48 Stundenläufe faszinieren mich. Weil sie so richtig fordern. Ja, sie fordern mehr als andere Ultralaufdistanzen. Ist man anderswo schon längst im Ziel, geht es beim 48er erst so richtig los. Dauerbelastung und Schlafentzug nagen beim 2-Tageslauf an der Motivation. Ein zäher Brocken Last den es zu verdauen gilt. Es gehört schon eine tiefe Verbundenheit zum Laufsport, sich bei Erschöpfung nicht dem Verlangen nach Ruhe hinzugeben und trotzdem weiterzumachen. Doch es zahlt sich aus durchzubeißen. Genau das ist es nämlich, was hinterher Hochstimmung schafft. (Vor Nachahmung sei allerdings gewarnt, da nach mehrmaliger Wiederholung eines solchen Aktes, der Ultralangstreckenlauf die Lebens-einstellung beeinflussen kann und Nebenwirkungen, wie Zufriedenheit, innere Ruhe und die Infragestellung materieller Werte nicht aus-zuschließen sind).
Verständlicherweise ist die Schar der Wiederholungstäter, welche sich einer solchen Herausforderung stellen, überschaubar. Nur wenige Menschen muten so etwas mehrmals ihrem Geist und Körper zu. Wir, die es tun, kennen uns also untereinander. Wir haben uns konsequent einer extremen, zeitaufwendigen Sache verschrieben. Das verbindet. Gelegentlich trifft man sich bei (den nicht dicht gesäten) Ultraläufen, manchmal in fernen Länder oder gar auf anderen Kontinenten. Groß ist dann die Freude vertraute Gesichter zu sehen. Gut das Gefühl auf Verständnis zu stoßen. Denn Verständnis ist das, was uns für unsere extreme Laufleidenschaft von vielen Mitmenschen im Alltag oft nicht entgegen gebracht wird. Ja, wer von uns Ultraläufern kennt sie nicht, die ungläubigen Blicke und fassungslosen Reaktionen manch ahnungsloser Zeitgenossen, wenn man ihre Fragen - bezüglich seiner üblichen Laufgewohnheiten - wahrheitsgemäß beantwortet. Schnell wird man als Spinner oder Fantast eingeschätzt und ebenso schnell ignoriert. Egal, was solls, die Distanzen welche wir Ultraläufer zurücklegen sind eben für manche Couch-Athleten schwer oder gar nicht nach-vollziehbar.
Einer der wenigen 48 Stundenläufe Europas wird erfreulicherweise in Gols, nahe meines Wohnortes, ausgetragen. Heimspiel quasi. Und wie es ein Heimspiel nun mal mit sich bringt, breitet sich ein wenig Nervosität in mir aus, als ich am Start stehe. Sind doch Erwartungen meiner Zaungäste in mich gesteckt und das untätige Warten ist schwieriger zu ertragen als das Tun. Umso besser ist das Gefühl sich nach dem Startsignal in Bewegung zu setzen. Die Spannung fällt ab, endlich geschieht etwas, endlich geschieht das worauf ich Monate hingearbeitet habe. Endlich gibt es das zu tun was mich erfüllt - Laufen.
Leichtfüssig geht es durch die ersten Stunden. Die Sinne sind noch scharf, es macht Freude hier zu sein. Vorsicht ist nun geboten, den Euphorie verleiht Flügel. Nur nicht zu schnell werden, nur nicht unnötig, vorzeitig Kraft verschwenden. Den ersten Marathon des Tages sollte man kaum spüren, dann wurde das Anfangstempo richtig gewählt.
Jetzt heißt es mit dosiertem Tempo den Lauf bewusst genießen, denn Leichtfüßigkeit und Laufspass sind in späteren Stunden vergänglich. An diesbezüglichen Erfahrungen mangelt es mir nicht, und trotzdem geschieht es nicht leicht mein Tempo zu drosseln. Hier in Gols fühlt man sich nämlich wohl, hier ist man von Laufenthusiasten umgeben, hier beflügelt die Begeisterung des Veranstalters, hier besteht die Gefahr zu sehr mitgerissen zu werden.
Doch die Vernunft bleibt Sieger und ich komme unverbraucht durch den warmen Tag, in die längst ersehnte Nacht. Zwischendurch drücke ich mir Power-Gels in den Verdauungstrakt, danach Brötchen, Riegel, Salzgebäck und was sonst noch alles bei der gut bestückten Labestelle zur Verfügung steht. Wahllos, unbedacht auf Gusto und Geschmack. Gierig, gleich einem hungrigen Tier. Leistungsfressen hält den Körper bei Lauflaune.
Durch die zweite Hälfte der Nacht steuere ich wie gewohnt in mentalem Höhenflug. Mit gesteigerter Wahrnehmung und intensiverem Zeiterleben laufe ich dem jungen Tag entgegen. Vogelgezwitscher vertont das Schauspiel der Morgendämmerung - meiner liebsten Tageszeit. Flachen Schrittes, darauf bedacht auf Vor- oder Mittelfuß zu landen, geht es voran. Langstreckenlauf im Gelenkschonmodus ist angesagt. Wirkt optisch zwar nicht so elegant wie man sich schnelleren Schrittes auf Kurz- oder Mittelstrecken bewegt, doch mit Eleganz kommt man beim Ultralauf nicht sehr weit und die Choreografie wird dabei zum Glück ja nicht bewertet.
Geografisch gesehen kommen wir hier in Gols so oder so nicht weit, auf unserem 1Km Rundkurs. Schritte, Runden und Kilometer summieren sich, der Ort bleibt der Gleiche. Das hat allerdings den Vorteil ständig in guter Gesellschaft zu sein, im Gegensatz zu manch überstandenem Abenteuerlauf, wo mir viele Stunden kein Mensch begegnete. So auch geschehen beim "Yukon Arctic Ultra" in Kanada. Einsam und mit vor Übermüdung benebeltem Geist zog ich halluzinierend durch die Wildnis. Heute gibt es derweilen noch keine Anzeichen derartiger Bewusstseinsstörungen. So soll es bleiben. Daher Boxenstopp, Füße hochgelagert,
Powernap, Schuhwerk durch größeres ersetzt - weiter geht's.
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Besuch
"Opa" - rufen mir überraschend zwei vertraute Mädchenstimmen herzerwärmend zu. Aus den Mündern meiner Enkelkinder wirkt dieses Wort wie Sonnenstrahlen auf mein Gemüt. Zärtlich, bemüht mich nicht unsanft zu geben - werde ich ja von beiden (meines Bartes wegen) liebevoll "Stachelopa" genannt - beginnen wir unser Begrüßungsritual. Gleich fordern mich die Mädels zu einem Wettrennen. Zu einen von ihnen gewählten Punkt, den sie natürlich vor mir erreichen, um in der nächsten Runde aufs Neue gegen mich anzutreten. Meine Frau und unsere Tochter wohnen dem Ganzen sichtlich amüsiert bei. Alles ist gut. So könnte es bleiben. Tut es aber nicht.
Kilometerfressen
Längst haben meine Prinzessinen den Heimweg angetreten, als sich in meinem Bewegungsapparat Probleme ankündigen. 200 Kilometer in den Beinen spürt man eben. An manchen Tagen mehr und an anderen weniger. Heute mehr. Mal quält ein Ziehen in einem Muskel, dann ein Stechen in einem Gelenk. Einige Schmerzen vergehen, einige sind gekommen um zu bleiben. Sie zu ertragen läßt selbst auf einem 1Kilometer - Rundkurs keine Langeweile aufkommen. Gute Gespräche mit Leidensgenossen wirken schmerzlindernd, der positive Zuspruch unserer Betreuer, an der Labestelle, stärkt das Durchhaltevermögen. Selbstschonung ist keine Option.
Vor dem Gasthaus im Park, gleich neben unserer Laufstrecke, wird geheiratet. Feierlichkeiten unter freiem Himmel, Folkloretanzvorführung, Fotoshooting, zur späteren Stunde - Feuerwerk. Für die Dauer der pyrotechnischen Einlage wird unser Lauf, nach behördlicher Auflage - aus Sicherheitsgründen, unterbrochen. Egal, um die uns dadurch verloren gegangenen Minuten wird das Rennen im Anschluss verlängert. Hier in Gols kommt man nie zu kurz. Gols bleibt nichts schuldig.
Mit Oliver aus Deutschland funktioniert der Gedankenaustausch prächtig. Gemeinsam traben wir plaudernd, im Wohlfühltempo dahin. Mal wird geredet, mal geschwiegen. Peinliche Pausen gibt es nicht, es darf gelegentlich auch Stille herrschen. Das gehört dazu. Ultraläufer sind die Stille gewohnt. Oliver und ich kennen uns kaum und doch kommt es mir vor als hätten wir schon in einem vergangenen Leben eine gemeinsame Schlacht geschlagen. Ultralauf verbindet. Ultralauf ist mehr als sich unentwegt zu bewegen, es ist eine Lebenseinstellung, eine Daseinsform die eint. Und obwohl sich nach dem Zielsignal die Augenlider nur noch mit Mühe offen halten lassen, verbringen wir gemeinsam noch unterhaltsame Stunden. Schnell sind die Schmerzen vergessen, gleich werden neue Pläne geschmiedet. Eine Aura der Zufriedenheit umgibt uns exzentrischen Haufen. Nun ist alles gut.
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48h Lauf Balatonfüred
Ungarn hat sich zur Top-Ultralaufnation gemausert. In den Ranglisten der härtesten und längsten Laufveranstaltungen sind unsere Nachbarn weltweit immer öfter im Spitzenfeld vertreten. Aber auch die Ultralauf-Veranstaltungen in ihrem eigenen Land werden zahlreicher und professioneller. Mir ist das sehr recht, denn unser Wohnort liegt nur wenige Kilometer von der ungarischen Grenze entfernt, das erspart mir eine weite Anreise. Somit folgte ich der Einladung des Organisators vom Ultra-Marathon-Balatonfüred natürlich gerne.......
Bei strahlendem Sonnenschein treffen mein Betreuer Andreas und ich in Balatonfüred, am malerischen Plattensee, ein. Der Empfang des Organisators Mate Baranyai gestaltet sich herzlich, seine Freude darüber dass ich seiner Einladung gefolgt bin ist augenscheinlich - liegt unsere letzte Begegnung ja doch schon einige Monate zurück. Es war in Athen wo Mate sich, ebenso wie ich, durch den 48 Stundenlauf gekämpft hatte. Hier sehen wir uns nun wieder, seltsam wie klein einem die Welt in solch einer Situation erscheint.
Während wir unser Zeltlager errichten, erscheinen im Start-Ziel Bereich - der das Zentrum der Laufstrecke ausmacht - nach und nach Athleten. Etwa 250 Teilnehmer sind für die ausgeschriebenen 6 Bewerbe gemeldet. Die mir selbst gestellte Aufgabe beginnt mit dem Startsignal zum 48 Stundenlauf, dem längsten Bewerb dieses Ultramarathon-Festivals.
Vor dem Start befällt uns Läufer (wie immer) eine gewisse Unruhe, dann - wenn es losgeht - kehrt innere Ruhe ein. Erlösung. Gedrosselt starte ich in das Rennen. Meine durch eine Erkältung angeschlagenen Bronchien lassen nur ein gemäßigtes Lauftempo zu. Macht nichts, man hat ja ausreichend Zeit.
Entlang Balatonfüreds Strandpromenade führt der 2 Km-Rundkurs, der für die folgenden beiden Tage unser schönes aber doch sehr eingegrenztes Aktionsfeld sein wird. Vorbei am Strandbad, hin zum einladenden Gastgarten des Promenadencafes, zur Wende bei der Parkallee nahe des Jachthafens.
Schöne Eindrücke, wo einem - noch in aller Frische - alles in harmonischem Licht erscheint. Auch Andreas - mein Betreuer - ist in seinem Element. Konzentriert äugt er durch den Sucher der Fotokamera, knipst sich durch den Tag, lebt auf. Gut so.
Unentwegt,
ohne nennenswerte Unterbrechung trabe ich die ersten 24 Stunden durch, der 170 Km - Marke entgegen. Um mein Pulver nicht vorzeitig zu verschießen ist es nun an der Zeit eine kurze Schlafpause einzulegen. Jedoch für derlei Bedürfnisse hegt der Platzsprecher nicht das geringste Verständnis, er beschallt die Gegend unermüdlich aus vollem Halse. Meine Erholungsversuche scheitern. Ruhe zu finden ist bei diesem Lärm unmöglich. Gar meine Ohrstöpsel durchdringt der Schall der lautstarken Kommentare des stimmgewaltigen Redners. Gerne würde ich ihn knebeln und fesseln, kehre aber - aus verständlichen Gründen - unverrichteter Dinge, von meiner Liegestätte zur Laufstrecke zurück und trabe weiter. Was bleibt mir anderes übrig?
Kraftlos schleiche ich dahin, ziehe nur noch aus der Tatsache Mut, dass andere auch noch laufen. Der Kampf gegen herabfallende Augenlider hat begonnen. Müdigkeit und das, durch die Erkältung, eingeschränkte Atemvolumen zehren zunehmend an Leistungsfähigkeit und Motivation. Aufgeben wird zur Option. In der 30. Stunde sind alle Vorsätze und gesteckten Ziele begraben. Desillusioniert krieche ich in mein Auto, lager die Füße hoch und schlafe ein. Tief und fest, wie nie zuvor bei einem 2-Tageslauf.
Der Morgen macht den Tag. Nach einer Handvoll Stunden Schlaf ist Resignation wie durch ein Wunder kein Thema mehr. Ein Gedankenmosaik aus Motivationsgründen, zur Fortsetzung des Laufes, hat sich gebildet. Wodurch? Das bleibt Gottes Ge-heimnis...... Mit Tatendrang kehre ich zurück ins Geschehen. Erst noch ein wenig benommen, doch schon bald erwachen die Sinne und der Laufspaß kehrt zurück. Nun geht es voran. Stunde für Stunde, mit frischer Lust, wie von Duracell gespeist, bis das Zielsignal erklingt. 266 Kilometer steht zuletzt auf dem Bildschirm der Zeitnehmung hinter meinem Namen. Das bedeutet den 7. Gesamtrang und den 1. Rang in der Altersklasse M50. Es ist nun mein 3. Altersklassensieg in diesem Jahr, nach den 48-Stundenläufen von Athen und Gols. Na ja, und wenn auch nicht alles nach Wunsch verlaufen ist, unzufrieden sollte ich mit solch einem Ergebnis wirklich nicht sein, wo es doch schlimmere Alterserscheinungen gibt.