In Athen zu laufen ist immer etwas besonderes. Wenn hier auch dichter Straßenverkehr und Smog die Lebensqualität beeinträchtigen, so ist trotzdem noch der Geist einer Jahrtausende alten Laufkultur vorhanden und lebt in Veranstaltungen wie "Athens Ultramarathon Festival" weiter.
Auch heuer sind auf dem geschichtsträchtigen Boden des Olympiaparks mehr als 100 Läufer zusammengetroffen um ihre Ausdauer in 6 Bewerben zu messen. Am Start des 48 Stundenlaufes stehen Athleten aus 17 Nationen, darunter auch ich. Leider erfolgt dieser Start erst abends um 18:00 Uhr und nicht wie üblich vormittags. In die Nacht zu starten bedeutet für mich, nach einem schlaflosen Tag und einer kurzen Nacht davor (im ständig beschallten Schlafsaal am Wettkampfgelände) schon zu Beginn Schlafdefizit zu fühlen.
Bemüht keine negativen Gedanken daran zu verschwenden, finde ich bald ein langsames, der Distanz angepasstes Tempo. Konstant geht es guter Dinge, wie immer in den ersten Stunden eines Wettkampfes, auf dem 1 Km-Rundkurs dahin. Durch die Olympiahalle, dem Start / Zielbereich unseres Laufes,
hinaus zum Parkgelände - umgeben von den vom Mond und den Lichtern der Stadt beschienen Hügeln Athens.
Nach Mitternacht stehen, auf dem Bildschirm der Wertungsanzeige, bereits mehr als 60 Km hinter meinem Namen. Alles läuft planmäßig....... Doch auch das Schicksal hat seinen Lauf und so komme ich (wie auch zwei weitere Läufer) an ungesicherter Stelle, über ein aus dem Straßenbelag ragendes Metallstück zu Sturz. Schürfwunden an den Händen sowie Schmerzen am rechten Knie und an der Hüfte erschweren die Fortsetzung des Rennens nach der Wundversorgung.
Mit einer ordentlichen Portion Überwindung trabe ich durch die Nacht, dem Morgen entgegen, während das Quecksilber beinahe bis zum Gefrierpunkt fällt. Langsam reduzieren sich die Schmerzen an meinen angeschlagenen Körperteilen auf ein erträgliches Maß. Ohne Zutun - dies sei erwähnt, da ich das Einnehmen von Schmerzmittel, um meiner Gesundheit nicht zu schaden, grundsätzlich vermeide. Zur Krisenbewältigung wende ich, in schweren Stunden, ausschließlich meinen MP3-Player als akustisches Hilfsmittel an. Für jemanden wie mich, der im Normalfall beim Laufen zumeist in sich hinein und seltener Musik hört, kann dies eine hilfreiche, wirksame Methode sein den Schmerz zu vergessen. So geschieht mir auch jetzt. Mitreißend hämmern AC/DC und Co. im Takt meiner Schritte. Gut so, Risiken und unerwünschte Nebenwirkungen sind ja in diesem Fall (bei gemäßigter Lautstärke) auszu-schließen.
Tagsüber steigt die Temperatur auf 15°C, böiger Wind und hohe Luft-feuchtigkeit rauben Energie.
Doch der Wille das angepeilte Ziel zu erreichen bleibt ungebrochen. Gespräche mit anderen Teilnehmern halten das Stimmungsbarometer hoch. Man tickt eben auf dem gleichen Level und es tut immer wieder gut sich mit Seelenverwandten auszutauschen. Obwohl Ultraläufer häufig alleine, nur mit sich, also als Einzelgänger unterwegs sind, habe ich mit solchen ironischer Weise einige der beständigsten, engsten Freundschaften geschlossen. Mit jenen welche sich der gleichen Lebenseinstellung verschrieben haben kann man scheinbar am ehesten enge Verbindungen knüpfen.
Halbzeit - 24 Stunden sind vorüber. Erfreulicherweise machen sich keinerlei Probleme im Rückenbereich bemerkbar. Der Rücken hatte sich in den letzten Jahren zu meiner Achillesferse entwickelt. Längere Distanzen ganz ohne Rückenschmerzen zu laufen war unmöglich geworden. Gepeinigt und in der Bewegung stark eingeschränkt, war ich gar gezwungen mir wichtige Läufe vorzeitig zu beenden. Nun ist aber alles gut. Der Top-Physiotherapeutin Angelika Huemer-Toff habe ich dafür zu danken. Sie hat mir mit Anleitungen und Ratschlägen geholfen dieses Problem zu beseitigen, die Bremse zu lösen. Zum aktuellen Zeitpunkt, mit 160 Kilometern in den Beinen, bremst mich anderes - Müdigkeit. Das Tempo schwindet, die Wahrnehmung ist getrübt - Zeit für eine Schlafpause.
Einigermaßen erholt geht es 3 Stunden später weiter. Während der Ruhezeit rutschte ich in der Wertung ins Mittelfeld ab. Welch ein Ansporn Tempo zu machen! Ohne Rücksicht auf Befindlichkeiten treibe ich meine ramponierten Knochen voran. Trabe Stunde um Stunde durch die Nacht. Meine für die zweite Hälfte des Rennens gewählten, normalerweise um 2 Nummern zu großen Laufschuhe sind nun zu klein. An den Druckstellen peinigen schon heftig brennende Blasen. Kurzes Hochlagern der Extremitäten bringt ein wenig Linderung, das aber nur kurzfristig. Wie auch immer, schmerzfrei läuft nach 200 zurückgelegten Kilometern sowieso niemand. Am frühen Morgen reiht sich mein Name im Ranking wieder in den Top-Ten. Freude darüber und die ersten Sonnenstrahlen des Tages erwärmen das Gemüt.
Andreas Horvath, mein aufmerksamer Betreuer versorgt mich mit selbstgemixtem Maltodextrin-Honig Getränk, alkoholfreiem Bier und Cola. Die offizielle Verpflegungsstelle kredenzt uns Nudelgerichte. Der Energienachschub funktioniert. Das Wetter allerdings, der Prognose nach, zu unserem Glück nicht - der angekündigte Regen bleibt aus. Trotzdem sind die Stunden nach so vielen Kilometern so richtig hart - filterlos quasi. Mir selbst geht es den Umständen entsprechend schon noch relativ gut, im Gegensatz zu einigen Laufkollegen. Einer humpelt mit arg schmerzverzehrter Mine weg vom Laufgeschehen und wurde da nicht mehr gesehen, ein anderer entleert seinen Magen ins Gebüsch am Wegesrand, während starre Blicke aus müden Gesichtern an ihm vorüberziehen. Die noch im Rennen verbliebenen trotten wortkarg dahin. Ausschließlich der Bildschirm mit der Anzeige des Rankings weckt noch Interesse. Noch ist nichts entschieden! Noch einmal gilt es über den eigenen Schatten zu springen. Noch einmal werden Kraftreserven mobilisiert, Pausen vermieden - obwohl Körper und Geist schon dringend Ruhe bräuchten. Ja, es gibt angenehmere, kurzweiligere Laufstunden als die Finalen eines 48ers.
Endlich ertönt das erlösende Schlusssignal und ich stehe nach 272 gelaufenen Kilometern als Sieger in der Altersklasse (M50 Jahre+) und mit dem 8. Gesamtrang im Ziel. Unbeschreiblich gut fühlt es sich an, nach den für mich nicht gerade günstigen Umständen vor und während des Laufes, doch noch erfolgreich angekommen zu sein. Sich selbst zu überwinden ist zweifellos der schönste Sieg.
Christian Stolovitz 2019
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ULTRA RUNNING COMPETITION KECSKEMET 11.2018
60,6 Km - 6 Std. - Rang 8 - AK Rang 2
In Zentralungarn ging der Sommer heuer in die Verlängerung. Außergewöhnlich trockenes, warmes Wetter ließ mitten im Herbst Sommerlaune anstatt Novemberstimmung aufkommen. Bedenken darüber dass ich meiner Höchstform aufgrund lästiger Rückenprobleme schon seit Monaten hinerherhinkte wurden vom Sonnenschein ausgeblendet. Guter Dinge stand ich in einer Schar Ultraläufer am Start des 6 Stundenlauf Wettbewerbes im Stadtpark der ungarischen Sportmetropole Kecskemet.
Pünktlich um 10:00 Uhr ging es los. Die Laufstrecke, ein Rundkurs mit einer Länge von 1002 Meter, führte durch bewaldetes Gebiet zur Uferpromenade eines kleinen Sees. Gleich danach ging es zwischen Sommerrodelbahn und Fußballplatz zurück zum Start/Zielbereich, wo sich auch gleich die Verpflegungsstelle befand. Der Distanz entsprechend lief ich zügig Runde um Runde motiviert dahin. Alles war gut. Bis zu Kilometer 23, dort wurde mir eine der zahllosen Unebenheiten des Weges zum Verhängnis. Sturz. Ungebremst prallte mein Körper mit Wucht auf den Asphalt.
Mühsam ging es mit einigen Blessuren weiter. Hüfte und Knie schmerzten.
Gnädigerweise verzog sich inzwischen die Sonne hinter einer Wolkendecke und das Quecksilber bremste sich ein. Hilfe von oben, das stimmte zuversichtlich. Langsamer als vor dem Unfall ging es nun voran. Zweifel, die angeschlagenen Körperteile könnten mit Totalstreik auf weitere Belastung reagieren verdunsteten in der angenehmen Atmosphäre dieser gut organisierten Laufveranstaltung. Doch kostete es in den letzten beiden Stunden zunehmend Überwindung mich nicht dem Verlangen hinzugeben, Gehpausen einzulegen oder gar zu stoppen. Wenngleich ich es nicht wahrhaben wollte, die Folgen des Sturzes zehrten an der Substanz, drosselten das Tempo.
Ziele braucht der Mensch um einer Sache Sinn zu geben. Meines wurde nun dieses Ergebniskosmetik zu betreiben, eine schöne, runde Kilometerzahl zur vollen Stunde zu erreichen. Mühevoll war es, aber es gelang. Nach 6 Stunden Laufzeit und einer zurückgelegten Strecke von 60,6 Kilometer endete für mich das Rennen mit dem 8. Gesamtrang und den 2. Rang in der Altersklasse.
Das Ergebnis stellte mich in Anbetracht der Umstände zufrieden. Hüfte und Knie heilten nach relativ kurzer Zeit und die lästigen Rückenprobleme verschwanden beim Sturz auf wundersame Weise. Das Schicksal spielt manchmal seltsame Spiele.
Hi Junge, guter Bericht von deinem Ultra-Athen Lauf :-). Ich musste schmunzeln, denke wie Du, Musik im Laufsport geht bei mir nicht :-).<br />
LG Ignatios
Danke Ignatios, freue mich schon darauf, ein Lauf in Athen ist immer etwas ganz besonderes. Mein Rücken ist bereits wieder belastbar, Training läuft gut. Dir wünsche ich gute Besserung, halte durch alter Kämpfer. LG Christian