen, geschah es, dass dieses ihn mit großen Augen in die seinen Blickte. Da regte sich etwas im Gemüt des Schlächters. Was ihn dazu veranlaßte, sich zum Kühlschrank zu begeben um bei einer Flasche Bier die Situation zu überdenken. Im Anschluß daran fühlte er sich entschlossen genug sein Vorhaben zu erledigen. Doch das kleine Kaninchen blickte ihm abermals aus den unschuldigsten Augen, mit welchen ein Lebewesen gesegnet sein kann entgegen. Ratlos suchte Wolfgang nach einer Lösung um mit seinem Gewissen ins reine zu kommen. Ein weiteres Schaumgetränk sollte die Klärung des Geistes hilfreich unterstützen. Aber der kleine Hoppel verfügte über die Ausdauer eines Ultralang-Treuherzigblickers. Wieder suchte Wolfgang Hilfe für mehr Entschlossenheit im Kühlschrank. Bis sich die gewünschte Klärung des Geistes eingestellt hatte, und er entschied, nichts mehr zu essen was jemals aus derartigen Augen zu blicken vermocht haben konnte. Nach diesem prägnanten Erlebnis, zählte der Bekehrte zu den Vegetariern und das bis zum heutigen Tag.

Unbeeinflußt vom Geschilderten zelebrierte ich meinen ganz persönlichen Freßtag. Es gab einiges nachzuholen, Durchfall und anschließende Apetittlosigkeit hatten zu einer Kalorienunterversorgung geführt. Ich, der im Alltag auf gesundheitsbewußte Ernährung Wert legte, stopfte alle verfügbaren  Lebensmittel wahllos und in großen Mengen in mich hinein. Wie ein ausgehungerter, nimmersatter streunender Hund, nur etwas langsamer.

 

6. Tag  "Urlaub mit gelegentlichen Schmerzen"

 

Der 5. Tag hatte mit der äußerst zufriedenstellenden Bilanz geendet, mein selbstgestecktes Gesamtziel erreicht zu haben. Mit 547 zurückgelegten Kilometern lag die ursprünglich für 7 Tage geplante Distanz bereits nach 5 Tagen hinter mir. Freude. Angesichts dessen stellte sich auch der Eifer wieder ein, nun wollte ich mehr. Jeglicher Schmerz war verebbt, wie von Geisterhand verblasen. Ich steuerte durch ein mentales Hoch, und das nach all den Strapazen. Vermutlich hatte auch die Sonne ihren Beitrag zu meinem wiedererlangten Wohlbefinden geleistet. Ungehindert strahlte unser Zentralgestirn vom blassblauen Himmel, so wie es dem Gemüt eben gut tut, am Läuferkörper jedoch zehrt. Von letzterem spürte ich zu diesem Zeitpunkt wenig, deshalb ließ ich den Leichtsinn mit mir durchgehen und lief in der Euphorie ein viel zu hohes Tempo. Beeinflußt, ja, mitgerissen hatten mich natürlich auch die noch relativ frischen 72- und 48- Stunden-Läufer. Munter heftete ich mich an ihre Fersen, als hätte ich den Bewerb gewechselt. Die Luft flimmerte über dem aufgeheizten Asphalt. Die Berge im Hintergrund zeigten sich in bestem Licht, wie in einem Urlaubs-Reiseprospekt. Das war es ja auch für mich - Urlaub, zwar mit gelegentlichen Schmerzen, aber immer in Bewegung. Urlaub nach meinem Geschmack.

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Langsam schwand meine Kraft. Etwas benommen reduzierte ich das Lauftempo. Der Kreislauf rechtfertigte seinen Namen. Schwarze Flecken huschten über den Boden. Meine Sinne verloren die Fähigkeit einfließende Eindrücke objektiv zu verarbeiten. Ich war heißgelaufen, wie ein Motor bei der Dakar-Rallye. Realität und Phantasie paarten sich. Kleine schwarze Schattentiere wuselten überall am Boden herum. Scheuklappen beschränkten mein Sichtfeld. Der Schritt wurde träger, unkoordinierter. Vom Willen getrieben setzte ich die psychische Odyssee im Gehen fort. Immer weiter, bis ich wankenden Schrittes der Vernunft den Sieg überließ, und den Flirt mit dem Kollaps beendete. Auf dem Weg zur Schlafecke langte die Beherrschung gerade noch aus meinen desolaten Zustand zu verbergen. Kraftlos sank ich auf den Schlafsack, fand aber trotz der Erschöpfung keinen Schlaf. Extrem übermüdet ist es oft nicht einfach gleich Ruhe zu finden. Ob Seiten, Rücken oder Bauchlage, egal in welcher Position, sämtliche Muskeln, Gelenke und Knochen schmerzten. Von Schweißausbrüchen durchnäßt wälzte ich mich hin und her. Dann kritzelte ich in Stichworten das Tagesgeschehen in den Notizblock und versank dabei endlich für 2 Stunden in einen tiefen Schlaf. Unmittelbar nach dem Erwachen war mir kalt, als hätte ich am K2 übernachtet und fühlte mich gerädert wie nach einer 3 tägigen Sauftour. Doch die Freude über das bereits Erreichte überstrahlte alles.

 

Ein Paar mittleren Alters hatte sich inzwischen neben mir einquartiert. Ost-Europäer, wie ich vermutete. Später erfuhr ich, daß die Beiden aus der Ukraine stammten. Ihr Verhalten mir gegenüber war rücksichtsvoll, die Gesichtszüge freundlich. Beide sprachen weder Englisch noch Deutsch. Auch aufgrund ihres Äußeren war zu ersehen, dass sich die Zwei von der Globalisierung noch nicht überrollen hatten lassen. Das gefiel mir. Sie, in traditionellem Kopftuch, mit arbeitssamen Händen und mütterlicher Aura, er mit bravem Kurzhaarschnitt, zuvorkommend und hilfsbereit. Schnell hatten sich die Beiden häuslich eingerichtet. Ein überlanger Tisch wurde mit Lebensmittel derart überladen, dass die Vermutung nahe lag der Rest einer Großfamilie würde nachfolgen. Wie es bei einfachen ländlichen Leute üblich ist, wurde ich mit natürlicher Selbstverständlichkeit zu Tisch gewunken, um an ihrem Mahl teilzuhaben. Ich war glücklich in Gesellschaft solcher Menschen. Wir hatten keine gemeinsame Sprache, verständigten uns mit Händen, Füßen und Mimik, verstanden uns aber doch. Später, als ich längst schon wieder Kilometer sammelte, startete Mika -  der Ukrainer beim 24 Stunden-Bewerb. Seine Frau, ihren Namen erfuhr ich leider nicht, passte am Streckenrand um ihm jeden Wunsch vom Gesicht abzulesen. Die Aufgabenverteilung der Beiden schien optimal, denn es sah so aus, dass sowohl er als Läufer, wie auch sie als mütterliche Betreuerin ihre Erfüllung gefunden hatten. Erfüllung empfand auch ich am Ende des 6. Tages nach 630 zurückgelegten Kilometern.

 

7.Tag

 

"Sechs Tage sollst du deine Arbeit tun, am siebten Tag aber sollst du ruhn." So steht es - sinngemäß - im Alten Testament. Dieses Zitat hatte den Organisator des Ultramarathon Festivals (Dr. Costas Baxevanis) dazu bewogen, nach einem Zwist mit der Kirche, den Athener 6-Tages-Lauf auf einen 7-Tages-Lauf zu erweitern. Allerdings fand er für diesen fragwürdigen Protest allseits wenig Verständnis. Selbst einigen Athleten war bei den Veranstaltungen vergangener Jahre der 7. Tag gelinde gesagt "wurscht". In den internationalen Bestenlisten wertet man ohnehin nur Ergebnisse bis zum 6. Tag. Da sah Costas einen Handlungsbedarf gegeben und erweiterte das Reglement um einen Punkt. Und zwar um den, der das Absolvieren von mindestes 42 Kilometer für den 7. Tag vorschrieb. Obwohl man es mit der Einhaltung dieser Vorschrift nicht so genau nahm, wie man mir sagte, setzte ich mir für den letzten Tag die Distanz des klassischen Marathons zum Ziel. Nicht mehr und nicht weniger. Ich genoß diesen Tag, trabte locker dahin, ließ die Athmospäre bewußt auf mich einwirken. Seelenmassage.

 

"Ausdauer wird früher oder später belohnt. Meist später."  (Wilhelm Busch)

 

Irgendwann, es war bereits Nacht, es war bereits "später". Den Marathon hatte ich locker hinter mich gebracht, das letzte Ziel erreicht, der Schonungslosigkeit der Zeit getrotzt. Stunden bis zum Schlußpfiff blieben noch übrig. Was sollte ich tun? 672 Kilometer stand auf dem Bildschirm, in der Start-Ziel-Zone, hinter meinem Namen. Der Sieg in der 7-Tages-Lauf-Männer-Wertung war mir gewiß. Zeit totschlagen ist aber keine Tätigkeit mit der ich mich richtig anfreunden kann, dazu fehlt mir der nötige Hammer. Und um zu schlafen sollte es in Zukunft noch Nächte genug geben. Letztlich fand sich aber doch noch ein Ziel, ein logisches, für den Zahlenjongleur mit gelegentlichen neurotischen Ordnungsanwandlungen. Ergebniskosmetik - 700 Kilometer. Als symbolisches Dankeschön an meine verständnisvollen Mädels zu Hause (Frau und Tochter), drehte ich ihnen zu Ehren noch eine letzte Runde. Dann 90 Minuten vor dem offiziellen Finish des 7-Tages-Laufes beendete ich entgültig nach 701 Runden müde aber zufrieden das Rennen.

 

Christian Solovitz 2011

 

 

 

 

 

 

 

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