"Keinen Bissen bringe ich mehr runter, der Magen verweigert seinen Dienst, will nichts mehr aufnehmen. Mir ist übel, mein Kreislauf spielt verrückt. Kreislauf - gleichzeitig bezeichnend für mein Tun und Befinden. Alles dreht sich. Selbst die Füße, die zuverlässigsten meiner Werkzeuge, drohen mit Streik. Der Kopf will nicht mehr die Kraft aufbringen den Körper zu zwingen weiterzumachen. Die Frage nach dem Sinn diese Tortur fortzusetzen stellt sich. Bin physisch und psychisch leer, total ausgepumpt......."
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Irgendwie schaffte ich es dann doch mich weiter zu quälen. Nur noch dieses eine Mal, versprach ich mir, um das Angefangene fertig zu bringen, den Neurotiker in mir zu befriedigen. Und ich brachte es zu Ende. Gut ist mir dieses, von einem meiner vergangenen Extremläufe, noch in Erinnerung. Nur noch diese eine Mal, hatte ich mir versprochen........
Im Unterbewusstsein verborgen, wie unter buntem welkem Laub keimte jedoch die Lust auf derartige Extremtouren trotzdem weiter. Laufen blieb auch nach diesem Erlebnis der Taktgeber für den Rhythmus meines Lebens. Als mir dann überraschend die Nominierung für die "6 Day Ultramarathon World Trophy" ins Haus flatterte, wusste ich was zu tun war. Es war wieder an der Zeit tief in mich selbst zu reisen.
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6 DAY ULTRAMARATHON WORLD TROPHY
Balatonfüred - Ungarn
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Der 6 Tageslauf ist schon eine sehr spezielle Disziplin des Ultramarathon. Das Rezept dabei erfolgreich zu sein ist so simpel wie hart, nämlich 6 Tage lang auf einem 900 Meter Rundkurs möglichst viele Kilometer zu Laufen und möglichst wenig zu Schlafen. Ein Ultralauf auf der verhältnismäßigen Fläche einer Briefmarke, entzieht sich jedem Vergleich mit einem der abenteuerlichen Trailläufe in der Wüste, der Arktis oder am Himalaya. Auf dem Rundkurs des 6 Tageslaufes reduziert sich die Problematik des Lebens auf eine überschaubare Einfachheit. Aber gerade deshalb hat diese Disziplin für mich einen ganz besonderen Reiz.
Zweifellos stellt dieser Wettkampf im Herzen Ungarns, am malerischen Balaton-See, alles bisher dagewesene dieser Art, an Größe und Leistungsdichte in seinen Schatten. Gemeinsam mit 77 Läuferinnen und Läufern, aller Kontinente, stehe ich am Start. Die meisten davon, so auch ich, wurden aufgrund bereits erbrachter Leistungen nominiert. Viele vertraute Gesichter sind darunter, man kennt sich, ist Wiederholungstäter, ist seelenverwandt. "The Final Countdown" - tönt es aus den Lautsprechern, während wir fachsimpeln. Von der Zuschauerseite kommen motivierende Worte meiner Frauen. Alle vier sind sie diesmal mit mir angereist. Die Kleinste, noch mit Schnuller und Windel, ruft mit Begeisterung....Opa. Mir wird warm ums Herz.
12:00 Uhr, es geht los. Langsam setzt sich die Menge in Bewegung. Man hat Zeit. Die ersten Stunden gehören zu den genussvollsten. Noch bin ich frisch, ausgeruht, noch zehrt die hohe Lufttemperatur - das pannonische Klima, nicht an meiner Substanz. Das Team des Veranstalters scheut keine Mühe uns das Laufen so angenehm wie möglich zu machen. Mal werden wir mit Eiswürfeln, zur Kühlung überhitzter Körperstellen verwöhnt, dann wieder mit Speiseeis und an der Labestelle bleiben ohnehin keine Wünsche offen. Zudem werden von den sehr umsichtigen Betreuern alle 6 Stunden frisch gekochte Speisen serviert, stets auf 2 Arten, eine davon vegan. Ein "All inclusive" Laufurlaub also, was will man mehr. Na ja, ein paar Wolken am Himmel wären noch wünschenswert. Aber sogar die ziehen am späten Nachmittag wie bestellt heran. Wind frischt auf.
Im an die Laufstrecke grenzenden Biotop werben Frösche unermüdlich um die Gunst ihrer Artgenossinnen. Auch dabei geht es um die Ausdauer. Gelegentlich verirrt sich einer der Schreihälse auf unsere Bahn, doch zu Schaden kommt trotz der zahlreich vorbeiziehenden Füße keiner.
Einige Zeit schon trabe ich an der Seite des Südafrikaners Eric. Wir sind uns erstmals vor einigen Jahren beim Athener Ultramarathon Festival begegnet. Seit damals haben sich unsere Wege nicht mehr gekreuzt und trotzdem fühle ich nun, als würden wir uns schon ewig kennen. Wir lachen über die selben Scherze, haben die gleiche Einstellung zum Leben, saugen beide unsere Daseinslust aus der Laufleidenschaft. Ein Wiedersehen, dass eine sonnige Lichtung im Wald meiner Erinnerungen bleiben wird.
Apropos Sonne, ja die ist mittlerweile endgültig verschwunden. Wolken, so dunkel als kämen sie aus Mordor, begleitet von Donnergrollen ziehen heran. Sturmwarnung. Sonnenschirme, Transparente und Fahnen fliegen durch die Gegend. Das Quecksilber steuert in den Sinkflug. Mir ist kalt, starker Wind verbläst die Motivation. An der Labstelle stopfe ich zur Stärkung alles im vorbeilaufen Greifbare in mich hinein. Mandarinen, Honigbrötchen, Käse, Kartoffel, Bananen...... Zwischendurch gespült mit Molke, alkoholfreiem Bier und viel Wasser. Ein buntes Gemisch, welches mein Magen aber problemlos verdaut. Wie ähnlich muss er doch dem der Ratte sein, denke ich, als eine solche meinen Weg kreuzt und in der Anonymität der hereinbrechenden Nacht verschwindet.
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DIE NACHT IST MEINE VERBÜNDETE
Im Finstern und bei fahlem Licht zu laufen bin ich gewohnt. Das mag ich, da geschieht es mir leicht. Die Gedanken fliegen, man wird weniger durch äußere Eindrücke abgelenkt, die Beine laufen von selbst. Stunden fließen ineinander. Etwa um Mitternacht schließt der Himmel seine Schleuse. Kurze Zeit später beruhigt sich auch der Wind. Die Lufttemperatur beträgt nur noch frische 8°C. Ich fröstle der Morgendämmerung, der schönsten Zeit des Tages, entgegen. Langsam ziehen vom Horizont erste Tageslichtschleier in sanften Farbtönen heran. Vereinzeltes Quaken der ausdauerndsten Frösche untermalt den Morgenzauber akustisch, ansonsten herrscht Stille. Herrlich. Ein Hochgefühl drängt Ermüdung und Kälteempfinden in den Hintergrund. Ich genieße dieses magische Befinden intensiv, da mir doch bewusst ist, dass es von begrenzter Dauer sein wird. Bald schon wird wieder die Sonne herunterknallen und unsere Körper rösten. Lust wird dem Leiden weichen. Mal auf, mal ab, so ist das Leben.
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Der Kinderspielplatz, direkt an der Laufstrecke, kurz vor dem Labebereich, liegt ideal. Dort finden die zwei Jüngsten meiner Familie schon früh am Morgen Beschäftigung. Die Mutter der Beiden, meine Tochter, übt daneben Yoga-Verrenkungen, welche einem Ungeübten schon beim Zusehen die Bandscheiben spüren lassen. Und Heidi wohnt dem Geschehen mit zufriedener Miene bei. Passt. Die Dinge stehen gut.
Immer wieder schweift mein Blick in Richtung Süden, wo am Horizont das Wasser des Balaton-Sees mit dem Himmel verschmilzt. In der Ferne ziehen Segelboote vorüber, Möwen fliegen hinterher. Stoff für Tagträume. Mittlerweile steht unser Zentralgestirn unbedeckt und hoch über unseren Köpfen. Nur noch im fernen Westen türmen sich vereinzelt Haufenwolken. Meine Gedanken treiben durch die farbigen Bilder meines Lebens. Im Paradies schöner Erinnerungen lässt es sich gut verweilen.
Mittags liegen 144 Kilometer hinter mir und doch bin ich noch nicht weitergekommen, immer noch in der gleichen Runde. Wie in einem Hamsterrad. Wie sinnlos unser Tun manchmal erscheint. Was aber macht mehr Sinn? Einem Ball hinterherlaufen? Arbeiten bis zum Umfallen? Nichts tun, Dolce Vita? Nein, nur nicht zu intensiv über Sinn und Unsinn des Daseins grübeln. Nur nicht den Geist in die Hoffnungslosigkeit verlaufen lassen. Es ist ein kompliziertes Muster, zu dem der Stoff des Lebens geknüpft ist. Zuversicht, Hoffnung, Ausweglosigkeit und Verzweiflung liegen manchmal nahe beisammen.
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Plötzlich reißt mich eine männliche, raue aber fröhliche Stimme aus meinen Grübeleien. "Francesco" - entnehme ich der mir schwer verständlichen Wortsalve, einer Mischung aus italienischer und ein wenig englischer Sprache. Francesco ist ein südländischer Typ, quasi ein italienisches Original. Freundlich lächelnd gesellt er sich an meine Seite, entschuldigt sich für seine mangelhaften Fremdsprachenkenntnisse, lässt sich davon allerdings nicht abbringen, im Anschluss an seine Vorstellung, in einem bunten Wortgemisch einen guten Teil seiner Lebensgeschichte lebhaft vorzutragen. Kein Problem für mich, da ich ja ausreichend Zeit habe. Obwohl das Meiste seiner charismatischen Erzählung für mich unverständlich bleibt, empfinde ich die Gesellschaft Francescos als willkommene Belebung des Läuferalltages. Ja ich genieße es, die sonnige Ausstrahlung, die positive Lebenseinstellung dieses beneidenswerten Mannes zu fühlen.
Stunden verfließen. Der Tag geht zur Neige. Meine Augenlieder werden schwer, Müdigkeit breitet sich aus. Wie schon erwähnt bietet EMU, der Veranstalter, ein mit keinem anderen Ultralauf vergleichbares, luxuriöses Umfeld. Dies ist nicht zuletzt wegen der für diese Veranstaltung perfekten örtlichen Gegebenheiten des Campingplatzes Balatonfüred möglich. Wodurch wir Läufer den außergewöhnlichen Komfort genießen, in Bungalows und nicht wie üblich in Zelten oder einer großen Turnhalle untergebracht zu sein.
Jedes dieser heimeligen Häuschen ist mit zwei Schlafzimmer, einer geräumigen Wohnküche, Bad und WC ausgestattet. In meinem Schlafraum stehen zwei Betten. Eines davon wird unbenützt bleiben, da mein Mitbewohner es vorzieht, die kurzen Ruhezeiten in seinem Campingbus zu verbringen. Alleine ruht es sich erholsamer, meint er. Der Meinung schließe ich mich gerne an, obwohl wir uns bei den sehr kurzen Ruhepausen wahrscheinlich kaum im Zimmer begegnen würden. Nun bin ich ihm jedenfalls dankbar dafür, denn es ist an der Zeit meinem müden Körper etwas Ruhe zu gönnen.
Die Dunkelheit der Nacht ist bereits herangezogen als ich den Weg zur Schlafstätte einschlage, um mich endlich auf meinem einladenden Bett niederzulassen. Nach dem Ablegen der Schuhe verbreitet sich penetranter Gestank im Raum. Egal, Damenbesuch ist hier sowieso nicht zu erwarten. Mitsamt Kleidung, vom Schweiß salzverkrustet, von Sonnencreme und Schmutz klebrig in den Schlafsack gerollt, verfalle ich in Kürze in einen tiefen traumlosen Schlaf.
ES KOSTET MICH EINIGE ÜBERWINDUNG meinen geschundenen Körper nach weniger als zwei Stunden Ruhezeit aus dem warmen, weichen Schlafsack zu wälzen. Nur nicht lange zögern, ansonsten....... Jacke übergestreift, hinein in die Schuhe und ab geht es wankenden Schrittes hinaus in die Finsternis..
Die Kälte kriecht mir unter die Haut, welch eine Qual. Am Streckenrand kotzt einer der Japaner, in gebückter Haltung, seinen Mageninhalt aus sich heraus. Auf die Frage ob man ihm helfen könne winkt er dankend ab. Auch gut. Es geht weiter. Wenige Runden später erreicht mein Leib Betriebstemperatur. Alles läuft wieder einigermaßen rund. Im Morgengrauen, der mir liebsten Tageszeit, durchlebe ich abermals einen physischen und psychischen Höhenflug. Mit neugeborener Hoffnung und wiedererlangter Leichtfüßigkeit trabe ich dem neuen Morgen entgegen. Die Schmerzen der noch nicht ganz ausgeheilten Verletzung im rechten Bein sind wie weggeblasen. Mein Laufschritt ist nun runder als wenige Stunden zuvor. So ist es angenehm sich auf ausschweifende Gedankenreisen zu begeben. Stunden vergehen unmerklich. Die Gunst des Schicksals ist mir wieder gnädig.
Zur Mittagszeit, 48 Stunden nach dem Start des Rennens, stehen zu meiner Zufriedenheit 250 Kilometer auf dem Zeitnehmungsdisplay, neben meinem Namen. Gut, so kann es weiterlaufen.
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DER KÖRPER SCHWITZT, IST SCHON AM STINKEN, HÖCHSTE ZEIT EIN BIER ZU TRINKEN.
Gedacht, getan und es bleibt nicht bei dem einen. Selbstverständlich handelt es sich dabei wieder um alkoholfreies Bier, und zwar um schmackhaftes ungarisches Soproni. Aus den Lautsprechern bei der Labstelle röhrt Bon Scotts mitreißende Stimme - "Highway to Hell". Ein Musikstück dass mich wie absurdes aber dennoch motivierendes Schlachtgesänge in die entlegensten Winkel der Welt verfolgt. Partystimmung. Betreuer wippen im Takt, rufen uns Läufer aufmunternde Parolen zu.
Parallel zum Stimmungsbarometer steigt das Thermometer, wie zum Hohn gegenteiliger Wettervorhersagen. Plus 33° C, - wie Kuchen im Backrohr sind meine Füße in den Laufschuhen aufgegangen. Obwohl ursprünglich um zwei Nummern zu groß, umschließen die Nikes nun das Ende meiner geschwollenen unteren Extremitäten wie Presswursthäute. Jeder Schritt schmerzt. Es ist der Schmerz der den Verlust von Zehennägel ankündigt. Den kenne ich gut. Dagegen muss etwas getan werden.
Also ab in die Unterkunft und raus aus den Folterwerkzeugen. Mit scharfer Klinge schneide ich einige Längsschlitze in den vorderen Bereich der Schuhe um meinen Zehen Freiraum zu verschaffen. Durch diese Maßnahme gewinne ich die Freiheit zusätzlicher Schuhgröße und komme noch dazu in den Genuss angenehmer Belüftung. Hafterleichterung im Schuhgefängnis.
Nach dem kurzen Boxenstop geht es zügig weiter. Die Mädls meiner Familie genießen die stimmungsvolle Abenddämmerung auf der Terrasse ihres gemütlichen Bungalows, wenige Meter neben der Laufstrecke. Manchmal winken sie mir fröhlich zu. Kurzweilige Schwätzchen mit dem sehr netten österreichischen Landsmann Andreas, dem aus den Osten Deutschlands stammenden Thomas und einigen anderen vom Laufsport besessenen, lassen die Zeit unmerklich verstreichen.
Die Nacht ist sternenklar und kühl. Joe aus den USA, läuft noch immer in Minimalstbekleidung, einem kurzen Laufhöschen. Der Anblick seines nackten Oberkörpers, bei +8°C, lässt bei so manchem unter uns Gänsehaut aufkommen. Ich selbst bevorzuge es in der Nacht in einem Langarmshirt, etwas overdressed zu laufen, möchte mich nicht in die Gruppe der Grippegeschwächten einreihen. Tückisch sind die Temperaturschwankungen von Tag auf Nacht, einige Athleten hat es schon erwischt. Kein Wunder, wo doch das Immunsystem der Läufer - durch die dauerhafte Belastung - an seine Leistungsgrenze stoßt.
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ÄRGER
Ein routinemäßiger Kontrollblick zu Boden, in den Bereich meiner Laufwerkzeuge jagd mir eine ordentliche Ladung Adrenalin durch den Körper. Das Klettband mit dem Zeitnehmungschip ist nicht mehr an meinem Bein. Das bedeutet - keine Zeitmessung und damit keine Wertung der zurückgelegten Kilometer. Verärgert trabe ich mit suchendem Blick die Laufstrecke entlang, befrage Streckenposten ob das Band möglicherweise abgegeben wurde. - Nichts. Ratlosigkeit.
Da fährt unverhofft ein Gedankenblitz aus dem Sumpf meines übermüdeten Geistes. - Auf dem Bett, dort muss es liegen geblieben sein. Nach dem Eincremen meiner Füße, vor...... Ja, wann war das denn eigentlich? Sch....., das liegt doch schon 5, 6 oder mehr Runden zurück. Leere Kilometer. - Wie ein besessener laufe ich in mein Zimmer, und tatsächlich, da liegt das Chipband.
Zornig binde ich das unselige Ding an mein Fußgelenk, jage sofort wieder los, will die verlorenen Kilometer mit höherem Tempo wettmachen. Runde um Runde ziehe ich dahin, überhole einen nach dem anderen, bis der Ärger verflogen ist. Währenddessen verfliegen auch die Stunden der Nacht. Die gewohnte Gelassenheit kehrt wieder in mich.
356 KILOMETER STEHEN NACH 72 STUNDEN in der offiziellen Wertung auf meinem Konto. Tatsächlich sind es mehr, und wäre mir nicht das Missgeschick mit dem Zeitnehmungschip passiert ....... Darüber aber will ich nun gar nicht mehr nachdenken. Glücklicherweise lassen mir meine ostdeutschen Freunde, Carsten und Alexander keine Zeit um zu Grübeln. Vis a vis der allgemeinen Labestelle haben die Beiden, mit Hilfe ihrer Großfamilie, eine luxuriöse, persönliche Verpflegungsstelle eingerichtet. Da stehen Sonnenschirme, Liegestühle, Kühltaschen. Der große, einladende Tisch ist reichlich gedeckt, die Stimmung der freundlichen Familienmitglieder lädt zum Verweilen ein. Dazu lasse ich mich nun gerne überreden. Kaum stehen geblieben, rückt man mir schon einen Stuhl unters Gesäß und erklärt mich sogleich als dazugehörig. Ich werde umsorgt, bewirtet, bemuttert, fühle mich wie der Hahn im Korb. Kaum zu glauben welch nette Menschen es noch gibt.
Das Motiv warum sich diese außergewöhnlichen Leute hier wohl fühlen ist nicht weniger interessant als sie selbst. Der Balaton war nämlich vor dem Fall der Mauer, für die Bürger aus dem Osten Deutschlands ein beliebtes Reiseziel, so auch für meine Gastgeber. Schöne Erinnerungen haben sie von den damaligen Urlauben hier am Plattensee behalten. Erinnerungen, die sie gerne bei Erzählungen mit glänzenden Augen erwachen lassen. So wurde dieser Ort im Laufe der Jahre zu so etwas wie einer zweiten Heimat, der sie bis heute treu geblieben sind. Und für Alexander und Carsten ist es eine wunderbare Fügung des Schicksals, dass dieses Ultramarathonereignis gerade hier stattfindet.
Während ich mir den Bauch vollschlage, lausche ich ihren Erzählungen. Doch so angenehm es in dieser gastfreundlichen Schar für Leib und Seele auch ist, ich muss weiter, habe keine Ruhe in mir, bin schließlich nicht hier um zu rasten. Schnell auf die Beine, einige Dankesworte und auf geht es wieder im Laufschritt ins Ultrakarusell.
An einer anderen Stelle unserer wohlbekannten Runde, winkt mir Andi zu - ein Freund aus meiner Heimat. Welch eine Überraschung, ich freue mich ihn zu sehen. Mit breitem Grinsen hält er seine neue Fotokamera im Anschlag. Die Begeisterung über seine neue Anschaffung steht ihm ins Gesicht geschrieben. Gleich späht er über einen angrenzenden Zaun - wie ein Paparazzi, durch den Sucher seiner Kamera - dann entdecke ich ihn ein Stück weiter (diesmal am Boden liegend), selbstverständlich wieder den Finger am Auslöser, bald darauf....... Wo und in welcher Stellung ich Andi in der nächsten Runde vorfinden werde entwickelt sich bis zum Abend hin zu einem unterhaltsamen Zeitvertreib.
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Der Tag geht zur Neige. Sanfte Nachtschatten ziehen herbei. Die Augenlieder werden schwer. Benommen gähne ich einen stillen Schrei nach Kaffee ins Universum. Unverzüglich komme ich dem Verlangen an der Verpflegungsstelle nach - gut gesüßt, um bei Laune zu bleiben und der Unterzuckerung entgegen zu wirken. Doch der belebende Effekt des Coffein-Shots ist nicht von langer Dauer, zu groß ist das Schlafdefizit der letzten Tage. Wie ein trüber Schleier legt sich Müdigkeit über meine Wahrnehmung. Bin ausgelaugt, leer, brauche etwas Ruhe. Endlich, kurz vor Mitternacht ergebe ich mich dem drängenden Bedürfnis zu schlafen.
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IM BRACKWASSER DES GEISTIGEN SUMPFES
Benebelt wälze ich mich nach zweistündigem Schlaf orientierungslos aus dem Bett. Habe keine Ahnung wo ich bin, was ich hier mache. Fühle mich als wäre ich soeben vom Kreuz genommen worden. Die Luft ist stickig, schweißgeschwängert. Schmutzige Wäsche liegt verstreut am Boden. Was ist geschehen? Was mache ich hier? Kann mich an nichts erinnern, habe ich mein Gedächtnis verloren? Angst breitet sich aus. Verzweifelt irre ich im Zimmer umher, weiß nicht wonach ich suche. Bange Minuten. Da, die Türe - ich muss hinaus, ertrage es nicht länger in diesem anonymen Raum zu bleiben, möchte diesen Logenplatz der Hölle verlassen.
Vor der Behausung traben Läufer schleppenden Schrittes im fahlen Laternenlicht dahin. Bekannte Gesichter. Hoffnungsvoll schließe ich mich an. Surreal erscheint das Umfeld, so als würde die Zeit zähflüssig verrinnen. Langsam, Schritt für Schritt geht das Licht im Erinnerungsspeicher endlich an. Eine gefühlte Ewigkeit später bin ich wieder Herr über mein Denkvermögen. Fragen beschäftigen das nun wieder lückenlos arbeitende Gehirn. Was ist geschehen? Woran lag es dass diese Erinnerungsblockade entstehen konnte?
Bezüglich Sinnestäuschungen, aufgrund von Schlafmangel in Verbindung mit extremer körperlicher Belastung und der vermutlich daraus resultierenden Sauerstoffunterversorgung des Gehirns, habe ich ja beim Yukon Arctic Ultramarathon schon Erfahrung gesammelt. Ähnliches erlebte ich bei Mehrtagesläufen in stark übermüdeten Zustand ja des Öfteren, aber einen Totalaussetzer des Erinnerungsvermögens bis dato noch nicht. Eine neue Erfahrung, welche mir in Erinnerung ruft, dass der Preis eines Grenzganges zumeist der Verlust des sicheren Lebens ist.
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Die warme Morgenluft hat die Bäume mit Kondenströpfchen überzogen, welche durch das Laternenlicht wie Edelsteine funkeln. Seelenbalsam. Optimismus kehrt zurück, wandelt sich zu angenehmer Zuversicht. Wie schön es doch ist am frühen Morgen zu Laufen. Mit den ersten Sonnenstrahlen des neuen Tages, beginnt reges Treiben auf der Terrasse der Unterkunft meiner Familie. Aufbruchsstimmung. Abreisetag - ihr Urlaub ist aus beruflichen Gründen zu Ende. Sie werden unseren Zieleinlauf hier leider nicht miterleben. Der Zeitpunkt des Abschiedes ist gekommen. Nur noch ein kurzer Austausch von Zärtlichkeiten, danach ein letztes Zuwinken aus dem Auto, dann verschwinden die vier aus meinem Blickfeld.
Manchmal rast die Zeit, manchmal bleibt sie einfach stehen. Der heutige Tag schleppt sich schon am Vormittag wie ein Faultier dahin. Zum Glück bleibe ich zur Zeit von physischen Problemen verschont, obwohl meine Füße nun seit 450 Kilometer in denselben Schuhen stecken. Nicht dass es an Ersatzschuhen mangeln würde, nein solche sind ausreichend vorhanden. Aber, obwohl normalerweise um zwei Nummern zu groß, sind diese nun eben zu klein. Und so werde ich wohl die letzten beiden Tage hier auch noch in meinen beschnittenen Patschen verbringen.
Egal, die Sache mit der Dämpfung wird sowieso überbewertet, ist großteils Geschäftemacherei der Sportartikelhersteller, wie eine sportwissenschaftliche Studie der University of Virgina verdeutlicht. Dort schickte man 68 Sportler mit neutralen Laufschuhen der Firma Brooks aufs Laufband. Der Bewegungsablauf wurde mit einer Hochgeschwindigkeitskamera erfasst um auftretende Kräfte berechnen zu können. Anschließend wiederholte man die Prozedur barfuß. Ernüchtert stellte man fest, dass Bein und Hüftgelenke beim Laufen mit modernsten Laufschuhen einer höheren Belastung ausgesetzt waren als beim Barfußlaufen. Die Knie um durchschnittlich 37 Prozent, die Hüften gar um durchschnittlich 54 Prozent. Verursacht wurde dies vom erhöhten Absatz (erhöht wegen des Dämpfungssystems im Fersenbereich) und dem Stützmaterial unter dem Fußgewölbe.
Amerikanische Lauftrainer kannten das Problem schon seit längerem - las ich in einem anderen Bericht. Sie hatten beobachtet, dass ihre Schützlinge eine wesentlich höhere Verletzungsrate mit neuen Schuhen hatten, als mit abgetragenen. Dort vertritt mancher gar die Meinung, dass Laufschuhe erst bei einer Kilometerleistung weniger zu Verletzungen beitragen, wo die Hersteller bereits die Entsorgung empfehlen.
Außerdem integrierten sie in ihren Trainingsplan wöchentlich mindestens eine Barfuß- Laufeinheit um die Muskulatur der Fußsohlen zu stärken, den Füßen wieder die Kraft für die natürliche Dämpfung zu verleihen.
Dies war der Punkt wo ich vor einigen Jahren nach einem Muskelfaserriss an mir zu arbeiten begann. Um im Winter nicht auf nackten Sohlen durch die Gegend zu laufen und in weiterer Folge dadurch zur Umsatzsteigerung meines Hausarztes und unseres Urologen beizutragen, schlüpfte ich in Neoprenpatschen mit dünner, weicher Sohle. Damit kommt man dem Barfußlaufen sehr nahe, vermeidet Verletzungen, Erkrankungen wie Blasenentzündung und erreicht trotzdem den gewünschten Effekt, nämlich gestärkte, Bastonade-taugliche Fußsohlen.
Tja und auch beim Thema Schuhe gab es Grund genug mich neu zu orientieren. Denn ganz ohne Schuhe geht es bei einem Laufumfang wie dem Meinen nicht. Zu lange sind die Strecken auf hartem Asphalt.
Nach zahlreichen Begutachtungen stellte ich fest, dass die Laufschuhe im mittleren Preissegment einen günstigeren Neigungswinkel dem Fußbett boten als die teuren Spitzenmodelle. Das dürfte, wie schon erwähnt, auf die überzogene Dämpfung und Stabilisierung bei den Top-Modellen zurückzuführen sein. Kein Problem, es gibt nichts dagegen einzuwenden für weniger Geld besseres zu bekommen.
5 Paare neutraler Laufschuhe (im mittleren Preisbereich), verschiedener Hersteller, habe ich seitdem ständig abwechselnd in Verwendung. Abwechselnd deshalb, um mich nicht einseitig auf das Fußbett eines einzelnen Herstellers einzulaufen, um die Belastung am Bewegungsapparat zu verteilen.
Weiters benütze ich jedes Paar nun nicht mehr nur 700 - 1000 Kilometer (wie es die Hersteller ihres Umsatzes wegen gerne hätten), sondern verwende die Schuhe 2000 Kilometer und noch mehr - dem individuellen äußeren Verschleiß entsprechend.
Und siehe da, seit der Realisierung dieser Erkenntnisse bin ich, trotz nochmaliger Steigerung meines Laufpensums, vor Verletzungen durch Überlastung verschont geblieben. Letztendlich war es ein langwieriger aber lohnender Selbstversuch.
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DAS ZEITGEFÜHL GEHT VERLOREN
So ziehe ich also in meinen bestens eingelaufenen Schuhen problemlos weiter. Die Augen sind bleischwer vor Müdigkeit. Der Tag und die darauf folgende Nacht schleichen beinahe unbemerkt an mir vorbei. Betäubend wirkt der Effekt ständiger Bewegung, nimmt mir jegliches Empfinden. Das Zeitgefühl geht verloren. Erst in den Morgenstunden schäle ich mich langsam aus der Zuflucht der Gedanken in die Realität zurück.
Zu meiner Rechten trällert ein offensichtlich geistig weggetretener Kollege ein mir unbekanntes Lied in französischer Sprache. Kurze Gesangspausen füllt er mit seltsamem Murmeln, welches scheinbar an imaginäre Personen am Streckenrand gerichtet ist. Meine Anwesenheit nimmt er nicht zur Kenntnis. Tranceartig steuert der hohlwangige Typ zur Labestelle, wo man ihm wortlos zwei Becher mit Kaffee kredenzt. Einem Kampftrinker gleich schüttet er sich den Inhalt beider Becher - scheinbar ohne zu schlucken in den Rachen - wendet und zieht sofort wieder singend des Weges. "Nur Koffein hält in noch auf den Beinen und davon hat er schon reichlich im Blut" - schildert mir der Betreuer an der Kaffeetheke, während er lächelnd einen Becher mit dem herrlich duftenden Bohnensaft für mich befüllt. Es gäbe schon die Überlegung (von ärztlicher Seite der Rennleitung), dem Franzosen eine Zwangspause zu verordnen, um seine Gesundheit nicht zu gefährden - erzählt er weiter.
Zwangspause?! Sieh mal einer an, wie nahe war ich wohl in den letzten Stunden daran solch eine Zwangspause verordnet zu bekommen - frage ich mich und bemühe mich sofort einen munteren Eindruck zu erwecken. Den Kaffeemann amüsiert dies, er wertet meine Regung als kleine Showeinlage, kontert mit anfeuerndem Ruf, worauf wir beide uns das Lachen nicht verhalten können. Solche Augenblicke geben neue Kraft.
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Der heutige Morgen beschert uns den Temperaturtiefpunkt der letzten Tage, nämlich 6°C. Die klimatischen Bedingungen der ungarischen Puszta ähneln zur Zeit denen der Wüste, heiße Tage - kalte Nächte. Und so kommt mir das Rumoren im Verdauungstrakt ausnahmsweise nicht ganz ungelegen. Bin ich dadurch doch zum Einkehrschwung ins wohlig warme Gemach gezwungen, um mich der Endprodukte meines Stoffwechsels zu entledigen. Ein Notfall sozusagen, und dem ergebe ich mich nun gerne. Doch schnell ist das Geschäft verrichtet, der Genuss der Wärme ist leider somit von kurzer Dauer. Denn jetzt gilt es dringend die schon seit längerem plagende, brennende Wunde an heikler Stelle zu versorgen. Und zwar in der Furche meines Sitzfleisches (eigentlich eine Fehlbezeichnung dieses Körperteils - zumindest in meinem Falle). Wundgescheuert, vom Schweiß entzunden, eine unangenehme Sache an unangenehmer Stelle. In dieser Situation scheint sich der Ultralangstreckenlauf als Geheimtip für Masochisten zu empfehlen und manch unbeteiligter mag an dieser Stelle vielleicht die intellektuelle Potenz jener die solche Sachen machen in Frage stellen. Das aber geht mir genau an dem vorbei den ich gerade mit Heilsalbe und Vaseline eincreme. Längst weiß ich die positive Langzeitwirkung - nach Bewältigung eines derartigen Kraftaktes - auf mein Gesamtbefinden zu schätzen, neue Kraft daraus zu schöpfen und Neider zu ignorieren.
Langsam nähert sich mein manchmal schmerzhafter aber größtenteils schöner Urlaub dem finalen Sechstel. Wieder lasse ich mich vom monotonen Laufschritt in meine lebhafte Gedankenwelt wiegen, durchlebe Vergangenes und schmiede Pläne für die Zukunft. Abgekämpfte, vom Schlafdefizit gezeichnete Gestalten sind meine nun wortkargen Begleiter. Westliche Gesichter haben durch die dauerhafte Strapaz zunehmend asiatische Züge angenommen. Der Wunsch diesem Treiben ein Ende zu setzen steht einigen in die Visage geschrieben. Es reicht - und doch geht es weiter. Wer so lange durchgehalten hat gibt nicht auf. Lässt sich nicht gehen, ist nur noch vom Willen beseelt bis zur Schlusssirene durchzubeißen, koste es was es wolle.
Doch der Himmel ist gnädig und sendet uns Engel, verkörpert als hilfsbereite Betreuer des ungarischen Ultramarathon-Vereins EMU. Sie wissen um das Befinden der Athleten, denn obwohl einige von ihnen seit mehr als 5 Tagen - mit nur kurzen Schlafpausen - auf den Beinen sind, scheuen sie nach wie vor keine Mühe uns Läufer zu motivieren. Ihnen gebührt außerordentlicher Dank.
Aufmunternd und unterhaltsam wird mir die Ehrung welche sie mir zu meiner bereits erbrachten Leistung zuteil werden lassen in Erinnerung bleiben. Ja und Aufmunterung ist genau das was mein Gemüt nach der komaartigen 90-minütigen Schlafpause nun gerade dringend benötigt. Es fühlt sich an als hätte ich die Nacht durchzecht, mich ausgiebigst geistigen Getränken hingegeben - während ich das Bett verlasse. Schlaftrunken wanke ich aus dem Zimmer. Mittlerweile ist es kurz nach Mitternacht, der Lauf ist nun 133 Stunden alt, nur noch 11 Stunden bis zur Schlusssirene. Finale.
Langsam findet sich ein träger Laufrhythmus, doch so richtig zünden will der Motor nicht. Geduld ist wieder angesagt. Gerade versuche ich mich in den treibenden Wolken im Mondlicht zu verlieren, da bricht um mich herum Jubel los. Grelles Kamerascheinwerferlicht leuchtet mir entgegen. Ein Sektkorken wird mit lautem Knall aus seiner Flasche befreit.
Vor einer Tafel mit der Aufschrift 600 - meiner eben erreichten Kilometerlaufleistung - werde ich gestoppt. Die Ereignisse überschlagen sich. Händeschütteln, Schulterklopfen, nette Worte, Blitzlichtgewitter. Mit zuckersüßem Kindersekt wird geprostet und es fehlt nur noch Hörnerklang und Trommelwirbel. Schöne, unvergessliche Momente und doch bin ich froh nach der kurzen Zeremonie wieder in den Läuferalltag entlassen zu werden. Die ausgeprägte Affinität zur Rampensau fehlt mir eben. Gerade möchte ich mich nach kurzer Bekundung meiner Dankbarkeit verdünnisieren, da zwangsbeglückt mich die Rennleitung mit einer handlichen Fahne am Stiel - plakativ beschriftet mit der Zahl 600 - , um damit bei einer Ehrenrunde meine bereits erbrachte Leistung zur Schau zu stellen. Na super, das ist genau die Art Exhibition, mit der ich nicht perdu bin. Aber was tut man nicht alles um in der Gunst netter Menschen zu bleiben. Ohne Widerwillen zu zeigen ziehe ich los, ernte Applaus, anerkennende Zurufe und wer hätte es nicht vermutet, natürlich auch schräge Blicke. Vor allem von unseren Freunden aus dem fernen Osten, den Japanern. Nur noch wenige Kilometer trennen mich in der Wertung von ihrem Athleten Kenji und sein Vorsprung schmilzt langsam aber kontinuierlich.
Seine zierliche Betreuerin notiert, vom Bildschirm der elektronischen Zeitnehmung, aktuelle Rundenzeiten (vermutlich auch die Meinigen). Energisch peitscht sie ihren vorbeilaufenden Schützling verbal mit für mich unverständlichen aber wenig schmeichelnd klingenden Wortsalven voran. Ja, ja, klein von Wuchs aber große Autorität, das kennt man - denke ich. Emotionslos steigert Kenji sein Tempo. Ich hefte mich an seine Fersen, die Jagd hat begonnen.
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TAKTIEREN
Die folgenden Stunden versprechen hart zu werden, Kenjis jetztiges Tempo ist mir eigentlich zu hoch und doch fällt es mir nicht ein ihn ziehen zu lassen. Nur wenige Meter liegen zwischen uns. Runde um Runde halte ich den Abstand konstant, finde mehr und mehr gefallen in der Rolle des Jägers. Verstohlene Blicke des Japaners zeigen in meine Richtung. Mimi, die im Ranking benachbarte Französin, ist mittlerweile auf uns aufmerksam geworden. Auch sie will um einen guten Platz mitkämpfen und wird schneller. Und so fehlt es auch in den letzten Stunden dieses Wettkampfes, trotz Müdigkeit und Blessuren jedes Einzelnen, keineswegs an Dynamik. Obwohl der Ultralangstreckenlauf normalerweise vom Konkurrenzdenken nicht übermäßig beherrscht wird und es bei kaum einer anderen Sportart demokratischer zugeht, ist nun in einigen von uns das Rennpferd erwacht.
Zu schnell geht es dahin und wenn nicht bald einer von uns zur Vernunft kommt, werden wir wohl Opfer des Eifers werden. Wie Scharfschützen haben wir unser Ziel - dem Anderen nichts zu schenken - anvisiert, und dabei den Rest der Welt aus den Augen verloren. Nach einiger Zeit brennen meine Fußsohlen als würden ich barfuß auf glühenden Kohlen Sirtaki tanzen. Die unbeschreibliche Müdigkeit des Mehrtageslaufes macht sich breit. Der Körper zeigt Schwäche, also muss der Geist helfen. Einmal mehr lasse ich mich von der wundervollen Stimmung der Morgendämmerung in hoffnungsvolle Gedanken wiegen. Die Zeit hört auf zu existieren.
Irgendwann später - erweckt verhaltenes Stöhnen des Japaners meine Aufmerksamkeit. Die Elastizität seiner Bewegungen schwindet. Kenji wird langsamer und langsamer. Bald darauf beginnt er zu wanken, dann Stillstand. Sein Gesichtsausdruck wirkt gequält als ich an ihm vorbeiziehe. Leiden lässt in der Seele Kräfte frei werden, aber auch die sind natürlich begrenzt. Nun ist unser asiatischer Kollege augenscheinlich reif fürs Bett, wohin er vermutlich auch soeben verschwunden ist.
Mimi lässt sich von der Kamikaze-Aktion ihrer männlichen Mitstreiter nicht mitreißen. Die Taktik der Französin ist besonnener, sie läuft langsamer aber gleichmäßig - unentwegt.
Also verkürze auch ich meine Schritte, lege den Schongang ein, um nicht das gleich Schicksal wie Kenji zu erleiden. In der Euphorie des Wettkampfes bewegen wir uns auf schmalem Grat in Richtung persönlicher Top-Leistung. Unbemerkt höhlen - bei Übereifer - Erschöpfung und Schmerzen die Willenskraft aus, ermüden dabei nicht nur den Körper sondern auch die Psyche vorzeitig. Aber so weit lasse ich es diesmal nicht kommen.
Als Kenji nach langer Abwesenheit wieder auf der Laufstrecke erscheint, habe ich seine bisherige Leistung übertroffen und bereits einen passablen Vorsprung. Weder ihm noch Mimi gelingt es nun mehr an mich heranzukommen. Das Rennen ist sozusagen gelaufen.
Die letzten Minuten vor dem Schlusssignal genießen mein sympathischer Landsmann Andreas und ich gemeinsam. Ein Wohlbefinden das sich im Alltag schwer finden lässt hat sich eingestellt. Selbstquälerische Zweifel die alles in Frage stellen sind fern, der kleine Teufel auf der Schulter ist verschwunden. Die Unbeschwertheit des Kindes in uns kommt zum Vorschein. Es sind erfüllende Augenblicke die uns das Leben beschert wenn wir unsere Träume wahr werden lassen.
Und kaum ertönt das Schlusssignal, werden auch schon Pläne für neue Aktionen geschmiedet. Ja, der Boden eines Ultralangstreckenläufers ist fruchtbar für abenteuerliche Träume. Man ist eigentlich niemals im Ziel - immer auf dem Weg.