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Laufen und Reisen - Christian Stolovitz

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72h-Lauf Eisenstadt 2020

 

  • Es bedarf schon eines außergewöhnlichen Durchhaltevermögens 72 Stunden auf einer 400 Meter Bahn zu laufen. Aber gerade das macht den Reiz aus, mich dieser speziellen Herausforderung zu stellen. Der Lauf wurde als offizieller Wettkampf ausgeschrieben, die Zeitnehmung und Rundenzählung erfolgt mit GPS. Leider wurde die Teilnehmerzahl, wegen der Corona-Auflagen, sehr begrenzt und zuletzt war es dann einigen Ultraläufern aus den benachbarten Ländern, wegen zwischenzeitiger Grenzschließungen, nicht mehr möglich dabei zu sein. Wir aber lassen uns davon nicht beirren und starten trotzdem. Gut so, denn in wenigen Tagen sollte erneut ein Lockdown, im Kampf gegen die Corona-Pandemie, verordnet - und natürlich auch wieder die Sportstätten geschlossen werden.
Früh am Morgen, bei feuchtem, kühlen Herbstwetter starten mein Ultralaufkollege Martin Trimmel und ich auf der 400 Meter Bahn der Leichtathletikarena, mit lockerem Trab.
Nur nicht zu schnell, um unser Pulver nicht vorzeitig zu verschießen. Runde um Runde geht es in gleichmäßigem Tempo dahin, immer darauf bedacht auf der Ideallinie zu bleiben. Also innen auf Bahn 1, denn dort - 30 Zentimeter im Abstand zur Innenbegrenzungslinie - verläuft die Ideallinie, auf der die Bahn genau 400 Meter misst. Auf Bahn 2 läuft man pro Runde schon um 8 Meter weiter. Um die unterschiedlichen Bahnlängen auszugleichen, stehen die Athleten beim Kurz- und Mittelstreckenlauf fortlaufend versetzt am Start. Beim Ultralangstreckenlauf hat diese Startanordnung, aufgrund der langen Distanz, relativ wenig Bedeutung. Nach dem Start macht es allerdings schon Sinn auf der Innenbahn, also auf der Ideallinie, zu bleiben. Denn für das Ergebnis wird, wie auch bei den kürzeren Läufen auf der Bahn, die Strecke der zurückgelegten Runden und nicht die mit dem GPS gemessenen Kilometer gewertet.
Die ersten Stunden verfliegen. Familie, Freunde und Zaungäste verkürzen mit aufmunternden Zurufen die Zeit. Auf Abstand und sonstige Corona-Auflagen wird beruhigenderweise vorbildlich geachtet. Denn jetzt, wo die Corona-Infektionszahlen wieder ansteigen, ist ein sensibles Einhalten der aktuellen Auflagen angebracht um keine Probleme oder gar einen behördlich angeordneten Abbruch unseres Laufes zu riskieren.
Nach einem enttäuschenden 2020, mit vielen abgesagten Laufveranstaltungen, extremen Reiseeinschränkungen und Be-schneidungen der persönlichen Freiheit, wäre ein Abbruch meines letzten großen sportlichen Zieles für dieses Jahr schon ein mental schwer verdaulicher Brocken. Ein sehr schwer verdaulicher Brocken. Aber von solchen Gedanken, die wie Damoklesschwert über dem Mentalspeicher hängen, darf ich mich jetzt keinesfalls bremsen lassen. Tue ich auch nicht.
Nach 12 Stunden habe ich, wie geplant, 100 Kilometer in den Beinen. Nun wird die Laufrichtung gewechselt, um unsere Gelenke nicht einseitig zu belasten.  Trotzdem entwickelt sich zunehmend stechender Schmerz in meinem rechten Knie. Da kommt mir in den Sinn, dass dies auf mein für die weiche Kunststoffbahn eigentlich ungeeignetes, zu gut gedämpftes Schuhwerk zurückzuführen sein könnte. Sofort ist ein Wechsel auf härtere Laufschuhe angesagt. Dennoch bleibt der Schmerz, auch nach einer kurzen Schlafpause, noch stundenlang mein unerwünschter Begleiter. Erst als ein heller Schein im Osten den neuen Tag ankündigt beruhigt sich mein Laufwerkzeug. Nach starkem Zweifel, wie lange es mit dieser Blessur überhaupt noch weitergehen könne, kehrt Zuversicht und Freude an der Bewegung zurück.  
"Die große Herausforderung des Lebens liegt letztendlich darin, die Grenzen in dir selbst zu überwinden und so weit zu gehen wie du dir niemals hättest träumen lassen."  (Paul Gauguin)
Der zweite Tag beginnt vielversprechend. Heidi, meine hilfsbereite Frau versorgt mich mit frisch gekochten Kartoffeln und Nudeln. Angenehme Unterhaltungen mit Lauf-kollegen, sowie das Beobachten unseres Nachwuchslaufteams beim Training auf den angrenzenden Bahnen, lassen die Stunden schmelzen. 24 sind nun seit dem Start vergangen. Somit ist unser Benefizlauf für MOKI (Mobile Kinderkrankenpflege) vorüber. Martin Trimmels und meine gesammelten Laufkilometer bringen unsere Spendenkasse für MOKI hoffentlich kräftig zum klingeln. Motiviert läuft Martin noch 3 Stunden weiter. Mein Vorhaben ist es, wie angekündigt, noch 48 Stunden zu laufen und damit die österreichische Bestleistung im 72 Stundenlauf, in der Altersklasse M50+, einzustellen. Davon haben mittlerweile auch einige der Jugendlichen des Nachwuchslaufteams erfahren und so spendet mir die muntere Schar, mit offensichtlicher Begeisterung, Beifall. Währenddessen deutet mir Heidi kurz anzuhalten, da sie gefragt wurde ob ich denn Autogrammwünsche erfüllen würde. Obwohl mich das schon etwas überrascht, nehme ich mir dafür natürlich gerne etwas Zeit, denn mit einer Bewunderungsbekundung dieser Art verwöhnt zu werden bin ich nicht gewohnt, doch es umschmeichelt das Gemüt, spornt an und sorgt für Abwechslung.
Abwechslung tut gut. Denn das Laufen entlang der öden, blauen Bahn, kann dem Anspruch des Geistes auf Erlebnis nicht einmal ansatzweise genügen. Oft bemühe ich mich der Eintönigkeit zu entgehen, blicke über den Zaun des Leichtathletikstadions zu den bewaldeten
Hügeln des Leithagebirges, oder den ge-genüberliegenden Erhebungen des Öden-burger Gebirges, mit dem alles überra-genden Sendeturm von Sopron in Ungarn. Die Grenze zu Ungarn ist nah. Zur Zeit aber doch nur geographisch, ansonsten scheint unser Nachbarland aktuell leider wieder so fern wie damals, als wir noch vom eisernen Vorhang getrennt waren.
      Temporäre Grenzschließung sowie Einreisebeschränkungen, aufgrund von Corona-Bestimmungen, erschweren das Zusammenleben und bedrücken viele Menschen. Etwas schwermütig gleiten meine Gedanken zu unseren Freunden nach Ungarn, mit denen ich an diesem Wochenende eigentlich gemeinsam im Laufschritt unterwegs sein wollte. Tja, das Jahr 2020 hat bis dato von uns allen viel Anpassungsvermögen und eine ordentliche Portion Bereitschaft zum Verzicht gefordert. Trotzdem möchte ich mich gerade heute nicht beklagen, stehen mir hier doch meine Familie und einige Freunde aus der Umgebung treu zur Seite, umsorgen und begleiten mich bis spät in die Nacht. Was für ein Glück solche Menschen um sich zu haben.
Trugbilder
Die Temperatur sinkt von Stunde zu Stunde. Um Mitternacht steht das Quecksilber bereits unter der +10°C Marke. Nebelschleier ziehen heran. Die Luftfeuchtigkeit nimmt zu, die Lust am Laufen nicht. Meine Gehpausen werden häufiger. Mühsam schleppe ich mich im Zombie-Modus dahin, bin nur noch vom Wunsch beseelt zu schlafen. Selbst die kühle Luft und ein koffeinhaltiges Getränk erwecken meine Lebensgeister nicht von Neuem. Bleierne Müdigkeit befällt Geist und Körper. Durch die starke Ermüdung vermischt sich die Fantasie nur zu leicht mit der Realität und die Ränder der beiden beginnen folglich zu verschwimmen...... Plötzlich erscheint mir mein kleiner Ver-pflegungstisch, überraschend real, als seltsames Fahrzeug. Später huschen dunkle Schatten wie kleine Geister über die Laufbahn. Solche Trugbilder sind für mich nichts Neues, als Folge extremer Ermüdung, während langer Ultraläufe. Dies beunruhigt mich längst nicht mehr. Im Gegenteil, irgendwie üben diese sehr existent wirkenden Sinnestäuschungen sogar eine gewisse Faszination auf mich aus. Doch sind sie auch Anzeichen dafür dass es an der Zeit ist eine kurze Schlafpause einzulegen. Denn danach geht es wieder mit mehr Freude zur Sache, wodurch sich natürlich auch die Leistungsfähigkeit steigert. Na gut, also ab in die Kabine und Augen zu.
Kalt.....unbeschreiblich kalt ist mir, als ich etwa 1 Stunde später aus dem angenehm, warmen Schlafsack krieche. Zitternd ziehe ich noch 2 Jacken über die Laufbekleidung, welche ich zur Ruhezeit ohnehin nicht abgelegt habe. Die Verlockung zurück in den Schlafsack zu krabbeln, um dort in der Wärme zu bleiben, ist groß. Aber der Wille zu laufen, um mein mir selbst gestecktes Ziel zu erreichen, ist größer. Also los! Unrund, mechanischen Schrittes versuche ich sofort Tempo zu machen. Doch fühlt es sich an als wäre mein Körper, in der kurzen Ruhezeit, um Jahrzehnte gealtert. Wie der aus Geppettos Werkstätte entsprungene stakse ich dahin. Und so sinnbefreit, wie die Tat eines Holzkopfes, kommt mir mein momentanes Tun auch vor. Zum Glück ist eine meiner Stärken mich schnell zu erholen, und somit wird weiteren Sinnesfragen kein Raum gegeben. Bald ist der Körper warmgelaufen, hat quasi Betriebstemperatur erreicht. Muskulatur und Geist entspannen sich, Zuversicht kehrt zurück. Im Laufschritt geht es unentwegt dem Morgenlicht entgegen.
3.Tag
8:00 Uhr
48 Stunden sind seit dem Start vergangen. 673 Runden, also beinahe 270 Kilometer, habe ich in den vergangenen beiden Tagen auf dem blauen Oval zurückgelegt. Es läuft eigentlich wie geplant. Das gibt Hoffnung.
Der Wind schläft noch, meine Ultralauffreunde Martin, Andi und Michael nicht mehr, sie haben sich neuerlich an meine Seite gesellt. Sehr schön. Weniger schön ist die Wetterprognose für die folgenden Stunden. Feucht und kalt ist angesagt. Egal, da muss ich durch, wenn es auch anstrengend wird. Denn.......
"Es liegt nicht in der Natur des Menschen, sich an dem zu erfreuen, was wir ohne Anstrengung erhalten,"  (Sri Chinmoy)
Die Vorhersage des Wetterdienstes trifft diesmal leider zu. Schon bald ziehen dunkle Wolken heran. Der Wind erwacht. Nebel verhüllt das Leithagebirge. Es beginnt zu regnen.
Umgebungsgeräusche dringen nur noch gedämpft durch die feuchte Luft. Dem Anschein nach wird sich die Sonne heute nicht mehr zeigen. Aber trotz der Abwesenheit meines Lieblingsgestirns läuft es bei mir den ganzen Tag über sehr gut. Ohne eine nennenswerte Pause geht es dahin. Angehalten wird nur um mich der Endprodukte meines Stoffwechsels zu entledigen und bei einem kurzen Powernap Kraft zu tanken. Apropos. Langes Schlafen ist sowieso nicht das meine, dafür fehlt es mir an Veranlagung, an Talent. Also ehrlich gesagt bin ich diesbezüglich eigentlich gänzlich frei von Begabung. Die biphasischen und polyphasischen Schlafmuster, bei denen der Schlaf nicht in einem, sondern in Teilen genossen wird liegen mir mehr. Schon von Kindesbeinen an. Der mehrphasige Schlaf ist für mich intensiver und erholsamer als eine Ruhezeit in einem durchgehend. Mit dieser Veranlagung lässt sich die Schlafzeit aber auch leichter minimieren, und das ist bei einem mehrtägigen Ultralauf natürlich schon von Vorteil. Daher fällt es mir nicht allzu schwer, mit der für den 72 Stundenlauf geplanten Schlafzeit (max. 1,5 Stunden pro Tag) auszukommen. Länger zu ruhen wäre mir aber heute ohnehin nicht möglich. Zu sehr bin ich durch die permanente Bewegung aufgedreht, und zu stark darauf fixiert mein Ziel zu erreichen. Obwohl die eintönige Kulisse, um mich herum, genug Anlass geben würde einzuschlafen. Ja, ein langer Lauf auf einer 400 Meter Bahn ist an Monotonie nur noch auf dem Laufband oder in einem Hamsterrad zu übertreffen. Hier im Stadion gipfelt die Spannung schon beim Suchen des neuen Standpunktes, eines die Laufbahn querenden Käfers, von einer zur nächsten Runde.
Am späten Nachmittag verliert der Wind allmählich an Potenz und die Wolken haben sich endlich zur Gänze entleert. Heidi befüllt mir Thermoskannen mit Maisbrühe. Vorrat, damit der Magen auch zur nächtlichen Stunde Warmes zu verarbeiten bekommt, und dadurch bei Laune bleibt. Unentwegt tragen mich meine Beine durch das Stadion, in die Nacht. Eintönigkeit löscht jeden Zeitbegriff und die künstliche Beleuchtung nährt die seltsame Vorstellung der Zeit entglitten zu sein.
Der lange Lauf auf der Bahn fordert aber nicht nur die mentale Stärke des Läufers, mehr als das bei einem Straßen- oder Traillauf der Fall ist, auch dem Schuhwerk geht es ordentlich an die Substanz. Denn, obwohl der relativ weiche Bodenbelag der Bahn (wie schon zuvor erwähnt) dämpfend wirkt, also gelenkschonenderes Laufen als auf Asphalt ermöglicht, ist die Oberfläche rau, wie jene eines groben Schleifmittels. Dadurch macht sich an meinem Schuhsohlen ein wesentlich größerer Verschleiß, als ich das bei vergleichbaren Einsätzen auf Böden mit anderen Beschaffenheiten gewohnt bin, bemerkbar. In Zukunft wird die 400 Meter Bahn wohl nicht zu meinen bevorzugten Revieren gehören, da bewege ich mich schon lieber im Wald, auf Feldwegen oder auf grauem hässlichen Asphalt. Jetzt aber genieße ich die letzten Stunden hier auf dieser blauen Schleife, in der Gewissheit dass das Ziel nahe und erreichbar ist. 

2:30 Uhr - Sportfreund Michl erkundigt sich nach meinem Befinden. Glücklicherweise ist mir gerade nicht nach Jammern zumute, das habe ich schon zuvor mit mir selbst erledigt. Es gibt also Raum für eine gute Unterhaltung, während Michl mich begleitet. Unsere Seelenverwandtschaft ist die Basis für einen gute Draht zueinander, ermög-licht einen Austausch der mich pusht. Gedanken über Müdigkeit und Erschöpfung verschwinden. Es geht voran, der Morgendämmerung entgegen. Die Tageszeit in der mein Biorhythmus im muntersten Takt schwingt zieht ins Land. Es geht mir gut. Der Aufwind meines Gemüts trägt mich durch die frühen Stunden. Dann, endlich Tageslicht, wenn auch nur durch die Wolkendecke gedimmt wahrnehmbar. Umso heller strahlen mir die Gesichter meiner mittlerweile eingetrudelten Vereinskolleginnen entgegen. Welch eine Freude das letzte Stück von der fidelen Gruppe begleitet zu werden.

Endlich, 910 Runden sind geschafft, 364 Kilometer liegen hinter mir. Die nationale Bestleistung in der Wertung 72 Stundenlauf - Altersklasse M50+ geht auf mein Konto. Zufrieden lustwandle ich mit meiner kleinen Gruppe noch 2 weitere Runden durch das Stadion. Danach ist aber Schluss, obwohl noch Zeit wäre, es reicht für heute. Josef und Michael, die Sektionsleiter unseres Vereins, gratulieren mir zur erbrachten Leistung. Den beiden, aber natürlich auch allen anderen, welche ihre Zeit und Energie bei dieser Unternehmung für mich aufgewendet haben, bin ich dankbar. Besonders meiner Familie, durch deren Beistand mir einiges erleichtert wurde. Es ist schön solche Menschen um sich zu haben.  

Das GPS zeigt nach 72 Stunden um 1,6 Kilometer mehr an als die von mir zurückgelegten Runden in Summe ergeben. Das liegt daran, dass ich mich ja nicht ständig auf der Ideallinie der Innenbahn fortbewegt habe und die zusätzlichen Meter zum Lokus dem GPS natürlich auch nicht entgangen sind.  

Kaum zum Stillstand gekommen werden auch schon Pläne für die Zukunft geschmiedet. Mehrtagesläufen möchte ich mich in nächster Zeit noch intensiver widmen. Weil es nicht darum gehen soll so schnell wie möglich anzukommen, sondern möglichst lange durchzuhalten. Ja, Ultralangstreckenlauf ist eng mit der Lebenseinstellung verbunden.

Text: Christian Stolovitz          Foto: Heidi und Nastassja Stolovitz

 

 

 

Walter Horvath - mein zuverlässiger Be-treuer, Begleiter und Freund ist auch selbst schon seit Jahrzehnten leidenschaftlicher Ausdauersportler
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