Veranstaltung: Deca Ultra Iron - Ultratriathlon und Ultralauf
Ort: Desenzano del Garda - Le Ninfee del Garda (Italy)
Bewerb: 1000 Meilen (1610 km) Ultralauf
Race time: 17 Tage 18 Stunden 21 Minuten
Rang: 1
DECA ULTRA IRON - 1000 Meilenlauf Italien
Bei Badewetter trafen meine Freunde Birgit, Franz, Julian und ich in S.Martino bei Desenzano del Garda, an einem herrlichen Spätsommertag ein. Sie chauffierten mich und verfolgten die ersten Stunden des Wettkampfes, dann war ich auf mich alleine gestellt. No support, quasi. Kein Problem, das bin ich gewohnt.
Guter Dinge trabte ich Stunde um Stunde, Runde um Runde. Unser Rundkurs verlief vorbei am Schwimmbecken, wo die Ultratriathleten dieses großen Ausdauer-Events ihre Längen schwammen, entlang der Zeltpromenade, über eine Wiese, zum Ausgang des Erlebnisbades Ninfee. Nach dem Ausgang säumte unsere Strecke auf unbefestigten, erdigen Boden, einen großen Parkplatz. Danach ging, es über eine kleine Brücke, wieder in das Erlebnisbad. Auf der Liegewiese, wellig mit einigen Höhenmetern, zurück zum Start/Ziel Bereich. Kein leichter Kurs, die etwas mehr als 1 Kilometer lange Runde mit 24 Höhenmetern und einigen engen Kurven. Aber wie schwierig das Vorankommen hier tatsächlich werden konnte, das sollten wir nach tagelangem Dauerregen noch ordentlich zu spüren bekommen. Davon aber später.
Nachdem der erste Tag problemlos verlaufen war, trieb mich heftiges Rumoren im Verdauungstrakt zur Toilette. Eine ausgiebige Entleerung des Gedärms raubte wertvolle Energie. Geschwächt trabte ich weiter. Nun galt es die Energieversorgung wieder herzustellen und an der Labestelle, süßes und pikantes wahllos in mich hineinzustopfen. Mit viel Überwindung und kurzen Schlafpausen kämpfte ich mich angeschlagen weiter, durch den Tag.
Dankbarkeit breitete sich in mir aus, als spät in der Nacht neue Energie in Geist und Körper spürbar wurden. Der Blick für die Schönheit der Nacht war wieder klar.
Grillen zirpten, weckten herzerwärmende Erinnerungen an laue Sommernächte im Garten meiner Großeltern. Streunende Katzen gingen ihren nächtlichen Geschäften nach. Fledermäuse jagten im grellen Schein der Halogenbeleuchtung nach Insekten, während ein Kauz, auf einem Zaunpfahl hockend, ihr Treiben aufmerksam beobachtete. Und bei mir lief es endlich wieder richtig gut, in der 2. Hälfte der Nacht, wo mein Biorhythmus wie so oft zu Höhenflügen bereit war.
Am Morgen, kurz nach Sonnenaufgang, wurde Frühstück angerichtet. Kaffee, Milch, Tee, Toastbrot, Käse, Schinken, Croissants, Marmelade, Nutella, Joghurt. Leistungsfressen auf höchstem Niveau.
Um 8:00 Uhr begann der Schwimmbewerb der Ultratriathleten welche täglich eine Ironman-Distanz (also 3,8km Schwimmen, 180km Radfahren und 42km Laufen) zu absolvieren hatten. Am Start, unter den Teilnehmern aus 28 Nationen, auch die mehrfache Weltrekordhalterin von Ultratriathlon-Langdistanzen, die Österreicherin Alexandra "Xandi" Meixner. Xandis Vorhaben bei dieser Veranstaltung war, als erste Frau unseres Planeten, 30 Ironman-Distanzen in 30 Tagen zu finishen. Xandi wirkte zäh, voll positiver Energie und keinesfalls verbissen, sondern herzlich. Nach dem Schwimmen stieg sie aus dem kalten Wasser, setzte sich auf ihr Rennrad und trat mit einem Lächeln im Gesicht in die Pedale. Abends begegneten wir uns auf der Laufstrecke, liefen gemeinsam, machten uns gegenseitig Mut, verkürzten die Zeit mit guten Gesprächen. Und unser gemeinsamer Leitsatz, "Mir geht's gut und ich bin heiter und das Glück ist mein Begleiter" wird mir in schöner Erinnerung bleiben.
AM TAG ALS DER REGEN KAM
Der ohrenbetäubende Lärm, den die italienische Luftwaffe mit ihren Fluggeräten am Vortag verursachte, als sie mehrmals in geringer Höhe über unsere Köpfe hinweg düsten, blieb uns an diesem Tag erfreulicherweise erspart.
Ein Wetterumschwung stand bevor, der Himmel wirkte düster. Die ersten Regentropfen machten sich bereits auf freiliegender Haut und an der Wasseroberfläche der Pools bemerkbar. Unzählige Eidechsen wuselten unruhig umher. Donnergrollen wurde aus der Ferne vernehmbar. Bald entwickelte sich aus leichtem Niederschlag ein dauerhafter Schnürlregen. Davon ließ ich mich aber nicht bremsen, war doch die Freude am Laufen nach wie vor vorhanden und der Wunsch die Laufleistung pro Tag durchschnittlich bei rund 100 Kilometer zu halten blieb unverändert. Um die gute Laune zu erhalten sang ich, "Raindrops falling on my head", vor mich hin. Gute Laune bereitete mir aber auch die Nachricht meines Freundes Andi, dass er, nachdem er die weite Reise auf sich genommen hatte, um mich hier zu motivieren und zu fotografieren, wieder gut zu Hause angekommen war und plante mich eine Woche später nochmals zu besuchen. Freude!
Nach Stunden in durchnässter Kleidung war das angenehme Gefühl in trockene Textilien zu schlüpfen nur von kurzer Dauer. Es goss unaufhörlich weiter. Also stülpte ich mir den, für diese Aktivität, etwas unbequemen Regenschutz über. Später, während des Starkregens kam zusätzlich noch mein kleiner Regenschirm zum Einsatz. Der eignete sich aufgrund seiner geringen Größe als Laufpartner ganz gut und verhinderte übermäßiges Auskühlen des Oberkörpers. Der Himmel nässte durch die ganze Nacht und den folgenden Tag ohne nennenswerte Pause. Unsere Laufstrecke hatte sich, bis auf die kurzen Stücke mit Platten und Asphalt, in einen matschigen Trail verwandelt. Das erschwerte natürlich das Vorankommen. Trailschuhe mit gutem Grip wären zweckmäßig gewesen. Die aber standen zu Hause, blieben trocken und sauber, im Gegesatz zu meinen Straßenlaufschuhen, welche zwar mit guter Dämpfung aber wenig Profil ausgestattet waren und sich mittlerweile in eine Schlammpackung hüllten. Tja, solche Bedingungen hatte niemand erwartet. Egal, da musste ich durch. Mit Musik aus dem MP3-Player geschah es leichter. Led Zeppelin, ZZ Top, CCR, Status Quo & Co trieben mich voran, ließen mich auch den Zahnschmerz, welcher fallweise plagte, besser ertragen.
LAUFEN, ESSEN, NOTDÜRFTIGE KÖRPERPFLEGE UND EIN WENIG SCHLAFEN
Nach 144 Stunden, also genau 6 Tagen, lag ich mit 625 zurückgelegten Kilometern sehr gut im Rennen. Die wesentlichen Punkte zu berücksichtigen, welche erfahrungsgemäß meine Leistung beeinflussten, hatte sich gelohnt. Schlafpausen, wenn auch nur für kurze Zeit, passte ich meinem persönlichen Biorhythmus an. Nämlich eine zu Mittag und eine Weitere vor Mitternacht, für jeweils 1,5- 2 Stunden. Denn zu diesen Zeiten ist mein Leistungsvermögen auch im Alltag am geringsten, und dies auch bei einem Mehrtageslauf zu beachten bewährte sich schon in der Vergangenheit und nun wieder.
Zu einer ungeahnt großen Herausforderung wurde das Abdecken des enormen Kalorienbedarfs. Nachdem schon im Vorfeld des Wettkampfes vom Veranstalter Dopingkontrollen angekündigt wurden, machte sich Unsicherheit bezüglich des Konsumierens von Nahrung- und Nahrungsergänzungsmitteln breit. In puncto Doping war mein Gewissen rein, niemals nahm ich bewusst verbotene, leistungssteigernde Mittel zu mir, habe mich damit auch niemals beschäftigt. Diesmal aber bekam ich nach dem Lesen der NADA (Nationale Anti-Doping Agentur Austria) - Internetseite bedenken. Demnach sollen in einigen Nahrungs-ergänzungsmitteln und auch in manchen normalen Lebensmitteln dopingrelevante Substanzen enthalten sein, die zu einem positiven Dopingbefund führen können. Da auch unbeabsichtigte Verstöße gegen die Anti-Doping Bestimmungen zu Sanktionen führen können, verzichtete ich, um nicht in eine Dopingfalle zu tappen, beinahe zur Gänze auf Nahrungs-ergänzungsmittel. Ausgenommen die Präparate mit Mineralien, welche auf der Kölner Liste (eine Initiative zur Doping-Prävention) als geprüft und unbedenklich bewertet wurden.
Somit war ich also bezüglich Kalorienzufuhr auf das Nahrungsmittelangebot des Veranstalters angewiesen, und das war leider nicht immer ausreichend. Mittags und abends servierte man uns warme Speisen, meist Teigwaren, Reis und Hülsenfrüchte. Fisch kam leider nicht auf den Teller, stattdessen umso mehr Fleisch. Für einen Pescetarier wie mich, der normalerweise Fleisch meidet und seinen Eiweißbedarf aber trotzdem nicht nur pflanzlich sondern zusätzlich auch noch mit Fisch abdeckt, keine zufriedenstellende Situation. Vorsorglich packte ich noch zu Hause Fischkonserven in mein Reisegepäck, doch war dieser Vorrat bald aufgebraucht. Also sah ich mich gezwungen Gewohnheiten auszusetzen, Ideale zu ignorieren und auch etwas Fleisch zu mir zu nehmen. Den enormen Kalorienbedarf ausschließlich mit gesunder, vernünftiger Ernährung abzudecken wäre hier ohnehin nicht möglich gewesen. Nachdem die Reste vom Mittag und Abendessen verspeist waren, bot die Labestelle manchmal einen kargen Anblick. Wurden zwischendurch Leckerbissen kredenzt, so fanden diese in kürzester Zeit den Weg in die Verdauungstrakte hungriger Athleten. Große Nutella-Gläser wurden in Rekordzeit leergelöffelt, cremige Kuchen verschwanden wie durch einen Zauber. Und so blieb, beim niemals enden wollenden Versuch mich zu sättigen, manchmal nichts anderes übrig, als das zeitweise einzig Verfügbare, trockene Kekse und Salzgepäck zu verzehren. Trotzdem ging es irgendwie weiter.
UNENTWEGT
Auch unsere ältesten Ultralaufkollegen, Edda Bauer (geb.1944) und Walter Zimmermann (geb.1954) kamen, zwar dem Alter entsprechend langsamer, aber dennoch unentwegt voran. Ich bewunderte ihre Mentalität. In einem Alter wo sich andere längst ihrem Schicksal, der Vergänglichkeit, ergeben haben und nur noch neben dem warmen Ofen oder auf dem Fernsehsessel ihre verbleibende Zeit verbringen, setzen sich unsere Oldies freiwillig den enormen Belastungen dieses extremen Ultralaufes aus. Es war schön die beiden zielstrebig und mit Begeisterung in Aktion zu sehen.
BILD: EDDA BAUR (geb.1944)
Das gibt mir Hoffnung auch selbst noch mehrere Jahre als Ultraläufer aktiv und erfüllt unterwegs sein zu können.
Da kam mir, wie schon freudig erwartet, mein Lauffreund Andreas Michalitz entgegen. Endlich angekommen. Sehr schön! Andreas war für den 1000-Kilometer-Lauf angemeldet und dieser wurde erst gestartet als wir 1000-Meilen-Läufer schon 10 Tage unterwegs waren. Andreas hatte also noch ausreichend Zeit für Vorbereitungen.
Er quartierte sich in das Zelt neben dem meinem und somit war ich zwischen ihm, Walter Zimmermann und Ali Möstl in beste Nachbarschaft gebettet. Ali, das steirische Urgestein, war gerade auf dem Weg die Weltbestleistung im Triple-Deca Ultratriathlon continuous in seiner Altersklasse (M65) abzuliefern. Ali zeichnete sich aber auch durch Hilfsbereitschaft aus und das Entgegenkommen seiner lieben Gattin beeindruckte nicht weniger. Ohne darum gebeten zu haben, bot sie mir an meine Schmutzwäsche zu waschen. Das tat sie dann auch wofür ich sehr dankbar war. Ihrem sozialen Wesen entsprechend genossen die beiden in ihrer Heimatgemeinde große Beliebtheit, denn niemand aus unserem Lager konnte sich über so zahlreichen Besuch aus der Heimat erfreuen wie diese beiden netten Menschen.
Von seiner netten Seite zeigte sich endlich auch wieder der Himmel. Sonnenschein umschmeichelte das Gemüt, es ging mir gut. Voll Tatendrang zog ich dahin. Das Ziel vor Augen, nach Policoro, nochmals 1000 Kilometer innerhalb von 10 Tagen zurückzulegen trieb mich voran. Trotz der schwierigen Strecke lag es noch im Bereich des Möglichen mich ein weiteres Mal in die ewige Bestenliste einzutragen, wo jene aufscheinen, denen dies bis dato gelang. Dementsprechend groß war die Versuchung das Tempo zu steigern um keine Zeit zu vergeuden. Doch die Vernunft siegte und so trabte ich im Economy-Tempo weiter um nicht vorzeitig Kraftreserven zu verbrauchen. Gut so, es gelang. Nach 9 Tagen, 23 Stunden und 17 Minuten zeigte der Bildschirm der offiziellen Zeitnehmung meinen 1000 Kilometer-Split an. Freude!
Das Schlafdefizit machte sich nach erreichtem Teilziel zunehmend bemerkbar. Bleierne Müdigkeit überkam mich nun häufiger. Die Augenlieder wurden schwerer, kündigten die Bereitschaft für eine längere Verschlusszeit an. Kein wünschenswerter Zustand, denn längere Schlafpausen wollte ich mir nicht gönnen. Also war es an der Zeit die gewohnte Dosis Kaffee zu erhöhen. Damit das Getränk aber auch die gewünschte Wirkung entfalten konnte, fügte ich dem an der Labestelle verfügbaren (sehr sparsam zubereiteten) Filterkaffee noch eine ordentliche Portion lösliches Kaffeepulver hinzu.
Ja, das gab Vorschub, die Augen blieben offen und weiter ging es im Ultra-Karussell. Aufmunternd wirkten aber auch die an mich gesendeten Motivations-SMS von meiner Familie, Freunden, Laufkollegen, Bekannten und das tägliche Telefongespräch mit meiner Frau Heidi. Schön, dass es Menschen gibt die einem Glück und Erfolg gönnen.
AUF UND AB
Weniger erfreulich gestaltete sich die Wetterprognose für die folgenden Tage. Starkregen und Wind wurde angesagt. Bewusst genoss ich die angenehme, noch verbleibende Zeit im Trockenen, blinzelte in die Sonne, versank in Tagträumen. Über die an unsere Laufstrecke angrenzende Landstraße rollten schwere Traktore mit großen Anhängern. Geerntete Weintrauben wurden zur Verarbeitung in die Betriebsstätten der Weingüter gebracht.
Der Weinbau hat im Süden des Gardasees lange Tradition. Riesige Anbaugebiete grenzen an unsere Sportstätte. In einem großen Gebäude des Weingutes, nördlich unseres Rundkurses, wurde in den Abendstunden lautstark ein traditionelles Weinfest gefeiert. Musiker beschallten weiträumig die Umgebung. Nicht alle unter uns fanden Gefallen daran. Ich schon, stimmte heiter beim Vernehmen der mir bekannten Lieder ein, trällerte zufrieden vor mich hin: "Volare...." Und weil es gerade so gut passte, nahm ich vor der Schlafpause noch einen Schluck Rotwein aus der Flasche meiner Erste Hilfe Box. Prost!
Endlich war auch der erdige Teil unserer Laufstrecke aufgetrocknet, da öffnete der Himmel seine Schleusen erneut. Vereinzelt fielen Regentropfen, als Vorboten der herannahenden Schlechtwetterfront, auf uns herab. Mehr und mehr wurde der Niederschlag auf der Wasseroberfläche der Schwimmbecken entlang unseres Kurses sichtbar. Stunden vergingen, der Regen blieb. Bald waren Wiesen und erdige Streckenabschnitte von der Nässe gesättigt und erneut verschlammt. Meine Schuhe besudelt, erdverkrustet, von Pfützen getränkt, die Füße aufgeweicht.
Tägliches eincremen mit Hirschtalg half, gänzlich vermeiden ließ sich das entstehen von Blasen und Schwellungen im Bereich meiner Zehen, durch das Einwirken der permanenten Feuchtigkeit, jedoch nicht. Der Druck am Vorfuß nahm zu, also wechselte ich auf gößere Schuhe mit breiter Zehenbox. Stunden vergingen, der Regen blieb uns weiter erhalten. Blasen an den Zehen platzten auf, neue entstanden, Schwellungen schmerzten. Bald wurden auch die größeren Schuhe zu eng. Also nahm ich ein scharfes Messer zur Hand und erweiterte, mit einigen Schnitten am Schuhoberteil, das Platzangebot. Derartige Eingriffe, an den Schuhen, erwiesen sich schon bei vergangenen Mehrtagesläufen als hilfreich. So zur Erleichterung auch diesmal. Doch kaum hatte ich das Rezept zur Behandlung des einen Problems erfolgreich angewendet, legte das Schicksal auch schon eine neue Überraschung für mich parat. Und ich trabte dem Unheil ahnungslos entgegen.
Schlaftrunken, unachtsam, ein Fehltritt und schon war das Malheur geschehen. Ein Ast, vom Gärtner der Anlage nach dem Heckenschnitt am Rande der Laufstrecke vor meinem Zelt zurückgelassen, wurde mir zum Verhängnis. Beim Loslaufen hängengeblieben, und schon stürzte ich über den Randstein hinweg auf den Asphalt der Laufstrecke. Benommen lag ich da, verwirrt, orientierungslos. Nur langsam tauchte das Bewusstsein aus dem Trüben. Mühsam erhob ich meinen gepeinigten Körper. Kaum auf den Beinen kamen Übelkeit und Schwindel, ließen mich wanken und schließlich wieder zu Boden gehen. Wie ein Wurm kroch ich zurück zur Wiese, schaffte es gerade noch im Liegen, in Seitenlage, meine Blase zu entleeren. Erleichterung, das wäre beinahe in die Hose gegangen. Weitere Versuche nochmals stabil auf die Beine zu kommen scheiterten. Kraftlos krabbelte ich ins Zelt und fand Erlösung in einem tiefen Schlaf. Harndrang weckte mich einige Zeit später mit ungutem Druck. Wegen des anhaltend vorhandenen Schwindels war mir aufrechtes Fortbewegen noch immer nicht möglich. Also griff ich mir in der Not einen leeren Wasserkanister und verwendete diesen als Nachttopf für das kleine Geschäft. Nach der Erleichterung dauerte es nur Augenblicke bis der Schlaf erneut das Bewusstsein überdeckte. Albträume schlängelten sich wie lästige Parasiten aus dem Unterbewusstsein - eine Sirene heulte unheilverkündend durch die Nacht. Zivilschutzalarm, allgemeine Unruhe. Angst. Aus einem Lautsprecher ertönte die Durchsage, dass unser Rennen aus Sicherheitsgründen, mit sofortiger Wirkung, abgebrochen sei. Verstört schreckte ich aus dem Traum, torkelte benommen, auf wackeligen Beinen, aus dem Zelt. Diesmal ohne Sturz. Da kam Andreas des Weges und erklärte mir, bezüglich meiner Fragen zur aktuellen Situation, dass inzwischen nichts außergewöhnliches geschehen sei. Noch immer gedanklich in den Fängen des Traumes trottete ich verunsichert zurück in mein Zelt, sank auf die Matratze und das Licht der Wahrnehmung ging abermals aus.
Tageslicht schimmerte bereits durch die Zeltplane als sich meine Augen wieder öffneten. Sinne erwachten, Gedanken bewegten sich im Klaren. 12 Stunden waren seit meinem Sturz vergangen, 12 Stunden Laufzeit gingen somit verloren. Ent-täuschung plagte. Was war zu tun? Das Rennen beenden? Abbruch? Nein! Nicht ohne einen letzten Versuch zu starten. Also raus auf die Strecke. Die ersten Schritte, langsam marschierend, fühlten sich nicht gut an. Hüfte und Knie schmerzten. Schwerfällig ging es mit bescheidenem Tempo dahin. Natürlich stellte sich dabei die Frage, ob es Sinn mache sich freiwillig derartig zu quälen. Doch der Versuch lohnte sich. Langsam wurde der Bewegungsablauf flüssiger, der Schritt schneller. Der Schwindel kam nicht wieder zurück. Das schürte die Motivation, trieb mich voran. Ich kam also weiter, zwar langsamer als vor dem Sturz, aber unentwegt. Geduld und Ausdauer wird früher oder später belohnt. Meistens später.
DIRT RUN - REGEN OHNE ENDE
Der Großteil der Strecke hatte sich in einen Tümpel verwandelt. Pfützen wuchsen zu großflächigen Lacken heran. Der Wiesenweg wurde zu einem Matschpfad.
Auf rutschigen Anstiegen half es mit kleineren Schritten weitere Stürze zu vermeiden. Regenschutz und Schirm schützten abermals vor Unterkühlung. Trotz der erschwerten Bedingungen bewegte ich mich im mentalen Hoch. Schmerzen in Hüfte und Knie hatten sich auf ein erträgliches Maß eingependelt, mein Kreislauf blieb stabil. Die homöopathischen Trop-fen, welche mir Walter Wegschaider - der hilfsbereite Betreuer und Partner von Xandi Meixner - verabreichte, trugen scheinbar dazu bei meinen Kreislauf in Schwung zu halten. Dankbarkeit und Freude erfüllten mich. Weniger Freude bereitete das Wetter. Mittlerweile triefte meine gesamte vorrätige Kleidung vor Nässe. Räumlichkeit um Wäsche zu trocknen war nicht vorhanden. Unter diesen Umständen ließ es sich nicht vermeiden, dass Feuchtigkeit bis in den Schlafsack kroch. Kein wünschenswerter Zustand, da der feuchte Stoff wertvolle Körper-wärme entzog. Also schlüpfte ich für meine kurzen Ruhepausen mitsamt Schlafsack in eine große Nylonhülle. Dampfsperre quasi. Das half die Körpertemperatur zu erhalten und dadurch, wenn schon nur kurze, dann wenigstens intensive Ruhepausen zu ermöglichen. Zielstrebig stellte ich mich den Problemen, die sich mir in den Weg legten, fand Lösungen, ließ mich nicht stoppen. Bis der Bildschirm der Zeitnehmung 1500 Kilometer hinter meinem Namen, als zurückgelegte Distanz anzeigte. Glücklich stand ich davor, fühlte mich unbeugsam und Andreas freute sich mit mir. Sehr schön!
Nur noch 110 Kilometer trennten mich von einem erfolgreichen Finish. Eine überschaubare Distanz im Anbetracht der bereits zurückgelegten Strecke. Doch mit dem Ziel vor dem geistigen Auge zogen sich die Kilometer in die Länge. Mein Zeitempfinden wechselte in den Zeitlupenmodus. Wie lahme, altersschwache Schnecken schlichen die finalen Stunden dahin. Wunschgedanken, welche vom ausgiebigen Ruhen handelten, ließen sich nur noch schwer ausblenden. Die Sehnsucht nach einem langen Erholungsschlaf wuchs. Bemühungen seltener auf die Uhr zu sehen, Zeitgedanken bestmöglich zu verdrängen und die Eindrücke entlang unserer Strecke nochmals aufzusaugen, wirkten. So geschah es mir leichter, während ich mich zum ersehnten Zieleinlauf bewegte. Nach 17 Tagen 18 Stunden und 28 Minuten war es endlich vollbracht. Geschafft! Ich hatte es geschafft! Mir standen Tränen in den Augen. Dankbar ließ ich mich von Gratulanten umarmen. Race Director Vincenzo verkündete meinen Sieg im 1000-Meilen-Bewerb, überreichte mir eine Trophäe für die erbrachte Leistung und bestückte mich mit einer rot-weiß-roten Fahne.
Marco unser Masseur und umsichtiger Betreuer beschallte mit einer leistungsstarken Soundanlage den Zielbereich mit der Bundeshymne meines Heimatlandes, während Andreas, mein bester Laufkamerad, das Geschehen filmte und fotografierte.....und ich genoss diese herrlichen Momente die mir als wertvoller Schatz in meinem Erinnerungsspeicher erhalten bleiben sollten.
FOTOS: Julian Schüller, Andreas Horvath, Andreas Michalitz, Christian Stolovitz